Donnerstag, 31. Juli 2008

Der sittliche Wert eines Menschen

"Jetzt wird die ganze Welt über uns herfallen und uns beschimpfen. Aber ich bin nach wie vor der felsenfesten Überzeugung, daß wir recht gehandelt haben. Ich halte Hitler nicht nur für den Erzfeind Deutschlands, sondern auch für den Erzfeind der Welt. Wenn ich in wenigen Stunden vor den Richterstuhl Gottes trete, um Rechenschaft abzulegen über mein Tun und Unterlassen, so glaube ich mit gutem Gewissen das vertreten zu können, was ich im Kampf gegen Hitler getan habe. Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, daß Gott auch Deutschland um unsertwillen nicht vernichten wird. Wer in unseren Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben."

Henning von Tresckow, 21. Juli 1944.

Montag, 28. Juli 2008

Landung im Einsatzgebiet

Über eine Fahrgasttreppe traten wir ins Freie. Es war warm. Die Sonne stand tief. Blinzelnd gewöhnten sich die Augen an das Licht. Keine zwei Stunden waren seit dem Start in Köln vergangen. Ich hatte Berge aus meinem Fenster gesehen, dann Wasser und bald ein grünes, von Tälern und Flüssen durchzogenes Land. Jetzt, das Rollfeld zu meinen Füßen, blickte ich mich um.

Der Flughafen lag in einer Talebene. Weit entfernt, am anderen Ende des Rollfeldes stand - was ich zunächst für ein altes Lagerhaus gehalten hatte - das Hauptgebäude des internationalen Flughafens. Dahinter verlief eine Schnellstraße, die einen schmalen Erdstreifen zwischen dem Flughafen und den Wohnblöcken des Vorortes ließ. Die Stadt selbst entzog sich meinem Blick zwischen zwei Höhenzügen.

Wir ließen das Hauptgebäude des Flughafens zu unserer Rechten und gingen zu einer nahegelegenen Ansammlung von Hütten und Containern: dem militärischen Teil des Flughafens, unter Aufsicht der Franzosen. Ein Offizier wurde vorgeschickt, die Einreise- formalitäten zu erledigen. Ich setzte mich an einer der Hütten auf meinen Rucksack und musterte die Umgebung.

Die anderen standen in Gruppen zusammen, einige machten Fotos. Es waren hauptsächlich ältere Dienstgrade, wahrscheinlich Angehörige irgendeines Stabes. Auf dem Rollfeld war alles ruhig. Unsere Maschine rührte sich nicht. Eine andere Maschine stand verlassen vor dem Hauptgebäude. Jenseits des Flughafens war kein Mensch zu sehen. Das Gelände war übersichtlich. Ich schätzte die Entfernung zu den nächstgelegenen Häusern auf einen knappen Kilometer - und entspannte mich etwas.

Nach einiger Zeit kam ein Hauptfeldwebel und teilte uns mit, daß wir Schwierigkeiten bei der Einreise hätten. Wir sollten uns auf einen längeren Aufenthalt einstellen. Was denn für Schwierigkeiten, wollte ein älterer Stabsoffizier wissen. Der Hauptfeldwebel sah den Mann an, zögerte kurz und sagte dann: "Die Franzosen wollen uns nicht einreisen lassen."

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Samstag, 26. Juli 2008

Für eine neue Sprache der Wissenschaft

"[Die Erkenntnis] hätte in der Welt schon viel größere Fortschritte gemacht, wenn die Bemühungen kluger und fleißiger Männer nicht durch den gelehrten, aber wertlosen Gebrauch einer seltsamen, erkünstelten und unverständlichen Terminologie beeinträchtigt worden wären, die man in die Wissenschaft einführte und hier derart zu einer Kunst ausbildete, daß es als unpassend oder unmöglich galt, in einer guten Gesellschaft oder im Verlauf einer hochgeistigen Unterhaltung von der Philosophie zu reden, die doch nichts ist als die wahre Erkenntnis der Dinge. Unbestimmte und inhaltslose Redewendungen und der Mißbrauch der Sprache haben so lange für Geheimnisse der Wissenschaft gegolten, und schwer verständliche, falsch verwendete Wörter mit wenig oder gar keinem Sinn haben durch langjährige Gewohnheit so sehr das Recht erworbe, für tiefe Gelehrsamkeit und hochfliegene Spekulation gehalten zu werden, daß es nicht leicht sein wird, diejenigen, die sie aussprechen oder aussprechen hören, davon zu überzeugen, daß sie nur die Unwissenheit verbergen und die wahre Erkenntnis verhindern."

