Samstag, 1. September 2012

Die kräftige Nahrung der Frömmigkeit

"Angesichts der Fortschritte, welche die Musik in den letzten drei Jahrhunderten gemacht hat, im Besitze der reich entfalteten Harmonie, der Kenntnisse und Hilfsmittel, welche früher Niemand ahnte - kann man da noch behaupten, dass der Choral auch für unsere Zeit die eigentliche Musik der Kirche bleibt? Wir stehen nicht an, diese Frage voll und ganz zu bejahen. Freilich hat die Musik seit dem heiligen Gregor Fortschritte gemacht, und wenn die Kirche ihren gregorianischen Gesang hochzuschätzen fortfährt, so will sie keineswegs den Entwicklungsgang des musikalischen Genies aufhalten. Sind die nötigen Vorbedingungen gegeben, so mag der Kapellmeister immerhin bei besonders feierlichen Anlässen eine der grossen, imposanten Kompositionen aus der Schule Palestrinas oder auch eine minderwertige, vorausgesetzt dass sie nicht unkirchlich ist, zur Aufführung bringen. Das wird gleichsam ein Prunkgericht sein, mit Hilfe dessen man den äusseren Glanz des Festes heben mag; die kräftige Nahrung der Frömmigkeit, das wahre Brot der Andacht aber bleibt der gregorianische Gesang. Wer, wie wir, den seligen Beruf hat, täglich im Chor das Gotteslob zu singen und die Seele mit der heiligen Liturgie zu nähren, wird uns verstehen. Für Solche zumeist schreiben wir diese Zeilen, ihnen zu Lieb und Gewinn wollen wir Ursprung und Geschichte der altkirchlichen Melodien studieren. Für die berufenen Sänger des Gotteslobes, die Jünger der Liturgie und des betrachtenden Gebetes kann nach unserer Ansicht nichts den Choral ersetzen. Seine ernste Einfalt, welche gegenüber einer reich ausgestatteten Musik der Neuzeit als ein Mangel erscheinen könnte, erwirbt ihm im Gegenteil das grösste Anrecht auf unsere begeisterte Hochschätzung." 

Dom Joseph Pothier, Der Gregorianische Choral. Seine ursprüngliche Gestalt und geschichtliche Überlieferung, 1881.

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