Samstag, 25. August 2012

Die Meßgesänge in Spätantike und Mittelalter

Der älteste Musikschriftsteller, der sich ausführlich über den liturgischen Gesang seiner Zeit ausspricht, Aurelianus von Réôme im 9. Jahrhundert, stellt im letzten Kapitel seiner Musica disciplina die verschiedenen Formen des Meßgesanges zusammen und bespricht sie in der Reihenfolge, wie sie in der Messe auftreten. Seine Darlegung lautet: "Das Meßoffizium besteht zunächst aus den Antiphonen, welche Introitus genannt werden. Sie haben den Namen davon erhalten, daß sie beim Eintritt des Volkes in die Basilika gesungen werden, und sie dauern so lange, bis sowohl der Pontifex, wie die übrigen geistlichen Würdenträger nach ihrer Reihenfolge in ungestörter Ordnung in die Kirche eingezogen sind und den ihnen zukommenden Platz eingenommen haben. Dann wird die Litanei gesungen, in der Gott und Christus um Erbarmen für das Volk angefleht werden, worauf der Priester, die Engel nachahmend, der Gott im Himmel Ehre, den Menschen auf der Erde Frieden verkündigte, eben dieses Lied mit heilkündender Stimme beginnt. Hierauf wird das von den Stufen, von denen aus es gesungen wird, Graduale genannte Responsorium gesungen. Bei den Alten pflegten die Singenden wie die Sprechenden auf solch erhöhten Stufen Platz zu nehmen; darum heißt es von Esdras: er stellte sich auf die hölzernen Stufen, die er hatte verfertigen lassen, um von ihnen aus zum Volke zu reden. Daher spricht man auch von den Psalmi graduum, die nach der buchstäblichen Erklärung deshalb so heißen, weil sie von den Stufen (gradus) aus gesungen wurden. Das Alleluja haben wir von den Juden übernommen, deren Sprache das Wort angehört. Es bedeutet: Lobet Gott, und wurde aus Ehrfurcht in keine Sprache übersetzt; sehr passend wird es vor dem Evangelium gesungen, damit die Gemüter der Gläubigen zur Aufnahme des Wortes des Heiles durch dieses Lied vorbereitet werden. Offertoria aber heißen diejenigen Gesänge, welche die Kirche dem Herrn zur Darbringung der Opfergaben singt. Es geschieht dies in Nachahmung der alten Väter, an welche die Vorschrift erging: wenn ihr ein Mahl und festliche Tage begehet, so sollt ihr Posaunen über euer Opfer erklingen lassen, und der Herr wird euer eingedenk sein. Bei der Austeilung der heiligen Kommunion wird zunächst das Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis gesungen, damit die Gläubigen, die am Fleische und Blut des Herrn teilnehmen, dasjenige, was sie im Munde empfangen, mit der Modulation ihrer Stimme preisen, um den in körperliche Speise verwandelten, den sie kosten, zu ehren, der, wie die Kirche lehrt, herniederkam, um gekreuzigt zu werden, zu sterben und begraben zu werden. Im Anschluß daran wird noch ein anderer Gesang vorgetragen, der Communio heißt, damit, solange das Volk die himmlische Segnung empfängt, sein Geist durch süßen Gesang zu erhabener Betrachtung emporgehoben und darin festgehalten werde."
Das sind die Gesangstücke der Messe des 9. Jahrhunderts in Gallien und in Rom, denn zu Aurelians Zeit ist die in Gallien herrschende Liturgie die römische. Den Tractus erwähnt er nicht, weil er die Stelle des Alleluja vertrat; er existierte aber schon im 9. Jahrhundert. Ebenso ist das Sanctus übergangen, wohl deshalb, weil es seinem Ursprunge gemäß, der noch in seiner ältesten Melodie zu erkennen ist, zur Praefatio gehört, an welche es sich unmittelbar anschließt. Das Credo dagegen war als Meßgesang der römischen Liturgie des 9. Jahrhunderts noch nicht einverleibt und ist überhaupt der jüngste Gesang der Messe. Sonst aber ist deren musikalische Aufführung, wie sie Aurelian schildert, älter als das 9. Jahrhundert; sie ruht auf den liturgischen Maßnahmen Gregors des Großen (+604) und ist mit dessen Festsetzung der Meßliturgie unzertrennlich verbunden.

aus: Peter Wagner, Einführung in die Gregorianischen Melodien, Leipzig 1911

1 Kommentar:

MC hat gesagt…

Interessant. Danke für den Text.