Sonntag, 31. August 2008

Pro Missa Paulina

Salve Phil!

Ich finde es gut, daß Du hier Orte ausweisen willst, an denen man den Neuen Ritus würdig feiert. Leider dürfen dort nur Team-Mitglieder kommentieren. Das finde ich sehr schade.

Nach den Erfahrungen des heutigen Sonntags kann ich Dir schon mal sagen, daß Du hier ganz bestimmt nicht fündig wirst.

Da Du selbst einräumst, daß die liturgische Praxis oft unwürdig ist, würde ich es begrüßen, wenn Du nicht nur auf die Polemiken gegen diese Mißstände hinweist, sondern auch auf die Mißstände selbst.

In meinen Augen kann die ordentliche Form des Ritus in ihrem derzeitigen Zustand Apologetik gut vertragen. Ich würde mich deshalb freuen, auf Deinem Zweitblog auch dazu mehr zu lesen.

Falls Du schon mal eine Messe in der außerordentlichen Form besucht hast, würde mich zudem interessieren, was Dich diese so kategorisch ablehnen läßt.

Vale!
Tiberius

Donnerstag, 28. August 2008

Einsatz des Lebens

“Ich will das Lebendige durchdringen in welcher Gestalt es sich auch immer zeigt, ich will es mit Liebe umpflügen, aber ich will auch das Erstarrte, wenn es sein muß umstürzen, um des Geistes willen. Ich will das niemand Einsatz des Lebens fordert, wenn er nicht von sich weiß, daß er es einsetzen wird. Ich fordere von denen, die mit uns gehen, daß sie sich nicht damit begnügen, ihr Leben entweder seelisch oder geistig oder körperlich einzusetzen, sie sollen wissen, daß sie es seelisch und geistig und körperlich einsetzen werden.
Nicht Sekte gemeinsam Schöpferischer träume ich, das Schöpferische hat jeder als Eigenbesitz, das Schöpferische kann sich in seinem reinsten Ausdruck nur in der Arbeit des Einzelnen offenbaren, aber das Gefühl der Gemeinschaft ist beglückend und stärkend.”

Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland

Mittwoch, 27. August 2008

Gefallen in Afghanistan

Heute fiel ein deutscher Soldat im Kampf um Frieden und Freiheit in Afghanistan. Der Hauptfeldwebel des Fallschirmjägerbataillons 263 aus Zweibrücken in Rheinland-Pfalz führte eine Patrouille südwestlich von Kundus als ihn eine feindliche Sprengfalle mit 29 Jahren in den Tod riß. Dieser Mann, der öffentlich ohne Namen bleibt, gab sein Leben für die Bundesrepublik Deutschland. Es ist an uns, sein Andenken zu bewahren und sein Opfer zu ehren.

Mein Beileid gilt der Familie und den Freunden des Toten -
und dem Toten ein letztes Horrido!

Dienstag, 26. August 2008

Fesseln der Ungewißheit

”Nicht mit Fesseln aus Fleisch haben sie [die Götter] die Seele am Körper festgebunden, sondern eine Fessel warfen sie ihr um und ein Gefängnis haben sie für sie ersonnen: die Ungewißheit über das, was nach dem Ende kommt, und das mangelnde Vertrauen in dieser Hinsicht”

Plutarch - Über die Seele

Dekan Hubert Thomma - CIC 284

Sehr geehrter Herr Dekan Thomma,

wie Sie sicherlich wissen, verpflichtet der Canon 284 des Codex Iuris Canonicis die Kleriker zum Tragen von kirchlicher Kleidung, wie sie durch die örtlichen Bischofskonferenzen bestimmt wird. Die Deutsche Bischofskonferenz hat dazu folgendes festgelegt: "Der Geistliche muss in der Öffentlichkeit durch seine Kleidung eindeutig als solcher erkennbar sein. ... Als kirchliche Kleidung gelten Oratorianerkragen oder römisches Kollar, in begründeten Ausnahmefällen dunkler Anzug mit Kreuz."

Als Dekan im Erzbistum Berlin haben Sie nach Canon 555 des CIC die Pflicht und das Recht, dafür zu sorgen, daß die Kleriker in Ihrem Bezirk, das ist Berlin-Lichtenberg, ein Leben führen, das ihrem eigenen Stand entspricht, und dafür zu sorgen, daß sie ihren Pflichten gewissenhaft nachkommen.

Ich wende mich an Sie, weil ich Sie darauf hinweisen möchte, daß es in Ihrem Dekanat einen Priester gibt, der den Pflichten des Canon 284 CIC nicht nachkommt. Es handelt sich um Herrn Pfarrer Olaf Polossek, dessen Erscheinungsbild auf der Internetseite der Gemeinde St. Marien-Liebfrauen von den Vorgaben der Kirche abweicht. Ich habe Pfarrer Polossek vor einiger Zeit auf diese Abweichung aufmerksam gemacht und ihn gebeten, sein Erscheinungsbild - zumindest in den Veröffentlichungen seiner Gemeinde - zu korrigieren. Mein Schreiben dazu blieb jedoch bis heute unbeantwortet.

Es wäre schön, wenn Sie Pfarrer Polossek - im Interesse unserer Heiligen Mutter Kirche - dabei helfen könnten, den kirchenrechtlichen Pflichten seines Standes gerecht zu werden, oder mir erklärten, warum Pfarrer Polossek zu Recht von diesen Pflichten dispensiert ist.

