Dienstag, 30. Juni 2009

Das Singen der Kirche kommt aus der Liebe

"In der Bibel Israels haben wir bisher zwei Hauptmotivationen für das Singen vor Gott festgestellt: die Not und die Freude, die Drangsal und die Rettung. Die Gottesbeziehung war wohl zu stark von der Ehrfurcht vor der ewigen Macht des Schöpfers bestimmt, als daß man es gewagt hätte, die Lieder für den Herrn als Liebeslieder für ihn zu sehen, obwohl in dem Vertrauen, das alle Texte von innen her prägt, letztlich Liebe verborgen ist - aber sie bleibt scheu und eben verborgen. ... Das Singen der Kirche kommt letztlich aus der Liebe heraus: Sie ist es zuallertiefst, die das Singen schafft. ´Cantare amantis est´, sagt Augustinus: Singen ist die Sache der Liebe."

Benedikt XVI. - Der Geist der Liturgie

Montag, 29. Juni 2009

Das Herz schreit nicht, wenn es singt und betet

Einmal im Monat singe ich am Sonn­tag­mittag in einer latei­nischen Messe der neueren Form. Der Priester spricht die Ora­tionen, die Präfa­tion und den Canon in Latein am Hoch­altar, die Lesungen und das Evan­ge­lium werden deutsch am Ambo gelesen. Da ich sonn­tags bereits in St. Afra singe und durchaus weiß, wie ich die ver­blei­ben­den Stunden des Tages noch herum­brin­gen könnte, hatte der Gedanke, in einer zweiten Messe zu singen, nicht wirklich etwas Zwin­gen­des für mich. Dennoch habe ich der Bitte gern ent­sproch­en, in der Hoffnung, einem größeren Kreis von Gläubigen den Choral zugäng­lich zu machen und den kon­tem­pla­tiven Vollzug der Messe zu er­leich­tern.

Da der litur­gi­sche Ka­len­der 1970 um­ge­stellt wur­de, pro­fi­tier­te ich ge­wöhn­lich nicht von dem, was wir am Morgen in St. Afra schon ge­sun­gen hatten. Die eigenen Teile des Sonn­tags: In­troi­tus, Gra­du­ale, Alle­lu­ia, Of­fer­to­ri­um und Co­mmu­nio, übte ich also doppelt ein. Unsere Schola bestand aus drei, eher unerfahrenen Laien. Halbe Samstage und große Mühen kosteten die Proben. Mit einem Blick auf das Ideal der lateinischen Choralmesse nahmen wir Abstriche in Kauf, die unseren eigenen Fähigkeiten geschuldet schienen. Schnell stellte sich jedoch heraus, daß auch andere, vornehmlich "pastorale Gesichtspunkte" gegen das Ideal sprachen.

Anders als im Graduale Romanum vorgesehen, sollte schon die erste Messe nicht mit dem Introitus beginnen. Man möge doch, erklärte der Priester, gemeinsam ein schönes, deutsches Lied singen, damit die Gläubigen auch schön mitfeiern können und sich nicht von der Messe ausgeschlossen fühlen, vielleicht auch mal ein schönes, deutsches Lied zur Opferung. Er selber singe die deutschen Lieder auch so gern. - Der Choral hatte kaum Fuß gefaßt, da war er auch schon auf dem Rückzug. Zur dritten oder vierten Messe war das Proprium dann fällig. Ich bekam einen kurzen Hinweis, daß es nicht gewünscht sei. Ein Vertreter des Bistums, so munkelte man, hatte sich befremdet gezeigt: Messe auf Latein, ja, das sei ungewöhnlich, am Hochaltar, schwierig, mit Proprium, klar bedenklich.

