Donnerstag, 24. Oktober 2013

Susan Sontag über Fotografie

„Die Fotografie impliziert, daß wir über die Welt Bescheid wissen, wenn wir sie so hinnehmen, wie die Kamera sie aufzeichnet. Dies aber ist das Gegenteil von Verstehen, das damit beginnt, daß die Welt nicht so hingenommen wird, wie sie sich dem Betrachter darbietet. Jede Möglichkeit des Verstehens wurzelt in der Möglichkeit, nein zu sagen. Genau genommen läßt sich aus einem Foto nie etwas verstehen. [...] Die von der Kamera aufgezeichnete Realität wird zwangsläufig stets mehr verbergen als sie enthüllt. Brecht hat darauf hingewiesen, daß ein Foto der Krupp-Werke im Grunde genommen nicht von dieser Entität erkennen läßt. Die »Realität« der Welt liegt nicht in ihren Abbildern, sondern in ihren Funktionen. Funktionen sind zeitliche Abläufe und müssen im zeitlichen Kontext erklärt werden. Nur was fortlaufend geschildert wird, kann von uns verstanden werden.

Die fotografisch vermittelte Erkenntnis der Welt ist dadurch begrenzt, daß sie, obzwar sie das Gewissen anzustacheln vermag, letztlich doch nie ethische oder politische Erkenntnis sein kann. Die durch Standfotos vermittelte Erkenntnis wird stets von gewissen Sentiments bestimmt sein, ob von menschenverachtenden oder menschenfreundlichen. Es ist eine Erkenntnis zum Ausverkaufspreis – ein Abklatsch der Erkenntnis, ein Abklatsch der Weisheit, wie ja auch der Akt des Fotografierens nur scheinbare Aneignung, scheinbare Vergewaltigung ist. Gerade in der Stummheit dessen, was aus Fotografien hypothetisch verstehbar ist, liegen deren Reiz und Herausforderung. Die Allgegenwart von Fotografien hat eine unberechenbare Auswirkung auf unsere Fähigkeit, ethisch zu empfinden. Indem sie die ohnehin unübersichtlich gewordene Welt abbildet und so mit einem Duplikat ihrer selbst ausstattet, läßt uns die Fotografie die Welt verfügbarer erscheinen, als sie es in Wirklichkeit ist. 

Das Bedürfnis nach Bestätigung der Realität und Ausweitung des Erfahrungshorizontes durch Fotografien ist ein ästhetisches Konsumverhalten, dem heute jedermann verfallen ist. Die Industriegesellschaften verwandeln ihre Bürger in Bilder-Süchtige; dies ist die unwiderstehlichste Form von geistiger Verseuchung. Die schmerzliche Sehnsucht nach Schönheit, der Wunsch, nicht mehr unter der Oberfläche sondieren zu müssen, das Verlangen, sich mit der Welt in ihrer Gesamtheit wiederzuversöhnen und sie zu feiern – all diese sinnlichen Empfindungen kommen in dem Vergnügen, das wir an Fotos finden zum Ausruck.“

Susan Sontag, Über Fotografie, S. 28f.

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