Mit freundlichen Grüßen

Tiberius

Sonntag, 24. August 2008

Pantoffelhelden

"Behüt Gott dich lieben Jungen davor, jemals eine geliebte Frau um Verzeihung zu bitten, wenn du vor ihr schuldig bist! Gerade wenn du sie liebst, gerade dann ... wie groß deine Schuld auch sein mag! Denn eine Frau - das, Bruder, ist schon ein seltsames Wesen, und mit Frauen, wenigstens kenn ich mich aus! Versuch mal vor ihr Schuld zu bekennen, etwa zu sagen: "Verzeih mir, entschuldige, ich hätt´s nicht tun sollen!" Auf der Stelle hagelt es Vorwürfe. Niemals, niemals wird sie schlicht und geradewegs verzeihen, nein, sie wird dich erniedrigen, zum letzten Dreck wird sie dich machen, dir die Leviten lesen, wird dir alles vorhalten, sogar das, was es nie gegeben hat, nichts wird sie vergessen, wohl aber von sich aus etliches dazutun, dann erst wird sie verzeihen. Und so halten es noch die Besseren! Die letzten Krümel kratzt so eine zusammen und wirft sie dir an den Kopf; ein Drang zum Schinden, sag ich dir, sitzt in ihnen, in allen, ohne Ausnahme, in diesen Engeln, ohne die wir nicht leben können! Siehst du, mein Lieber, ich sage offen und schlicht: Jeder ordentliche Mann kann nicht umhin, bei irgendeinem Weib unterm Pantoffel zu stehn. Das ist meine Überzeugung ... keine Überzeugung, sondern ein Gefühl. Ein Mann muß großmütig sein, und einen Mann schändet das nicht. Nicht einmal Helden schändet es, auch keinen Cäsar! Gut, aber um Verzeihung sollst du trotzdem nicht bitten, niemals, um nichts. Merk dir die Regel; gelehrt hat sie dich dein Bruder Mitja, der an den Frauen zugrunde gegangen ist. Nein, besser ist´s, ich stimme Gruscha wieder freundlich, ohne das ich sie um Verzeihung bitte. Ich blicke voll Andacht zu ihr auf, Alexej, voll Inbrunst und Andacht! Bloß sie sieht es nicht, nein, ihr ist´s noch immer zuwenig Liebe. So peinigt sie mich, peinigt mich mit Liebe. Früher dagegen! Früher haben mich nur die infernalisch schönen Linien ihres Leibes gepeinigt, doch jetzt hab ich ihre ganze Seele in meine aufgenommen, und durch sie bin ich selbst zum Menschen geworden! ..."

Fjodor Dostojewski - Die Brüder Karamasow

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Portrait des Schriftstellers Fjodor Dostojewski, Öl auf Leinwand von Wassili Grigorjewitsch Perow, gemalt 1872, Tretjakow-Galerie, Moskau.

Alleluia

Samstag, 23. August 2008

Gebetshocker und Schellen

Gestern Abend in der Johannes-Basilika. Es sollte eine Eucharistische Anbetung stattfinden. Die Vorbereitungen liefen. Der Innenraum war hell erleuchtet. Im Altarraum war geschäftiges Treiben. Auf den vielen Bankreihen saßen drei oder vier Besucher. Eine kleine Gruppe von Männern und Frauen, hauptsächlich im Alter zwischen 40 und 60, hauptsächlich Frauen, trug Kisten mit Gebetshockern, Fellen, Meditationsdecken, Gitarren und Schellen in den Altarraum. Mitgebrachte Rucksäcke wurden hinter dem Volksaltar abgelegt. Einige hatten die Schuhe ausgezogen und liefen Barfuß. Ab und zu wurde ein kleines Schwätzchen gehalten. Neben dem Hochaltar wurde eine Projektionswand aufgebaut. Der Diaprojektor stand hinter dem Volksaltar. Die Stimmung erinnerte an eine Wandergruppe, die eine besonders schöne, aber strapaziöse Etappe gemeinsam bewältigen will. Die Kleidung der meisten unterstrich den Eindruck. Ein Diakon, der sich schnell noch eine Kutte über Jeans und Hemd geworfen hatte, ging zum Altar und bereitete die Monstranz vor. Das Licht wurde abgedunkelt. Dicht gedrängt zwischen Volks- und Hochaltar nahmen die Teilnehmer auf ihren Gebetshockern Platz. Kerzen brannten auf dem Boden. Zu Gitarren und Schellenklängen stimmte man sich mit gefühligen Liedern auf die Anbetung ein. Der Projektor warf die Texte an die Leinwand neben der Monstranz. - Mir wäre es lieber gewesen, wenn die Hocker und die Felle, die Gitarren und die Schellen sowie die Leinwand und der Projektor an einem anderen Ort zum Einsatz gekommen wären. Was mich aber zutiefst erschüttert hat, das war die Achtlosigkeit, mit der man sich hier im Altarraum bewegte.

Freitag, 22. August 2008

Katholiken, der Film



Zusammenschnitt aus dem Film Catholics (1973),
eine Fiktion der Zeit nach dem vierten Vaticanum,
nach der gleichnamigen Novelle von Brian Moore,
Regie: Jack Gold,
Trevor Howard als Abt,
Martin Sheen als Pater Kinsella, u.a.

via summorum pontificum

Mißverständnisse

"There are not over a hundred people in the United States who hate the Catholic Church. There are millions, however, who hate what they wrongly believe to be the Catholic Church - which is, of course, quite a different thing."

Archbishop Fulton J. Sheen, 1895-1975

CIC 284 - Des Rätsels Lösung

Zunächst möchte ich mich bei allen bedanken, die hier mitgeraten haben: Benedikt, Mcp, Elsa, Scipio, Gregor, Ultramontan, KJ und Stephie. Die Spekulationen haben mich sehr erfreut. Den Vorstand bei Vattenfall, den Greencard-Ingenieur und den Phoenix-Experten habe ich so- fort geglaubt. Beindruckt haben mich auch Stephie und Scipio, die von kleinen Details auf ganze Erwerbsbiographien schließen können. Leider wurden 15 Priester als solche nicht erkannt. Was bedauerlich - und nachvoll- ziehbar ist. Die Ursachen liegen dabei auf der Hand. Nachdem Mcp mich zu Recht der Hütchenspielerei geziehen hat ("Es gibt gar kein U-Boot"), ist es höchste Zeit, das Rätsel zu lösen. Die gewünschten Antworten sind zudem mehrfach gefallen. Denn treffend bemerkt Elsa: "Eigentlich sehen sie alle nicht wie Priester aus, ...", und auch Ultramontan weist darauf hin: "Tatsächlich ist keiner der Herren an seiner Kleidung als Priester kenntlich". Ich habe mir erlaubt, an dieser Stelle nachzuhelfen, und alle Priester - es sind wirklich alle, verzeiht! - auf meine Weise kenntlich zu machen. Am Ende möchte ich sagen: Sollte ich Spott gefordert haben - so verdient er auch sein mag -, dann nicht, um diese Priester zu verspotten. Auch Feuerholz - ein witziger Einwurf Mcp - ist nicht vonnöten. Ich wollte ein Problem verdeutlichen: Wie kann ein Fremder einen Priester ansprechen, wenn der Priester nicht mehr als Priester zu erkennen ist? Muß man erst vorgestellt werden oder dürfen nur Eingeweihte vorsprechen? Warum werden Chancen persönlicher Begegnung nur so leichtfertig vertan?

Geistige Zeugung

“Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum aber die seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber die ihn aufnahmen, gab er die Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.”

Johannes 1, 9-13.