Ein neuer, alter, pensionierter Organist des Bistums kam dazu, der - im Gegensatz zu seiner Vorgängerin - auch Orgel spielen kann. Zu meinem Leidwesen paart sich seine hörbare Vorliebe für laute Orgeln mit einem ebensolchen Unverständnis für das gesungene Ordinarium der Messe. Was kein Widerspruch ist. Denn ist die Lautstärke der Orgel schon nicht alles, wie wenig ist sie dem Choral. Aus vollem Herzen singen heißt in unseren Breiten - leider nur zu oft -, unbändige Luftströme durch die Kehle pressen, während unzählige Orgelregister darüber wachen, daß auch kein falscher Ton zu hören ist, obwohl doch das Herz, gerade wenn es vor Liebe überlaufen will, weder schreit noch brüllt.

Montag, 22. Juni 2009

Andacht beim Jagdgeschwader 73 "Steinhoff"



Am Samstag feierte das Jagdgeschwader 73 den fünfzigsten Jahrestag seiner Aufstellung. Ein Freund hatte mich eingeladen. Gefeiert wurde in Rostock/Laage. Wir trafen gegen Mittag ein. Die Feier begann mit einer Andacht. Der Pfarrer, nach einer herzlichen Einladung zum Mitsingen, sang sein erstes Lied - allein. "Kumbaya my Lord, kumbaya ...". Die Ansprache trug er wie ein Prediger vor. Vom Kommodore, der uns zum Geschwaderfest eingeladen habe, schlug er einen Bogen zu Gott, der den Menschen in sein Gnadenreich einlade. Das nächste Lied war dann auch "Amazing Grace". Im Übrigen: ein erneutes Solo des Pfarrers. Ich freute mich auf Sonntag.

Mittwoch, 17. Juni 2009

Der Gott des Alten Testamentes

Heute, nach dem Blick in Otto Kaisers "Der Gott des Alten Testamentes", beschleichen mich ganz ökumenische Gefühle.

Der moderne Mensch, schreibt Kaiser treffend, wolle von der Theo­logie auf dem Feld der Re­li­gion und Sitt­lich­keit nicht über­redet, sondern - wer hätte es gedacht - mit Grün­den über­zeugt werden. Die moder­ne Sub­jek­ti­vi­tät stehe in der Spannung, aus sich selbst heraus sein zu wollen und es letzt­lich doch nicht zu können, weil sie weder über die ihr selbst vor­ge­ge­bene eigene Existenz noch über deren natür­liche Voraus­setz­ung ver­fügt. Die Aufgabe der Theo­logie sei es, zu er­wei­sen, "daß der Glaube an Gott als den Grund von Welt und Existenz die Sub­jek­ti­vi­tät nicht knechtet, sondern von ihren Wider­sprüchen be­freit und daher voll­endet".

Die christliche Kirche - zumal in ihrer protestantischen Ausformung - besäße nur eine geringe Anziehungskraft, weil sie in dem Ruf stünde, keinen lebendigen Zugang zur Transzendenz zu vermitteln. Es gelänge ihr immer weniger, die in ihrer Tradition kristallisierte Erfahrung des Umgangs mit Gott, so zu vertreten, daß die Menschen durch ihre Riten und Reden die Welt und ihr Leben als von Gott gegeben, gehalten und gefordert erfahren. Die zweite Aufklärung habe nicht nur im Protestantismus, sondern zunehmend auch im Katholizismus dazu geführt, "den von der ersten Aufklärung bewahrten Glauben an die Unsterblichkeit der Seele als eine vermeintlich mit dem modernen Verständnis des Menschen als einer psychophysischen Ganzheit unvereinbare Vorstellung preiszugeben".

Wenn dem Vollzug der christlichen Riten und Reden gleichzeitig die Fähigkeit fehle, die Gegenwart Gottes als des Heiligen zu repräsentieren, dann bleibe das Eintreten des Gottesreiches eine - für den Nichttheologen - kaum nachvollziehbare Spekulation. Zwischen die Auferstehung Jesu und die Auferstehung des Christen schiebe sich ein eschatologisches Irgendwann, während "Jesus in einer hochkomplizierten Trinität verschwindet oder gar als Bruder Jesus seine Gottheit abstreift und von ihm nichts als ein Vorbild sozialen Verhaltens übrig bleibt". In diesem Fall werde aus der christlichen Erlösungsreligion ein platter Moralismus, der seine religiösen Züge einem postpubertären Rigorismus verdankt.

