Donnerstag, 31. Mai 2012

Einfache Sätze immer wieder sagen. Teil VII.

Wer das Gute fördert, macht das Böse zunichte.

Dienstag, 29. Mai 2012

August Froehlich, Blutzeuge für Christus, Teil 1


Das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, am 31. Juli 1941. Das Lagertor am Morgen. Die Lagerkapelle spielt. Häftlinge ziehen in langen Reihen zur Arbeit. Einige werden heute sterben. Neuzugänge werden gebracht. Unter Stockschlägen und im Laufschritt werden sie vom Bahnhof zum Lager getrieben oder auf Lastwagen antransportiert. Auch Pfarrer August Froehlich aus Rathenow ist dabei. Mit Schlägen und Fußtritten werden die Gefangenen empfangen. Stundenlang müssen sie vor dem Lager stehen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, zum sogenannten Sachsengruß, bis sie ganz taub sind. Es gibt Ohrfeigen und Tritte. Die Personalien werden aufgenommen. Danach erst folgt der Einmarsch in das eigentliche Lager. Das Tor schließt sich hinter den Gefangenen. "Jedem das Seine" steht daran. Das Martyrium von Pfarrer August Froehlich beginnt. 

August Froehlich wird am 26. Januar 1891 in Königshütte/Oberschlesien geboren. Er ist das zweite von fünf Kindern. Die Familie ist wohlhabend. Froehlich ist ein verschlossenes, trotziges Kind. Die Schule fällt ihm schwer. Schon als kleiner Junge will er Pfarrer werden. Er fällt durch die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium und kommt auf eine Vorbereitungsschule in Breslau. Am Gymnasium in Liegnitz sticht er heraus durch seine Aufrichtigkeit und sein Gerechtigkeitsempfinden. Das Abitur besteht er erst im zweiten Anlauf. Nach dem Abitur tritt Froehlich in das fürstbischöfliche Seminar in Breslau ein. Er muß hart arbeiten. Die Professoren sind ihm wohlgesonnen. Fröhlich ringt mit seinen Schwächen. Er schreibt: "Wie dumm und aufbrausend bin ich, vom Unwillen bis zum Zorn. Wie nachlässig im Gebet, in Andacht und Betrachtung, ich ein Theologe!" Er steht kurz vor der Priesterweihe. Es ist Heilig Abend 1914 - da erreicht ihn die Einberufung nach Berlin.
Froehlich muß in den Krieg. Mit dem Kaiser Alexander Garde Grenadierregiment kommt er an die Ostfront und wird gleich schwer verletzt. Eine Kugel trifft ihn ins Gesicht. Froehlich wird gefangen genommen. Ein Russe sticht den Verwundeten mit seinem Bajonett in Hals und Bauch und läßt ihn liegen. Froehlich überlebt und gesundet. An der Westfront kämpft er bei Arras, an der Somme und an der Aisne am Chemin des Dames. Er erhält das Eiserne Kreuz erster Klasse und wird Anfang 1918 zum Leutnant befördert. Bei einem Fliegerangriff wird er erneut verwundet und im Lazarett mit der spanischen Grippe infiziert. Kurz vor Kriegsende stößt er wieder zu seiner Einheit. Nur noch jeder Dritte ist am Leben. Briten und Amerikaner greifen an. Trotz schwerer Verluste, Übermüdung und Kälte wird das Alexander-Bataillon nicht aus der Front gelöst. Es wird vollständig aufgerieben. Froehlich gerät in britische Kriegsgefangenschaft - aber er überlebt. Mit anderen Offizieren kommt er in das Lager Lofthouse Park bei Leeds in England. Ein halbes Jahr gibt es nur Hungerrationen. Jede Bewegung macht den Hunger stark. Tagelang verharren die Gefangenen auf ihren Pritschen liegend. Mit der Zeit wird es besser. Froehlich bekommt Lebensmittel-Pakete. Er teilt mit anderen und er teilt gern.