Mittwoch, 20. August 2008

Heiteres Beruferaten - CIC 284

An dieser Stelle ein weiterer Beitrag zum CIC 284. Das nebenstehende Bild dokumen- tiert Eindrücke einer virtuellen Rundreise über kirchliche Internetseiten im deutsch- sprachigen Raum. Der arme Tropf, der diese Reise machte, erklärt dazu: "Es handelt sich um Priester der kathol´schen Kirche. Zu später Stund habe ich die Herr´n zusammengestellt und fürchte nun, es könnte sich aufs Bild geschlichen haben, wer doch kein Priester ist. Deshalb ich frage, welcher von den Abgebildeten, könnt es gewesen sein. Um Hilfe bitt´ ich Euch. Mein Favorit ist Nummer fünf in Reihe sieben."

Frauen verstehen

"Ich finde das Leben von Hanna gar nicht verpfuscht. Im Gegenteil. Ich kenne ihren zweiten Mann nicht, diesen Piper, eine Bekanntschaft aus der Emigration; Hanna erwähnt ihn fast nie, obschon sie (was mich schon heute jedesmal verwundert) seinen Namen trägt: Dr. Hanna Piper. Dabei hat Hanna immer getan, was ihr das Richtige schien, und das ist für eine Frau, finde ich, schon allerhand. Sie führte das Leben, wie sie´s wollte. Warum es mit Joachim nicht gegangen war, sagte sie eigentlich nicht. Sie nennt ihn einen lieben Menschen. Von Vorwurf keine Spur; höchstens findet sie uns komisch, die Männer ganz allgemein. Hanna hat sich vielleicht zuviel versprochen, die Männer betreffend, wobei ich glaube, daß sie die Männer liebt. Wenn Vorwurf, dann sind es Selbstvorwürfe; Hanna würde die Männer, wenn sie nochmals leben könnte oder müßte, ganz anders lieben. Sie findet es natürlich, daß die Männer (sagt sie) borniert sind, und bereut nur ihre eigne Dummheit, daß sie jeden von uns (ich weiß nicht, wieviele es gewesen sind) für eine Ausnahme hielt. Dabei ist Hanna, wie ich finde, alles andere als dumm. Sie findet es aber. Sie findet es dumm von einer Frau, daß sie verstanden werden will; der Mann (sagt Hanna) will die Frau als Geheimnis um von seinem eignen Unverständnis begeistert und erregt zu sein. Der Mann hört sich nur selbst, laut Hanna, drum kann das Leben einer Frau, die vom Mann verstanden werden will, nicht anders als verpfuscht sein. Laut Hanna. Der Mann sieht sich als Herr der Welt, die Frau nur als seinen Spiegel. Der Herr ist nicht gezwungen, die Sprache der Unterdrückten zu lernen; die Frau ist gezwungen, doch nützt es ihr nichts, die Sprache ihres Herrn zu lernen, im Gegenteil, sie lernt nur eine Sprache, die ihr immer unrecht gibt. Hanna bereut es, daß sie Dr. phil. geworden ist. Solange Gott ein Mann ist, nicht ein Paar, kann das Leben einer Frau, laut Hanna, nur so bleiben, wie es heute ist, nämlich erbärmlich, die Frau als Proletarier der Schöpfung, wenn auch so elegant verkleidet - Ich fand sie komisch, eine Frau von fünfzig Jahren, die wie ein Backfisch philosophiert, eine Frau, die noch so tadellos aussieht, wie Hanna, geradezu attraktiv, dazu eine Persönlichkeit, das war mir klar, eine Dame von Ansehen, ich mußte daran denken, wie man Hanna beispielsweise im Hospital behandelt hatte, eine Ausländerin, die erst seit drei Jahren in Athen wohnt, geradezu wie eine Professorin, eine Nobelpreisträgerin! - sie tat mir leid."

Max Frisch - Homo Faber

Dienstag, 19. August 2008

Sankt Peter in Rom

Yin und Yang

Luis Gutheinz erkennt die Dreifaltigkeit Gottes im Taiji-Symbol von Yin und Yang. Er denkt die Einheit von Yin und Yang als das absolute Liebesgeheimnis von Vater, der Yang ist, Sohn, der Yin ist, und Heiligem Geist, der die einigende Linie zwischen Yang und Yin ist. Im Taiji-Symbol stünden diese beiden aber auch für Mann und Frau. Gutheinz erkennt sofort, hier entsteht Handlungsbedarf:

"Es sei an dieser Stelle ein kleiner theologischer Exkurs zur heiklen Frage des Priestertums der Frau gewagt, ohne dem Magisterium der katholischen Kirche provokativ vorausgreifen zu wollen: Wenn im "Yin-Yang-He"-Denkmodell die zweite göttliche Person (das Wort des Vaters, der Sohn, und so Jesus Christus) mit "Yin" bezeichnet werden könnte, wobei Yin auch Yang enthält, und wenn in der Anwendung des "Yin-Yang-He"-Denkmodells auf die menschliche Lebenswelt der Mann als "Yang" und die Frau als "Yin" bezeichnet werden (wobei wiederum im Yin auch Yang, und im Yang auch Yin enthalten ist), dann drängt sich die Schlußfolgerung auf, daß auch Frauen im kirchlichen Bereich sichtbare Repräsentantinnen Jesu Christi sein können. Somit wäre aus dieser theologischen Sicht ein Priestertum sowohl von Männern wie von Frauen als dynamische Gegenwart des Einen Jesus Christus eine vollständigere Repräsentation. Der Theologe darf solche Ideen in einem echten "sentire com ecclesia" vortragen, die konkreten Entscheidungen jedoch liegen beim Magisterium und der Leitungsvollmacht der Kirche."

Ich hingegen denke, daß die Übertragung der Dreifaltigkeit Gottes auf das Taiji-Symbol nicht verlustfrei möglich ist, und daß das, was hinzukommt, Beifang ist. Zudem ging ich bislang davon aus, daß alle Christen - in unterschiedlicher Vollkommenheit - Repräsentanten Christi sind. Aber immerhin ist Luis Gutheinz Professor für Dogmatik an der Fu Jen Catholic University in Taipei. Ein Hinweis auf seine Ordensgemeinschaft ist hier wohl nicht notwendig.

Quelle: Luis Gutheinz SJ, "Ein Blick in die Werkstatt der chinesischen Theologie", in: Stimmen der Zeit, 9/2007, S. 619-631, hier S. 626f.

Montag, 18. August 2008

Hafen Hamburg

Die Leute bekämpfen, bis sie bekennen.

Das Buch der vierzig Hadithe von Yahya ibn Sharaf al-Nawawi ist eine pointierte und kommentierte Auswahl aus der umfangreichen Hadith-Überlieferung. Es behandelt die zentralen Lehren des Islams und stellt - nach den Worten des Orientalisten Marco Schöller - eine Art "Katechismus des islamischen Glaubens" dar.

