Sonntag, 15. Januar 2012

Gesprächsfetzen am Abend

Der Müll muß raus. Es ist dunkel. Ich laufe aus der Haustür links.
"Finnsd Du die gud, die N.N.?"
Unter dem Hausvorsprung unterhalten sich zwei Jugendliche. Einer wohnt im Haus.
"Ja, finnd isch schon gudd."
"Fannd nisch N.N. die auch gudd?"
Ich gehe über den Parkplatz zu den Müllcontainern.
"Ja, der alte Hurensohn."
"Ja, walla, Allah soll ihn töten, den Hurensohn."
Ich schließe die Haustür auf und bin wieder weg.
Schöner Religionsunterricht.

Kommentare:

Arminius hat gesagt…

Diese Menschen mit ihrer vielfältigen Kultur, ihrer Herzlichkeit und ihrer Lebensfreude sind uns willkommen, sie sind eine Bereicherung für uns alle.

(Maria Böhmer, CDU)

Severus hat gesagt…

Ich bedanke mich klammheimlich für diesen interaktiven Religionsunterricht.
Aber bitte nix verraten.

Geistbraus hat gesagt…

naja....

fluchen kann man doch in jeder Religion.

wenn nun ein Deutscher sagt "ja, boah ey, den soll doch der Teufel holen, diese Arschgeige" - dann würde man das auch nicht als Religionsunterricht interpretieren.

Tiberius hat gesagt…

Abgesehen davon, daß mir ein "hol ihn der Teufel" schon seit Jahrzehnten nicht mehr untergekommen ist liegt sicher vieles im Auge des Betrachters.

In meinen Augen macht es einen Unterschied, ob man sagt "Den soll der Teufel holen" oder "Gott soll ihn töten". Schon die Akteure machen einen Unterschied. Das eine könnte zudem noch als Votum für den jüngsten Tages verstanden werden, das andere jedoch nur als handfeste, innerweltliche Maßnahme. Vielleicht können wir uns darauf einigen.

Lehrreich war für mich vor allem der Erwartungshorizont der jungen Gläubigen. Mir ging es dabei - so könnte man vielleicht sagen - nicht um systematische Theologie, sondern um verschiedene Aspekte der Volksfrömmigkeit, die sich in unseren Breiten, hier dem Berliner Wedding, erhalten haben.

Oudeis hat gesagt…

Ein Votum für den jüngsten Tag scheint mir sowohl anmaßender als auch grausamer, weil endgültiger, als der Wunsch nach innerweltlicher Intervention.
Von den Akteuren her hast Du mit der Unterscheidung natürlich recht.

Tiberius hat gesagt…

Ohne Frage ist es eine Anmaßung, das Urteil des Weltenrichters vorwegnehmen zu wollen. In diesem Punkt sind jedoch jedem die Hände gebunden. Es muß Anmaßung bleiben. Keine Gefahr für Körper und Seele.

Größeres Unbehagen bereitet mir hingegen die Vorstellung, daß es einmal eine Verbindung geben könnte von einem Stoßgebet zu einem Todesstoß, sei es auch mit einem "deus vult".

An dem Wunsch nach einem innerweltlichen Handeln Gottes ist in meinen Augen überhaupt nichts auszusetzen. Auch der Psalmist betet ja "Gott möge ihn vor denen bewahren, die ihm nachstellen".

Die Dimensionen der Bedrängnis mögen dabei jedoch andere gewesen sein. Das Gebet, einen vermeintlichen Nebenbuhler Tod sehen zu wollen, ist mir noch nicht untergekommen.

Geistbraus hat gesagt…

ja, da stimm ich schon zu, das ist schon ein Unterschied.

Nur sollte man das wohl tatsächlich eher als Lehrstunde über die "Volksfrömmigkeit" frustrierter Weddinger Unterschichts-Türken nehmen und nur bedingt über Muslime im allgemeinen.

Von den Jugendlichen, die ich 2001 in der Westtürkei kennengelernt habe, hatte keiner so eine Ausdrucksweise drauf. Die konnten allerdings mehrheitlich gar nichts mit der Religion anfangen...

Tiberius hat gesagt…

Über "Muslime im allgemeinen" läßt sich ohnehin wenig sagen und meine Beobachtung kann nicht mehr als einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigen.

Was die "Unterschichtstürken" angeht, muß ich jedoch sagen, daß wir es, im südlichen Teil des Wedding, mit durchaus gutsituierten Türken zu tun haben. Ganz anders als im Norden des Wedding und in weiten Teilen von Moabit, Neukölln nicht zu vergessen. Das macht sich im Umgang bemerkbar.

Ich würde den beiden jungen Herren keine besonders hohe Religiösität unterstellen. Für mich schien Gott für sie vor allem als Kanal für jugendliche Allmachts- und Tötungsphantasien eine Rolle zu spielen. Ich halte das für eine denkbar schlechte Kombination.

Anonym hat gesagt…

Mal abgesehen von "walla, Allah soll ihn töten" - den Rest des Dialogs hab ich auch schon von meinen gutsituierten brav katholischen Mittelschichtschülern aus dem bayerischen Speckgürtel so gehört. "Gott soll ihn töten" deshalb nicht, weil die zu 90% nicht an Gott glauben, ja mit dem gesamten Konzept Religion wenig anzufangen wissen.
Ich würde aus diesem Dialog nicht allzuviele Schlüsse ziehen.

Tiberius hat gesagt…

Ja natürlich, wenn man den springenden Punkt ausläßt, bleibt ein Gespräch wie es von Jugendlichen an allen Orten dieser Welt geführt wird.