In Buchenwald stehen die neuen Häftlinge stundenlang mit dem Gesicht zur Bunkermauer, abwechselnd die Arme zum Sachsengruß erhoben oder die Knie gebeugt. Wenn es einem Blockführer Spaß macht, jagt er die Leute mit ihren Koffern bis zur völligen Erschöpfung auf dem Appelplatz herum oder zwingt sie, sich in ihren Zivilkleidern im Dreck zu wälzen. Im Laufschritt geht es zum Bad. Man entkleidet sich und wird geschoren. Ein heißes oder nach Laune eiskaltes Brausebad folgt, worauf man der Bekleidungskammer zur Einkleidung vorgeführt wird. Der Umweg dorthin geht nicht selten auch im Winter nackt über die Lagerstrasse und den Appellplatz was Hunderte der Opfer entweder sofort oder durch nachfolgende Lungenentzündung das Leben kostet. Ohne Rücksicht auf Größe und Eigenheiten erhalten die Neuzugänge ihre gestreiften "Klamotten" zugeworfen. Mancher hat Glück, wenn gerade neue Bestände eingetroffen sind; die meisten erhalten zerschlissenes Zeug, daß sie mühselig erst im Laufe der Zeit verbessern können. Die nächste Station ist die Effektenkammer. Dort werden die mitgebrachten Habseligkeiten sortiert, aufgezeichnet und in einen Sack gegeben. In der Häftlingsschreibstube wird der Zugang noch am gleichen Tag in die dortige Kartei aufgenommen und einem bestimmten Block zugewiesen. Jeder Holzblock hat zwei Flügel, die Steinblöcke sind zweigeschossig und haben vier Flügel, jeder Flügel besteht aus Tagesraum und Schlafraum, belegt mit 100 bis 200 Häftlingen. Die Betten stehen in 2 bis 3 Etagen übereinander. Froehlich kommt als Schutzhäftling in die K-Kompanie für "dienstunwürdige" Soldaten.

Ende 1919 wird Froehlich aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Die Familie empfängt ihn in Königshütte. "Wo ist die Mama?", ist seine erste Frage. Sie ist seit Sommer tot. Sein erster Gang führt an das Grab der Mutter. Fröhlich ist erschüttert. Er geht in sich, betet. Fünf Jahre war er nun Soldat. Kann er noch Priester werden? Er studiert weiter. Im Breslauer Dom wird er im Sommer 1921 zum Priester geweiht. Seine Primiz feiert er in der Barbara-Kirche, im von Polen besetzten Königshütte. Im September geht er nach Berlin, als Kaplan in die Pfarrei St. Eduard Neukölln. Er ist voller Freude und Eifer. Froehlich liebt es zu unterrichten. Die Kinder lieben seine Witze und Geschichten. Die zwanziger Jahre sind eine schwere Zeit. Viele haben alles verloren. Froehlich organisiert Brot, er teilt sein Essen, hilft mit Geld, wo er kann. Klatsch und Tratsch verschlechtern das Verhältnis zu seinem Vorgesetzten. Seine Predigten werden gegengelesen. Der Pfarrer stellt sich offen gegen ihn. Froehlich hadert mit seiner Berufung. Am Grab des Berliner Missionsvikars Eduard Müller findet er in mancher Stunde Trost. 
1924 verliert Froehlich seine Kaplanstelle in St. Eduard. Die Versetzung liegt nach einem Urlaub auf dem Tisch. Das schmerzt. Er wird Kaplan in St. Bonifatius in Kreuzberg. Das Verhältnis zum dortigen Pfarrer ist von Anfang an belastet. Froehlich läßt sich davon nicht beirren. Er wird Seelsorger für das polizeibekannte Jungenheim der Gemeinde und fordert den Stärksten gleich zur Kraftprobe. Die Jungen sind beeindruckt. Sie vertrauen dem Kaplan. Froehlich kümmert sich um sie, opfert seine Freizeit. Die Polizei muß nicht mehr kommen. 1928 wird Froehlich nach St. Marien in Spandau versetzt. Die Pfarrhelferinnen machen ihm das Leben schwer. Die Beichtvorbereitung wird ihm entzogen, den Pfarrhelferinnen zugesprochen. Froehlich schreibt an den Bischof, er habe nicht mehr das Vertrauen seines Pfarrers: bitte um sofortige Versetzung. Er geht nach St. Thomas in Charlottenburg. Eine gute Zeit. Später wird sein Pfarrer schreiben: "Von den 15 Kaplänen, die ich bisher gehabt habe, habe ich Kaplan Froehlich wegen seines großen Charakters und seiner ernsten Berufsauffassung besonders geschätzt."