Al-Nawawi kommentiert unter anderem folgenden Hadith:

"H. Überliefert von ´Abd allah ibn ´Umar - Gott möge an ihnen beiden Gefallen haben! -, der sagte, daß der Gottgesandte - Gott segne ihn und gebe ihm Heil! - gesagt habe: Mir wurde befohlen, die Leute zu bekämpfen, bis sie bekennen, daß es keinen Gott gibt außer Gott und daß Muhammad der Gesandte Gottes ist, und bis sie das Pflichtgebet verrichten und die Armenabgabe leisten. Wenn sie das tun, dann sind ihr Blut und ihr Besitz vor mir gefeit - außer in den Fällen, in denen es einen Rechtsanspruch des Islams gibt - und sie müssen mit Gott, dem Erhabenen, abrechnen."

Nach al-Nawawi verweist die Befehlsform der Aussage auf eine uneingeschränkte Verpflichtung des Handelnden. Bekämpft werden die, die das Bekenntnis zu Gott und seinem Propheten wie das Pflichtgebet und die Armensteuer ablehnen. Verstöße gegen das Fastengebot sollten geahndet, jedoch nicht bekämpft werden. Die Unterlassung der Pilgerfahrt sei frei von Strafe, da ihr Zeitpunkt im Leben nicht festgelegt sei. Wer die beiden Bekenntnisse vorbringe, das Gebet verrichte und die Armengabe entrichte, der sei seines Lebens und seines Besitzes sicher, solange er nicht gegen andere Rechtspflichten des Islam verstoße. Wer diesen Vorgaben nur aus "vorsichtiger Verstellung" und aus "Angst vor dem Schwert" nachkomme, der müsse letztlich mit Gott abrechnen, dem nichts entgehe.

Der Verfasser, Yahya ibn Sharaf al-Nawawi, wurde Mitte Oktober 1233 in Nawa, im südlichen Syrien geboren. Um das Jahr 1250 begann er in Damaskus, nach einem kurzen Ausflug in die Medizin des Avicenna, das Studium der Hadith- und Rechtswissenschaften. Zu den Besonderheiten seiner Person soll die Geradlinigkeit, ja Sturheit in religiösen und rechtlichen Angelegenheiten sowie sein Fleiß und seine rasche Auffassungsgabe im Studium gehört haben. Vom Jahre 1267 an war al-Nawawi zehn Jahre Leiter einer der bedeutendsten Lehrstätten zum Studium der Hadithwissen- schaften in Damaskus. In diesen Jahren verfaßte al-Nawawi einen vielbändigen Kommentar zum Sahih von Muslim, der heute noch zu den wichtigsten und in vielen Fragen kaum überholten Werken der islamischen Rechts- und Hadithliteratur zählt. Zu den populärsten Büchern al-Nawawis zählt die Sammlung erbaulicher Hadithe zur richtigen Lebensführung unter dem dem Titel Die Gärten der Gottgefälligen und Das Buch der vierzig Hadithe. Al-Nawawi verstarb an seinem Geburtsort im Jahre 1277.

Quelle: Yahya ibn Sharaf al-Nawawi, Das Buch der vierzig Hadithe mit dem Kommentar von Ibn Daqiq al-´Id, übersetzt und herausgegeben von Marco Schöller, Frankfurt am Main 2007, S. 85-87, 323-341.

Samstag, 16. August 2008

Das allerheiligste Sakrament des Altares

Vor einigen Tagen habe ich Herrn Pfarrer Olaf Polossek von der Gemeinde St. Marien-Liebfrauen einen Brief geschrieben. Eine Antwort habe ich bislang nicht erhalten. Ich finde es gut, wenn Pfarrer Polossek sich Zeit für seine Antwort nimmt. Ich habe derweil Zeit, ein Schreiben an den Dekan vorzubereiten. Das heißt, mich auch im Dekanat ein wenig umzusehen.

Bei meiner virtuellen Rundreise durch die Kirchen im Dekanat Lichtenberg stieß ich auf Beispiele, die zeigen, wie es geht, aber leider auch auf solche, die zeigen, wie es nicht geht: So stellt die Gemeinde Heilig Kreuz Berlin-Hohenschönhausen das eigene Gotteshaus auf ihrer Internetseite vor und geht dabei auf einzelne Elemente des Innenraums ein. Unter anderem wird auch das tabernaculum vorgestellt:

"Was ist das unter dem Kreuz? Das ist der Tabernakel, der Ort zur Aufbewahrung des Brotes, das uns an Jesu Abendmahl erinnert. Licht strahlt aus dem Inneren und macht deutlich, Jesus ist das Licht für die Welt. Das Licht darüber, das ewige Licht, weist auf die große Bedeutung dieses Brotes für die Christen hin. Es ist das Lebens-Mittel der Christen: Jesus Christus, das Brot des Lebens."

Nach diesem Abschnitt zu "Brot" und "Tabernakel" könnte man denken, daß der Verfasser, nach seinem bedenklichen Einstieg ("Aufbewahrung des Brotes, das uns an Jesu Abendmahl erinnert"), auf den letzten Worten - mit ein bißchen Wohlwollen - gerade noch die Kurve bekommen hat ("Jesus Christus, das Brot des Lebens"). Hätte er sich bloß nicht hinreißen lassen, die Bedeutung des "Brotes" weiter auszuführen:

"Das kann man nicht so einfach erklären und verstehen, aber dass das Brot etwas ganz Besonderes ist, nicht nur, wenn man hungrig ist, diese Erfahrung haben schon viele gemacht. Es ist unser Hauptlebensmittel. Frisch gebackenes Brot ist jedem anderen Lebensmittel in der Regel vorzuziehen und Brot hat man nie über!"

Nach dieser Erklärung dürfte wohl niemand an der Kommunion teilnehmen. Ist es denn so schwierig, von der wahrhaften Gegenwart Christi im allerheiligsten Sakrament des Altares zu sprechen?

Vom Sinn der Schrift

Frage: Darf die heilige Schrift bildliche Rede gebrauchen?
Feststellung: Da die heilige Lehre allen Menschen insgemein dargeboten wird, so ist es völlig angemessen, daß in ihr das Göttliche durch bildhafte und sinnliche Ähnlichkeiten ausgedrückt wird.

Frage: Enthält die Heilige Schrift in einem und demselben Wortlaut mehrere Bedeutungen?
Feststellung: Da der Urheber der Heiligen Schrift Gott ist, der alles zugleich mit seinem Verstande erfaßt, so enthält ihre Lehrdarstellung unter einem und demselben Wortlaut mehrere Bedeutungen. Der buchstäbliche Sinn ist mehrfältig, der geistliche dreifach, nämlich bildlich (allegoricum), sittlich (moralem) und hinweisend zum Himmlischen (anagogicum).


