Samstag, 11. Februar 2012

Kommunisten wie Berufsverbrecher

Bei einer Recherche bin ich über folgendes Zeitzeugnis gestolpert. Benedikt Kautsky berichtet von den kommunistischen Kadern im KZ Buchenwald:

"Für die Häftlinge, die sich an der Lagerverwaltung beteiligten, ergab sich ständig eine Reihe von schwer lösbaren Problemen, denn sie hatten die Befehle der SS entgegenzunehmen und durchzuführen. Sie wirkten also dem Lager gegenüber sozusagen als der "verlängerte" Arm der SS, andererseits vermochten sie gerade dadurch, daß die SS sich vielfach um die Ausführung ihrer Befehle im einzelnen nicht mehr kümmerte, und sich bei dem sprunghaften Anwachsen der Lager seit 1938 sich nicht mehr kümmern konnte, die Brutalität vieler Befehle wesentlich abzumildern, wenn sie es nicht vorzogen, sie noch zu verschärfen.
Für die Leiter der Häftlingsautonomie ergab sich daher eine große Machtfülle - erstaunlich groß für jeden, der die inneren Verhältnisse eines deutschen Konzentrationslagers nicht beobachten konnte - und mit der Macht kamen alle Versuchungen, die die Macht mit sich bringt. Blockälteste und Capos waren Herren über Leben und Tod der ihnen anvertrauten Häftlinge und sie haben in zahlreichen Fällen von dieser Macht Gebrauch gemacht. Mir ist kein Fall bekannt geworden, daß einer dieser Häftlingsfunktionäre von der SS zur Verantwortung gezogen worden wäre, weil er einen Mithäftling zu Tode brachte. Gerade wegen dieser Macht war es daher das denkbar größte Interesse der Häftlinge, daß sie ausgeübt wurde von Personen, die sie nicht für ihre eigenen Zwecke mißbrauchten.
Wo dies geschah, wurden die Verhältnisse unerträglich. Die SS hatte in verschiedenen Lagern verschiedene Methoden, aber im wesentlichen konnte man in dieser Hinsicht die Lager in zwei Gruppen einteilen: solche, in denen kriminelle Häftlinge (im Lagerjargon Berufsverbrecher oder nach der Farbe ihrer Abzeichen "Grüne" genannt), und solche, in denen politische Häftlinge (nach ihrem Abzeichen "Rote" genannt) die Lagerverwaltung in Händen hatten.
Man mußte ein gehöriges Maß an Robustheit und innerer Unbedenklichkeit mit sich bringen, um sich auf diese Weise zu einem Werkzeug der SS herzugeben. Mit den Kriminellen, bei denen diese Eigenschaften als selbstverständlich anzusehen sind, teilten von den Politischen - sofern es echte Politische waren und nicht irgendwelche Verbrecher, denen die SS aus irgend einem Grund den roten Winkel verliehen hatte - nur die Kommunisten diese Eigenschaften, und ich habe mehr als einen von ihnen so völlig in der Gedankenwelt des Lagers aufgehen sehen, daß er in seiner Wirkung gegenüber seinen Mithäftlingen von einem Berufsverbrecher nicht mehr zu unterscheiden war."

Kommentare:

Chris hat gesagt…

Sehr gelungener Artikel, danke für diese Worte.

ed hat gesagt…

Immer wieder erschütternd, wie das Lagerleben auf Menschen wirkt und mit welch perverser Kalkulation hier die Machthaber Schwächen auszunutzen wussten.
Die Verhältnisse zwischen "Handlangern" und SS-Leuten ist aber nicht nur in Bezug auf die Kommunisten zu finden, sondern z.B. auch mit den Judenräten/-polizisten in den Ghettos und auch in Gulags, natürlich eindrücklich und grausig beschrieben von Solschenizyn!