Die K-Kompanie, der Froehlich zugewiesen wird, gehört zur Strafkompanie des Lagers Buchenwald. Ein Lager im Lager. Die Blocks sind doppelt umzäunt und verschlossen. Der Kontakt zu anderen Häftlingen ist verboten. Nur alle Vierteljahr darf Froehlich einen zensierten Brief an seine Angehörigen schreiben, nur alle Vierteljahr einen Brief empfangen. Wie alle Gefangenen der Straf- und K-Kompanie wird Froehlich in den Steinbruch kommandiert. Ein Himmelfahrtskommando. Ein Überlebender erinnert sich daran: "Wir arbeiteten täglich 12 Stunden im Steinbruch und außerdem drei bis vier Stunden im Gärtnereigelände. Im Steinbruch mußten wir Tag für Tag 52 bis 54 Loren, beladen mit 30 bis 40 Zentnern Steinen, eine Steigung von ca. 25° 500 Meter im Laufschritt in Holzschuhen bergauf ziehen, herunter ging es im Eiltempo. Dadurch bekamen wir alle wunde Füße, die wir im Revier nicht behandeln lassen durften. Dazu ständige Prügel von den SS-Posten, Kapos und Vorarbeitern. ... Die Pause für den ganzen Tag betrug eine halbe Stunde, allerdings ohne Essen und Trinken. Die Mehrzahl der Kameraden hatte Durchfall, durfte aber nicht austreten, und die eigene Hose war Ersatz für das Klosett. Oft warfen die uns begleitenden SS-Posten unsere Mützen 2-3 Meter von sich weg und befahlen, diese wieder zu holen. Dabei schossen sie viele nieder, um in den Genuß von Urlaub und Abschußprämien zu kommen. ... [eine] andere Liquidierungsmethoden war das "Fertigmachen", das heißt der Häftling wurde bis zum Wahnsinn gequält, worauf er, um seine Qualen zu beenden, durch die Postenkette lief [und erschossen wurde]. Diejenigen Häftlinge, die bei der Arbeit ohnmächtig wurden, begoß man mit Wasser, bis sie wieder zu sich kamen und weiterarbeiteten. ... Das war die Hölle vom Steinbruch im Konzentrationslager Buchenwald."

Fortsetzung folgt.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Einfache Sätze immer wieder sagen. Teil VI.

Wir leben in einer gefallenen Welt.

Freitag, 4. Mai 2012

Der gute Mensch von Saratow: Clemens Pickel

Bischof Clemens Pickel betreibt das Blog "Katholisch in Südrussland". Nach eigener Aussage "weder professionell, noch offiziell" - dafür aber authentisch, interessant und liebenswert. Eine absolute Empfehlung.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Mein Heiland in Hamburg am Kreuz


Das Bild zeigt den Altarbereich, in dem ich meine erste Kommunion und auch die Firmung empfing, bevor ich der Kirche für mehr als ein Jahrzehnt den Rücken kehrte, um mich ernsthafteren und vernünftigeren Dingen zu widmen. An die erste Ausstattung der Kirche habe ich so gut wie keine Erinnerungen. Die Umgestaltung erfolgte kurz vor meiner Einschulung Anfang der achtziger Jahre. Die kleine Kirche aus den Dreißigern wurde an der Josephseite geöffnet und im rechten Winkel erweitert, der Altar vom Osten in den Süden verlegt. An einen Hochaltar oder an Kommunionbänke - die es wohl gegeben haben muß - kann ich mich nicht erinnern, noch an irgendeinen anderen Schmuck. Was mir aber in Erinnerung blieb, waren die Züge des Gekreuzigten, der den ersten Altarraum überragte. Er durfte nach dem Umbau hängen bleiben, wo er war, und hängt nun über einem Taufstein, überlebensgroß, in einer Ausbuchtung der Kirche, die früher sein Altarraum war.
Ich kann mich gut erinnern, wie ich mit ihm, der mich so leidend, groß und männlich anschwieg, im Herzen haderte. "Wenn Du wirklich Gottes Sohn bist, wenn Du ein Kerl bist, und nicht nur ein Mensch, ein schwacher noch dazu", habe ich gedacht, "wenn Du, der Du da hängst, wirklich allmächtig bist, warum zeigst Du´s nicht, warum kämpfst Du nicht, warum steigst Du nicht herab? Bist Du etwa feige?" Es dauerte etwas länger, bis ich begriff, wieviel stärker und größer er gehandelt hatte. Er aber hat mich nicht gelassen. Er ist mir hinterhergegangen und hat mich eingefangen. Sein Nachfolger von der Südseite hätte das sicher nicht gekonnt. Mit dem war ich schon fertig als ich ihn das erste Mal sah. In meinen Augen hätte er, selbst wenn er gewollt hätte, nicht vom Kreuz herabsteigen können. Ein Weichei, von dem ich mir nicht einmal sicher war, ob er denn überhaupt ein Junge oder Mädchen sei.