Quelle: Thomas von Aquino, Summa theologica, 1. Untersuchung, 9. und 10. Artikel.

Freitag, 15. August 2008

Närrische Leute

“Nein”, sprang Pater Lochner ein, “der Landsturmmann hat durchaus keine Stationen übersprungen. Die Härte des Lebens, der Mangel an Nächstenliebe, die unchristliche Gesellschaft, das drückt der Geist des Volkes mit den Hörnern und den Pferdehufen aus, mit dem kalten Spott und dem haarigen Schwanz des Ungetüms, und ihr brauchtet euch dagegen nicht zu erbosen. Die weisen Ägypter schrieben in Bildern, und die Völker sind immer noch Kinder und Ägypter und Dichter, sie denken in Bildern. Närrisch sind bloß die Leute, die alle Bilder wörtlich nehmen wollen und so tun, als wären die anderen dumm. Und doch glaubt niemand, der das Gewitter anschaut, der Blitz sei ein zackig heruntergeschmissener Glühdraht, auch wenn er so aussieht.”

Arnold Zweig - Erziehung vor Verdun

Donnerstag, 14. August 2008

Media vita in morte sumus

Dirre werlte veste,
ir stæte un ir beste
und ir grœste mankraft,
diu stât âne meisterschaft
des muge wir an der kerzen sehen
ein wârez bilde geschehen,
daz sî zeiner aschen wirt,
iemieten daz sî lieht birt.
wir sîn von brœden sachen.
nû sehet, wie unser lachen
mit weinenne erlischet.
unser süeze ist gemischet
mit bitterer gallen.
unser bluome der muoz vallen,
sô er aller grüenest wænet sîn.

Die Festigkeit der Welt,
ihre Beständigkeit, Vorzüglichkeit
und größte Macht
hat keine Meisterschaft.
Das können wir an der Kerze
als wahrem Bild geschehen sehn,
wenn sie zu Asche wird
im eigenen Licht.
Wir sind aus vergänglichen Sachen.
Seht doch wie unser Lachen
im Weinen erlischt.
Was uns süß und lieblich schmeckt,
ist mit bitterer Galle vermischt.
Unsere Blüte, die muß fallen,
wenn sie glaubt, gerade erst zu blühen.


Hartmann von Aue - Der arme Heinrich (um 1200)


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Aus dem Codex Manesse, fol. 184v, Herr Hartmann von Aue, Bibliothek der Universität Heidelberg, gemalt zwischen 1305 and 1340.

Leid und Tod, Trost und Hoffnung

Alles, was lebt in dieser Welt, muß sterben, um zum wahren Leben zu kommen. Das Leid des Todes ist immer das Leid der Sterbenden - unser Leid - und nicht das Leid der Toten. Unser Mitleid gilt den Lebenden und es ist gut, das Leid zu teilen. Wer mich fragt, warum es Leid in der Welt gibt, dem antworte ich: weil es der Preis der Freiheit ist, der Preis unseres ganzen persönlichen Daseins. Der Schöpfer ist nicht die Schöpfung. Gott ist nicht die Welt. Wenn wir in der Welt bestehen wollen, dann nicht gegen Gott, sondern mit ihm gegen die Welt. Mein Trost, meine Hoffnung, mein Glaube an die Auferstehung ruht auf der Liebe Gottes. Diese Liebe trägt und sie begleitet uns von Anfang an, denn wir wären nicht in Freiheit geschaffen, wenn wir nicht auch in Liebe geschaffen worden wären.

Mittwoch, 13. August 2008

St. Marien-Liebfrauen - CIC 284

Sehr geehrter Herr Pfarrer Polossek,

Sie sind verantwortlich für die Gemeinde St. Marien-Liebfrauen im Erzbistum Berlin und auf der Internetseite ihrer Gemeinde mit einem Bild vertreten. Ich wende mich an Sie, weil ich davon ausgehe, daß Sie für den Internetauftritt ihrer Gemeinde verantwortlich sind und weil ich Sie darauf aufmerksam machen möchte, daß Ihr öffentliches Erscheinungsbild als Kleriker von den Vorgaben der Kirche abweicht. Die Abweichung betrifft die von Ihnen getragene Kleidung.

Im Canon 284 des Codex Iuris Canonici heißt es:

"Die Kleriker haben gemäß den von der Bischofskonferenz erlassenen Normen und den rechtmäßigen örtlichen Gewohnheiten eine geziemende kirchliche Kleidung zu tragen."

Die Partikularnorm Nr. 5 der Deutschen Bischofskonferenz zu Canon 284 CIC legt zur Kleidung des Geistlichen folgendes fest:

"Der Geistliche muss in der Öffentlichkeit durch seine Kleidung eindeutig als solcher erkennbar sein. Von dieser Bestimmung sind die Ständigen Diakone mit Zivilberuf ausgenommen. Als kirchliche Kleidung gelten Oratorianerkragen oder römisches Kollar, in begründeten Ausnahmefällen dunkler Anzug mit Kreuz."

Im Interesse unserer Heiligen Mutter Kirche möchte ich Sie bitten, Ihr Erscheinungsbild zumindest in den Veröffentlichungen Ihrer Gemeinde zu korrigieren oder mir mitzuteilen, warum Sie sich nicht an die Weisungen der Deutschen Bischofskonferenz und das Kirchenrecht gebunden fühlen.

Mit freundlichen Grüßen

Tiberius

Dienstag, 12. August 2008

Requiem aeternam



Requiem aeternam donna eis Domine:
et lux perpetua luce at eis.
Te decet hymnus Deus in Sion,
et tibi reddetur votam in Jerusalem:
exaudi orationem meam,
ad te omnis caro veniet.
Requiem aeternam donna eis Domine:
et lux perpetua luce at eis.

Von guten Kriegsgründen

"Es ist leicht für einen Staatsmann, sei es im Kabinett, sei es in der Kammer, mit dem populären Winde in die Kriegstrompete zu stoßen und sich dabei an seinem Kaminfeuer zu wärmen oder von dieser Tribüne donnernde Reden zu halten und es dem Musketier, der auf dem Schnee verblutet, zu überlassen, ob sein System Sieg und Ruhm erwirbt oder nicht. Es ist nichts leichter als das, aber wehe dem Staatsmann, der sich in dieser Zeit nicht nach einem Grunde zu Kriegen umsieht, der auch nach dem Kriege noch stichhaltig ist."