Gerade letz­terer Ge­danke drängte sich mir öfter auf, in den Wochen der Ab­stimm­ung über die Stellung des Re­li­gions­unter­rich­tes an Ber­liner Schu­len. "Keine Werte ohne Gott", dröhnte es von den Pla­ka­ten. Als ob es um den Er­halt eines morali­schen Insti­tu­tes ginge, welches ein Mindest­maß an gesell­schaft­lich­er Kon­for­mi­tät zu ge­wäh­ren helfe.

Montag, 15. Juni 2009

Theologien des Alten Testaments

In der Hoffnung, das Alte Testament etwas besser ausleuchten zu können, bin ich über Erhard S. Gerstenbergers "Theologien im Alten Testament" gestolpert. Gerstenberger ist Professor Emeritus für evangelische Theologie an der Universität Marburg. Das Buch stammt aus dem Jahr 2001.

Gerstenberger stellt fest, daß die Einheit des Gottesglaubens nur in der Perspektive liegen könne, aus der wir die Texte des Alten Testaments betrachten. Da ihm eine solche Perspektive nicht verfügbar oder vertretbar erscheint, spricht er lieber, ganz befreit, von den Theologien des Alten Testamtents.

"Die Mannigfaltigkeit der Theologien", preist Gerstenberger, "öffnet uns den Blick für andere Völker, Zeiten und Gottesvorstellungen, sie enthebt uns dem Zwang, ängstlich im Auf und Ab der Geschichte und der Theologien nach der einen, geschichtslosen, unwandelbaren, absolut verpflichtenden Vorstellung und Richtlinie zu suchen."

Gerstenberger sieht sich vor allem durch die Veränderung des zeitgeschichtlichen Kontextes herausgefordert. In der Bibel sei die Erde Mittelpunkt des Universums. Heute habe sich das Universum unendlich ausgedehnt und besitze keinen Mittelpunkt mehr. In der Bibel sei die Natur auf den Menschen hingeordnet. Heute hingegen werde sie vom Menschen ausgebeutet.

"Die Welt ist wahrhaftig eine andere geworden als zur Zeit der Bibel (obwohl es damals schon Umweltzerstörung gab)." Darum sei sie neu zu interpretieren, sei der Mensch neu zu definieren, würden die alten Texte im Dialog mit uns heute andere Aussagen machen als noch vor fünfzig Jahren, erst Recht vor 3000 Jahren.

"Der Mensch, der sich auf einer vom wilden Urmeer getragenen Erdscholle unter einem glockenartigen, von Gottheiten besetzten oder regierten Firmament vorzufinden glaubt, muß doch anders über das Ganze denken als ein Mensch, der sich auf einem undenkbar winzigen Stäubchen Erde, verloren in einer Galaxie namens Milchstraße, irgendwo am Rande eines unfaßbar ausgedehnten Universums weiß."

Leider kann ich schon zu Gerstenbergers Opus nicht mehr sagen. Ich habe es dann mal freundlich beiseite gelegt.

Was willst Du hier, Elija?

"Was willst Du hier?", fragt Gott den Elija in der Höhle des Gottesberges. - Vierzig Tage und vierzig Nächte war Elija zum Horeb gepilgert. Er war müde. Ausgezehrt und kraftlos hatte er seine Reise durch die Wüste begonnen und auf dem Weg nur Wasser und Brot zu sich genommen. -

Sicher wäre es auch um andere Gott geweihte Orte öfter gut bestellt, wenn die Besucher dieser Orte, auf die gleiche Weise befragt, nicht weniger begehrten als es Elija tut oder aber in der Wüste pilgernd fasten müssten, bis sie erfahren, was dem Menschen Gottes Stärke ist.

Dienstag, 2. Juni 2009