Sonntag, 17. November 2013

Eindrücke vom "Volkstrauertag"

Gestern nahm ich an einer Feier­stunde mit Land­rat teil, um der Soldaten zu gedenken, die für Volk und Vater­land gefallen sind. Das Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewalt­herr­schaft will ich nicht schmälern. Es wichtig und soll seinen festen Platz haben. Das Opfer der Soldaten aber, das ich würdigen wollte, ist ein anderes als das der KZ-Häftlinge oder der Wider­stands­kämpfer. Ihr Drama ist ein anderes. Es ist die Unter­werfung unter einen politischen Willen aus der Not­wendig­keit gemeinsamen Handelns - auf Treu und Glauben. Soldaten tun und erleiden Schreck­liches im Krieg. Sie kämpfen, töten und fallen für die Wieder­herstellung der deutschen Ehre und für Mädchen­schulen in Afghanistan - und manchmal auch für Recht und Freiheit ihres Volkes. Wer kann das Drama sehen? Das Volk wählt, die Regierung ent­scheidet die Geschichte urteilt, doch der Soldat - so Landrat und Pfarrer im Verein - ist auf jeden Fall immer schuld. Im nächsten Jahr werde ich die Uniform zu Hause lassen. Es bringt dort keine Ehre, sie zu tragen. - Und um der Voll­ständig­keit willen: Es stimmt. Das Drama des Soldaten ist mir näher als das Schicksal des KZ-Häftlings oder des Widerstandskämpfer, denn ich bin weder das eine noch das andere je gewesen: nur Soldat. Nach der Vorstellung gestern habe ich jedoch erhebliche Zweifel, ob das Schicksal der Ver­folgten, Erniedrig­ten und Ermordeten, das gestern im Vorder­grund stehen sollte, wirklich besser ver­stan­den wird. - Ich verneige mich vor den Toten.

Kommentare:

Elsa hat gesagt…

Den Eintrag habe ich jetzt nicht verstanden.
Die "Schuld"zuweisung war doch sicher nur rhetorisch - man hatte doch zuvor die Hintergründe dargelegt? Oder nicht?

Andreas hat gesagt…

... zumal wir gut daran täten, heute nicht nur der Gefallenen der beiden Weltkriege zu gedenken, sondern auch jener Soldaten, die in jüngeren Einsätzen ihr Leben geopfert haben.

Vor einigen Jahren war ich letztmalig bei der "Totenehrung" auf dem Friedhof hier im Stadtteil. Die Feier wurde umfunktioniert zur Einweihung eines Gedächtnismals für anonym Bestattete. Sicher löblich, aber nicht Sinn des Tages. Verdrossen nahm ich mir vor, in den nächsten Jahren auf irgendein Dorf zu fahren und der gefallenen Soldaten zu gedenken in der Hoffnung, daß dies dort geschehe und in Würde geschehe. Leider lassen das meine Orgelverpflichtungen seither nicht zu. Auf der Fahrt nach Basel habe ich heute aber vom Zug aus im Vorbeifahren so eine Gedenkfeier auf einem Dorffriedhof gesehen und im Geist einen beim Zapfenstreich beliebten Choral gesummt.

Elsa hat gesagt…

Seit ich in Italien lebe, gehen die deutschen Feiertage eher an mir vorbei - mir war gar nicht bewusst, dass heute wieder Volkstrauertag ist. Wenn er aber umfunktioniert wird, ist es eh Quatsch.
In Italien gibt es einen eigenen "Tag der Streitkräfte", da geht es meines Wissens, ich hab mich nicht damit beschäftigt, um die Würdigung der Lebenden und toten Angehörigen der ital. Streitkräfte. Scheint mir jedenfalls sinnvoller zu sein....

Tiberius hat gesagt…

Welche Hintergründe sollten das sein? Die Ansprache des Landrats war in billigster "Schwerter zu Pflugscharen"-Rhetorik gestrickt, wie man sie seit den achtziger Jahren kennt. Vor dem Dutzend abgeordneter Soldaten hätte nur noch ein Tucholsky-Zitat gefehlt. Der Pfarrer hat die gleiche Kerbe gewählt. Wenn es ohne Eklat möglich gewesen wäre, hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht und die Veranstaltung verlassen.

Elsa hat gesagt…

Also nochmal? Die haben wirklich ERNSTHAFT gesagt, dass die Soldaten ja SCHULD sind? Am Krieg usw. usf.?
Ich verstehe es immer noch nicht.

Tiberius hat gesagt…

Die Argumentation ging etwa so: Krieg ist ein Verbrechen. Jeder, der sich an einem Krieg beteiligt, ist ein Verbrecher. Soldaten sind Täter. Opfer sind "die anderen". Nie wieder Krieg! Schwerter zu Pflugscharen! Fürbitte: Oh Gott, möge sich nie wieder jemand an einem Krieg beteiligen.

Elsa hat gesagt…

Selig sind die Armen im Geiste ...
Wie naiv kann man sein?
Das nächste Mal gehst du hin und machst den Eklat!

einfachentfachend hat gesagt…

Verstehe bestens, daß, wenn man als Soldat dort ist, diesen Skandal nicht begeht. Als Zivilist braucht einen nichts hindern...
Wie auch immer,Herr verschone uns vor solchem Pfaffentum!

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

"Ungedientes Pack!"
Es sind die immer gleichen dummen Gutmenschenreden an diesen Tagen.
Der Dank des Vaterlandes...

Elsa hat gesagt…

.... Der Dank des Vaterlandes sei dir gewiss - einsachtzig tief, du redest nicht ...

pflegt mein Großonkel (WKII-Veteran) immer zu sagen, daran hat mich Laurentius grad wieder erinnert...

Tiberius hat gesagt…

Ein weiser Mann, Dein Großonkel.