Otto von Bismarck - Gedanken und Erinnerungen

Montag, 11. August 2008

Der Glücklichste der Menschen

“Um dieser Umstände Willen und um sich in der Welt umzusehen, ging also Solon außer Landes und kam nach Ägytpen zu Amasis und dann auch nach Sardes zu Kroisos. Nach seiner Ankunft wurde er in der Königsburg von Kroisos gastlich aufgenommen. Hernach am dritten oder vierten Tag führten ihn auf Befehl des Kroisos Diener in den Schatzkammern umher und zeigten alle vorhandenen großen und reichlichen Schätze. Wie er alle angeschaut hatte stellte Kroisos folgende Frage: “Gastfreund aus Athen! Zu uns ist vielfältig der Ruf von deiner Weisheit und von deinen Reisen gedrungen, daß du aus Liebe zur Weisheit, um die Welt zu sehen, viele Länder besucht hast. Jetzt nun bin ich von dem Verlangen erfüllt, dich zu fragen, ob du schon jemand gesehen hast, der der Allerglücklichste ist.” In der Annahme, selbst der glücklichste Mensch zu sein, stellte er diese Frage. Solon aber sagte ohne jede Schmeichelei, vielmehr der Wirklichkeit entsprechend: “Ja, König, den Athener Tellos.” Da wunderte sich der Kroisos über diesen Ausspruch und fragte in gespannter Erwartung: “Aus welchem Grunde hälst Du Tellos für den glücklichsten Menschen?” Solon antwortete: “Fürs erste besaß Tellos in seiner Zeit, da die Stadt in Blüte Stand, edle Söhne und durfte erleben, wie diesen allen Kinder geboren wurden, die sämtlich am Leben blieben. Zum anderen wurden ihm, während es ihm nach unseren Begriffen in seinen äußeren Lebensverhältnissen gut ging, ein überaus ruhmvolles Ende zuteil. Als es nämlich zu einer Schlacht zwischen den Athenern und ihren Stadtnachbarn bei Eleusis kam, da zog er mit in den Kampf, brachte die Feinde zum Weichen und starb den Heldentod. Die Athener begruben ihn auf Staatskosten an der Stelle, wo er gefallen war, und erwiesen ihm hohe Ehre.”

Herodot - Die Bücher der Geschichte

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Claude Vignon (1593-1670), Bildausschnitt: Kroisos empfängt Tribut von einem lydischen Bauern, gemalt 1629.

Sonntag, 10. August 2008

Auf dem Standesamt

Vor einigen Tagen war ich zu einer Eheschließung eingeladen. Die Feierlichkeiten fanden außerhalb Berlins, auf einem alten Landgut statt. Die Sonne brannte. Der Himmel war blau. Ein leichter Wind wehte. Die grünen Wälder und Wiesen der Mark lagen ausgebreitet vor uns. Wir standen vor einem Rosenpavillon. Bäume spendeten uns Schatten. Ein Teich kühlte die Sommerluft.

Es war eine kleine Gesellschaft um das zukünftige Ehepaar: Eltern, nahe Verwandte und engste Freunde. Die Stimmung war erwartungsvoll. Erfrischungsgetränke wurden gereicht. Eine Standesbeamtin kam dazu. Wir nahmen auf Bänken Platz. Ein roter Teppich lag zwischen uns. Ich saß auf der Seite des Bräutigams. Musik wurde eingespielt. Die Zeremonie begann.

Die Braut schritt an der Hand ihres Vaters über den Teppich zum Rosenpavillon. Auf der Hälfte des Weges machte sie eine kurze Pause für die Fotografen. Im Pavillon sprach die Standesbeamtin mit den zukünftigen Eheleuten. Nur ein paar Worte wehten in die letzte Reihe: "Und ich frage sie", "willst du", "diese Frau", "diesen Mann". Es war kein "nein" zu hören. Die Ringe wurden ausgetauscht. Es gab einen langen Kuß. Die Gäste klatschten. Die Zeremonie schien beendet. Mann und Frau wandten sich zum Gehen. Blütenblätter sollten den Weg zieren. Da war die Stimme der Standesbeamtin zu vernehmen: "Gehen sie bitte nicht weg. Ich bin vom Gesetzgeber dazu verpflichtet, sie hier noch eine Unterschrift leisten zu lassen."

Ein kleiner Hund sprang über die Wiese. Der Rosenpavillon, das Hochzeitskleid mit Schleppe, die Ringe, das Ja-Wort und der Kuß fielen auseinander. Ich sah einen kleinen Schalterraum, ein vergittertes Fenster, gelbes Neonlicht, Aktenordner, Formulare, Stempel. Irgendetwas stach mich in der Nase. "Hier wird also die Ehe geschlossen", wunderte ich mich.

Samstag, 9. August 2008

Abends an der Alster

Eine außerordentliche Dosis guten Willens

Joris-Karl Huysman erzählt Ende des 19. Jahrhunderts die Geschichte des dekadenten Ästheten Des Esseintes, der seines ausschweifenden Lebens überdrüssig wird. In seinem Werk "Gegen den Strich" heißt es über den Aristokraten:

"Er witterte eine so eingewurzelte Blödheit, einen so großen Haß gegen seine eigenen Gedanken, eine solche Verachtung für Literatur und Kunst, für alles, was er anbetete, witterte, daß all dies so eingewurzelt und verankert in diesen engen Krämerschädeln war, die nur an Spitzbübereien und Geld dachten und nur jener Zerstreuung mittelmäßiger Geister, der Politik, zugänglich sind, daß er außer sich vor Wut heim eilte und sich mit seinen Büchern einriegelte."
Joris-Karl Huysman, Gegen den Strich (1884), Zürich 1981, S. 88.

Des Esseintes zieht sich angewidert von der Welt zurück. Er schafft sich eine eigene Welt, ein Haus, in dem jeder Raum, nach seinem Wunsch gestaltet, eine Bühne für ein anderes Leben ist. Den Vorwurf der Weltfremdheit weist er dabei zurück:

"Da es in der jetzigen Zeit keine unverdorbene Substanz mehr gibt, der Wein, den man trinkt, und die Freiheit, die man proklamiert, verfälscht und lächerlich sind, und sintemalen es einer außerordentlichen Dosis guten Willens bedarf, um zu glauben, daß die herrschenden Klassen ehrbar und die beherrschten Klassen würdig sind, befreit oder bedauert zu werden, so kommt es mir, folgerte Des Esseintes, weder lächerlich noch verrückt vor, von meinen nächsten eine Summe von Illusionen zu verlangen, die der, die er tagtäglich für Blödheiten verausgabt, nicht einmal gleichkommt, um sich vorzustellen, daß Pantin ein künstliches Nizzam, ein vorgespieltes Menton ist."
Joris-Karl Huysman, Gegen den Strich (1884), Zürich 1981, S. 227.

