Montag, 27. August 2012

Proprium und Ordinarium der Meßgesänge

Die psalmodischen Teile des Meßgesangs haben wechselnde Texte; in der Regel hat jede Messe ihren eigenen Text zum Introitus, Graduale, Alleluja (bzw. Tractus), Offertorium und zur Communio. Man nennt sie daher in neuerer Zeit das Proprium und scheidet es in das Temporale, Proprium de Tempore (Feste des Herrn), und Sanctorale, Proprium de Sanctis (Feste der Heiligen). Die andere Gruppe verändert ihren Text nie; man pflegt sie deshalb dem Proprium als Ordinarium Missae gegenüberzustellen; sie umfaßt das Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei

Der gegensätzliche Charakter des Propriums und des Ordinarium Missae offenbart sich auch in ihrer liturgischen Stellung, wie in der Art ihrer Ausführung. Die Gesänge des Proprium gehören schon zur Meßordnung Gregors des Großen, sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Messe, so daß es eine Messe ohne Introitus, ohne Graduale, ohne Alleluja (bzw. ohne Tractus), usw. nicht gibt, abgesehen von den letzten Tagen der Karwoche, die liturgisch auf eigenen Fuß gestellt sind. Geringer ist die liturgische Bedeutung der Stücke des Ordinarium Missae; es ist erst allmählich ausgebaut worden, und von dem gregorianischen Sakramentar angefangen bis auf das Meßbuch des Konzils von Trient ist für viele Messen vorgeschrieben, das Gloria oder das Credo auszulassen. 

Die Bedeutung des jedesmaligen Festes spiegelt sich viel besser in den wechselnden Stücken des Propriums ab, von denen gleich der Introitus mit einer oft dramatischen Lebendigkeit in des Gedankenkreis des Festes einführt. Auch musikalisch galten die Stücke des Ordinarium zunächst als minderwertig. Nur das Proprium steht in den ältesten liturgischen Gesangbüchern, es bildet den eisernen Bestand des Meßgesangs von Gregors Zeit bis zur Gegenwart. Das Ordinarium dagegen hat eine sehr wechselvolle Geschichte zu verzeichnen. In Rom wurde es zuerst, wie im einzelnen noch wird ausgeführt werden, nicht von der Schola gesungen, sondern von den am Altare assistierenden Geistlichen oder vom ganzen Volke, wie es besonders in Gallien beliebt war. 

aus: Peter Wagner, Einführung in die Gregorianischen Melodien, Leipzig 1911

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