Des Esseintes führt ein Leben, das den Büchern gewidmet ist. Die Auseinandersetzung mit der abendländischen Geistesgeschichte führt ihn auch mit der Kirche zusammen:

"Das seltsame dabei war, daß ich, ohne es zu ahnen, durch die Natur meiner Arbeiten dahin kam, die Kirche unter recht verschiedenen Gesichtspunkten zu studieren. Es war in der Tat unmöglich, auf die einzig wahren Epochen der Menschheit zurückzugreifen, auf das Mittelalter, ohne festzustellen, daß sie alles umfaßte, daß die Kunst nur in ihr und durch sie bestand. Da ich nicht gläubig war, betrachtete ich sie etwas mißtrauisch, überrascht von ihrer Größe und ihrem Ruhm, und ich fragte mich, wie eine Religion, die mir für Kinder gemacht schien, so wundervolle Werke hatte inspirieren können."
Joris-Karl Huysman, Gegen den Strich (1884), Zürich 1981, S. 31.

In seinen Erinnerungen beschreibt Des Esseintes die Zeit in einer Jesuitenschule und befaßt sich mit Fragen, die einen beinahe zeitlosen Eindruck machen:

"Bei den Patres vollzogen sich die religiösen Zeremonien mit großem Pomp; ein ausgezeichneter Organist machte mit bemerkenswerter Meisterschaft aus diesen geistigen Übungen einen künstlerischen Genuß, der dem Kult zugute kam. Der Organist war in die alten Meister verliebt, und an Feiertagen zelebrierte er die Messen von Palästrina und Orlando di Lasso, spielte Marcellos Psalmen, Händels Oratorien, Sebastian Bachs Motetten; mit Vorliebe trug er zu den weichen und leichten Kompilationen des Pater Lambillotte, die bei den Priestern sehr beliebt waren, "Laudi spirituali" aus dem 16. Jahrhundert vor, deren priesterliche Schönheit Des Esseintes oft gefangen genommen hatten.
Hauptsächlich aber verdankte er unauslöschliche Freuden dem gregorianischen Kirchengesang, den der Organist trotz aller neuen Ideen aufrechterhalten hatte.
Diese, heute als hinfällig und mittelalterlich angesehene Form der christlichen Liturgie, als eine archäologische Kuriosität, eine Reliquie aus alten Zeiten, war das Ausdrucksmittel der alten Kirche, die Seele des Mittelalters, das gesungene ewige Gebet gewesen, das den Schwingungen der Seele folgte, die Hymne, die seit Jahrhunderten sich zu Gott erhob.
Diese traditionelle Melodie war die einzige, die mit ihrem kraftvollen Unisono, ihren Harmonien, feierlich-massiv, wie Steinquadern sich den alten Basiliken anpassen konnte, deren romanische Wölbung sie erfüllte, als sei sie deren Stimme und Ausstrahlung selbst. ... Im Vergleich mit diesem herrlichen, vom Genie der Kirche geschaffenen unpersönlichen Gesang, namenlos wie die Orgel, deren Erfinder unbekannt ist, erschien ihm jede andere religiöse Musik profan. Denn in allen Werken Jomellis und Porporas, Carissimis und Durantes, in den herrlichsten Schöpfungen von Bach und Händel lag letzten Endes doch niemals der Verzicht auf öffentlichen Erfolg, das Opfer einer künstlerischen Wirkung, die Abdankung des menschlichen Stolzes, der sich beten hört, ...
Seither hatte sich Des Esseintes, aufs tiefste empört über diese Vorwände zu einem "Stabat", die von den Pergoleses und Rossinis erfunden wurden, über dieses Eindringen des Mondänen in die liturgische Kunst, von diesen zweideutigen Werken zurückgezogen, die die nachsichtige Kirche duldet.
Im Übrigen hatte diese Schwäche aus Gewinnsucht und unter dem trügerischen Anschein, sie ziehe die Gläubigen an, bald dazu geführt, daß man Gesänge aus italienischen Opern entlehnte, gemeine Arien und indezente Quadrillen mit großem Orchester in den Kirchen spielte, die so zu Boudoirs wurden, Histrionen ausgeliefert, die auf den Emporen röhrten, während sich unten die Frauen zu den Schreien der Komödianten, deren unreine Stimmen die heiligen Töne der Orgel besudelten, mit Toilettenkünsten protzten!"
Joris-Karl Huysman, Gegen den Strich (1884), Zürich 1981, S. 341f.

Ich lasse letzteres gerne unkommentiert und füge nur hinzu, daß sich im Laufe des Romans für alle Leser bereits ankündigt, was Huysman, der aus dem Kreis der Naturalisten um Émile Zola stammt, erst Jahre später für sich erkennt und verwirklicht: die bewußte Hinwendung zur Kirche und am Ende sogar der Weg in ein Benediktiner-Kloster.

Wer an das Gute, Schöne, Wahre und Eine glaubt, der kann der Kirche nicht entkommen.

Freitag, 8. August 2008

Mut zur Handlung, zum Vorbild und zur Führung

"Seid euch also bewußt: ihr alle, die ihr hier zusammengekommen seid, habt die höchste Entscheidung in der Hand; denn alle diese Soldaten blicken auf euch, sehen sie euch mutlos, werden sie alle feige sein, rüstet ihr euch aber offen gegen die Feinde und fordert auch die anderen dazu auf, so seid versichert, daß sie euch folgen und nachstreben werden. ... jetzt, im Krieg, müßt ihr von euch selber verlangen besser zu sein als die Menge, für diese mit Rat und Tat zu sorgen, wenn es irgendwo nötig ist.

Vor allem glaube ich, ihr würdet dem Heer einen großen Nutzen erweisen, wenn ihr dafür sorgt, daß für die umgekommenen so schnell wie möglich neue Strategen und Lochagen aufgestellt werden, denn ohne Führer geschieht Rechtes und Gutes, um es kurz zu sagen, nirgends, schon gar nicht im Krieg. Die Ordnung, scheint es, bringt Rettung, die Unordnung hat schon viele zugrunde gerichtet. Wenn ihr die nötigen Führer gewählt habt, werdet ihr, glaube ich, unserer Lage gemäß dann handeln, wenn ihr auch die anderen Soldaten versammelt und ihnen Mut zusprecht.

Ihr habt vielleicht auch selbst bemerkt, wie mutlos sie die Wachen bezogen haben. Ich weiß also nicht, wozu man sie in einer solchen Verfassung verwenden könnte, ob es nun in der Nacht oder am Tag erforderlich wäre. Wenn man aber ihren Sinn wandelt, so daß sie nicht nur überlegen, was sie erdulden, sondern auch was sie tun werden, dann werden sie viel zuversichtlicher sein. Ihr wißt doch, nicht Masse und nicht Stärke führen im Krieg zum Sieg, sondern wer dank Götterhilfe mit größerem Mut dem Feinde entgegengeht, dem halten meistens die Gegner nicht stand.

Ich habe das erfahren, ihr Männer; alle, die in Kriegszeiten auf jede Weise ihr Leben zu erhalten trachten, sterben meist einen schimpflichen und erbärmlichen Tod; alle die aber, die erkannt haben, daß der Tod allen Menschen gemeinsam und naturnotwendig sei, und für einen ehrenvollen Tod kämpfen, erreichen, wie ich sehe, ein höheres Alter und sind Zeit ihres Lebens glücklicher. Davon müßt auch ihr jetzt vollkommen überzeugt sein - in einer solch entscheidenden Lage befinden wir uns -, euch als tapfere Männer erweisen und außerdem die anderen ermutigen.”

Xenophon - Des Kyros Anabasis. Der Zug der Zehntausend.

Donnerstag, 7. August 2008

Die Einreise

Die Franzosen forderten Ausweisdokumente des internationalen Hauptquartiers, die wir - so wurde uns mitgeteilt - erst am Einsatzort erhalten sollten. Deutsche Marschbefehle und Kommandierungsverfügungen machten auf die Franzosen wenig Eindruck. Nach dem Willen der Verbündeten sollte es ohne die Dokumente keine Einreise geben. Verhandlungen wurden aufgenommen, vorgesetzte Dienststellen benachrichtigt. Der französische Posten blieb fest. Wir warteten.

Nach einer guten Stunde - die Sache begann größere Kreise zu ziehen - war das Haupthindernis der Einreise ausgemacht. Den Franzosen war nicht entgangen, daß wir an Bord unserer Maschine Waffen mitgeführt hatten: Pistolen und Gewehre, in Kisten verpackt. Deutsche Soldaten ohne Ausweisdokument waren für die Franzosen schwer zu ertragen, mit Waffen waren sie offenbar unerträglich. Für uns war es die erste Lehrstunde in multinationaler Zusammenarbeit.

Die Franzosen wollten, daß wir ohne Waffen einreisen. Für uns war klar, daß wir die Waffen nicht zurücklassen würden. Es dauerte also eine Zeit bis mit Hilfe eines hohen Stabes eine Farce gefunden war, die allen half, das Gesicht zu wahren. Da die Soldaten, die uns am Flughafen abholen sollten, als einzige über die geforderten Ausweisdokumente verfügten, wurden sie verpflichtet, die Waffen an sich zu nehmen und gesondert von uns zu transportieren. Wir waren ausgelöst und setzten unsere Reise fort.

Zurück zum ersten Teil.

Dienstag, 5. August 2008

Freiheit in Theorie und Praxis

"Meine These lautet nicht, wie einige meiner Kritiker behauptet haben, der Determinismus sei mit Sicherheit falsch (oder gar: ich könnte dies beweisen). Sie lautet nur: daß die Argumente, die zu seinen Gunsten vorgebracht werden, nicht schlüssig sind; und daß, wenn der Determinismus je zu einer allgemein akzeptierten Überzeugung werden und Eingang in unser gewöhnliches Denken und Verhalten finden würde, die Bedeutung und Verwendung bestimmter, für das menschliche Denken zentraler Konzepte und Wörter obsolet werden würden oder radikal verändert werden müßten. Die Tatsache, daß diese elementaren Wörter und Konzepte nach wie vor in Gebrauch sind, spricht nicht unbedingt für die These, daß der Determinismus falsch sei, wohl aber für die Hypothese, daß viele, die sich dazu bekennen, wenn überhaupt, nur selten praktizieren, was sie predigen, und daß ihnen (wenn meine These zutrifft) sonderbarerweise kaum auffällt, wie wenig ihre wirklichen Überzeugungen, soweit sie in ihrem Tun und Reden zum Ausdruck kommen, ihrer Theorie entsprechen."

Isaiah Berlin - Freiheit. Vier Versuche.

Montag, 4. August 2008

Der gute Hirte

"... Ich will, was mich bewegt, Politik zu machen, auf einen Begriff bringen: Es ist der Begriff des guten Hirten.

Ich glaube, daß jeder Politiker ein guter Hirte sein sollte, und ich mache Politik, weil ich dieser gute Hirte sein will.

Was aber ist ein guter Hirte?

In der Bibel – im Evangelium nach Johannes – heißt es über den guten Hirten: Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, läßt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Jesus Christus sagt: Ich bin der gute Hirte; ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören und es wird nur eine Herde geben und einen Hirten. Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin.

In meinen Worten zusammenfaßt: Der gekaufte Knecht ist jemand, der sich nicht um seine Schafe kümmert, der die Seinen nicht kennt und den die Seinen nicht kennen, und wenn der Wolf kommt, dann flieht der gekaufte Knecht. Der gute Hirte aber – kümmert sich um seine Schafe, auch um die, die nicht aus seinem Stall kommen. Er kennt die Seinen – und die Seinen kennen ihn. Mit seinem Leben steht er für das Wohl der Schafe ein.

Vieles, was in unser Partei stattfindet, läßt sich mit diesem Bild fassen. Damit Sie verstehen, was ich meine, will ich es für meine Bedürfnisse genauer deuten: Die Schafe, von denen hier die Rede ist, daß sind die Menschen in unserem Wahlkreis. Der Wolf –, daß sind die Sorgen und Nöte dieser Menschen. Und wir – wir sind entweder Schafe, gekaufte Knechte oder gute Hirten und wenn es ganz schlecht kommt, vielleicht sogar der Wolf.

Ich denke, daß jeder, der sich – allein um Geld und Ansehen zu erlangen – an die Spitze einer Herde stellt, ein gekaufter Knecht ist. Ein guter Hirte aber ist, wer aus aus freien Stücken gibt, wer sich kümmert, nur aus einem Grund – nicht weil er muß –, sondern weil er kann. Ich kann und ich will mich um meine Mitmenschen kümmern und will mit allen zusammenarbeiten, die das auch wollen, und alle zur Zusammenarbeit gewinnen, die es auch können.

Ich will dafür sorgen, daß wir die Menschen in unserem Wahlkreis besser kennenlernen, und das diese Menschen uns besser kennenlernen. Ich will dafür sorgen, daß wir uns mit den Sorgen und Nöten der Menschen vertraut machen und Ihnen beistehen, wenn Sie unseren Beistand brauchen."

Aus einer ungehaltenen Rede vor einer Wahl