John Locke - Versuch über den menschlichen Verstand

Donnerstag, 24. Juli 2008

In den Einsatz

Anfang März wurden wir in einer Luftwaffenkaserne bei Köln zusammengezogen. Am Zoologischen Garten in Berlin hatte ich mich mit heißen Tränen von A. verabschiedet, Tage zuvor von meinen Eltern in H. Ich fühlte mich leer. Meine Liebe und meine Heimat lagen hinter mir, vor mir eine ungewiße Zukunft.

Das Gepäck wurde uns schon am Vorabend abgenommen. Wir behielten nur den Kulturbeutel und einen Rucksack. Die letzte Nacht im Kasernenblock war unruhig. Viele konnten nicht schlafen. Das Wetter morgens war mäßig. Wir traten im Nieselregen an. Busse brachten uns zum Flughafen. Die Luftwaffe sollte uns ins Einsatzgebiet bringen.

Teile unseres Kontingentes waren schon im Einsatz. Wir waren der zweite oder dritte Schwung. Ich hielt nach Kameraden Ausschau, die ich in der Vorausbildung kennengelernt hatte. Einige Wochen hatte ich zur Vorbereitung des Einsatzes in Regensburg, in Hammelburg und in Straußberg verbracht. Es war kein bekanntes Gesicht zu entdecken.

Die Abflughalle war voll mit Soldaten. Jeder von uns bekam eine Bordkarte. Das Wetter hatte sich verschlechtert. Wir mußten warten. Gerüchte liefen um. Würden wir heute noch verlegt werden? Wider die Anspannung bemühte ich mich um Gleichmut und Gelassenheit - und wartete. Meine Gedanken glitten ab. Ich dachte an die Abschiede. Ich dachte an A.

Dann ging plötzlich alles ganz schnell. "Gepäck aufnehmen, fertig werden, Bordkarte nicht vergessen!" Nach der Sicherheitsüberprüfung wurden wir aufs Rollfeld gefahren. Eine große Passagiermaschine nahm uns auf. Noch nie hatte ich ein Flugzeug von innen gesehen. Ich erwartete den Start. Die Maschine rollte in Position. Ich fühlte den Schub. Die Maschine hob ab und ich war auf dem Weg.

Weiter zum nächsten Teil.

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Bild: Alain Dupont, Luftwaffe, Boeing 707-307c, Frankfurt am Main, 1996.

Mittwoch, 23. Juli 2008

Von der großen Gesinnung beseelt, nicht berauscht

"Wer den Menschen kennt: wie ihm der Kopf so leicht verdreht wird; wie er so geneigt ist, alles in seinem Sinn zu verstehen, eine Handbreit zu nehmen, wo ihm ein Fingerbreit gegeben wird, und sich wenn er nur irgend Vorwand und Feigenblatt hat seinen Neigungen und Leidenschaften und ihren Verwüstungen hinzugeben; wie er, auf gewisse Weise dem Hahn gleich, nach dem gezogenen Kreidestrich geht; und, wenn dieser Strich, der ihn hielt und an den er sich hielt, plötzlich verrückt wird, wie er denn auf einmal alle Haltung verliert und keine Schranken weiter kennt etc.; wer das weiß, der ist schnell zum Wollen, langsam aber zum Tun; der bedenkt nicht bloß den Samen den, sondern auch den Boden darein er ihn säen will; der sitzt zuvor mit Ernst und mit Tränen in den Augen, und überschlägt die Schwachheit der menschlichen Natur; und geht, mit seiner Wohltat in der Hand, auf und ab, hin und wider, vor- und rückwärts, und spähet ohne müde zu werden, bis er einen Weg und Weise erspähet habe: ihrer mit Ehren loszuwerden. Ein solcher Wohltäter ist ein Geschenk des Himmels. Es ist leicht, ein schönes Bild zu zeichnen; aber schwer, es zu sein. Denn er muß Wohlgeschmack an dem finden was nicht wohlschmeckt; er muß nie seine Pflicht der Popularität, sondern immer die Popularität seiner Pflicht aufopfern können; er muß von der großen Gesinnung wohlzutun nicht berauscht, sondern wahrhaftig beseelt sein. Kurz, er muß sich darauf gefaßt haben und wissen, daß Undank der Welt bester Lohn sei, und entschlossen sein, wie Moses ein geplagter Mann zu werden."

Matthias Claudius - Asmus omnia secum portans

Dienstag, 22. Juli 2008

Voltaire mit Kaffee ohne Taschentuch

Vor einigen Tagen legte ich Voltaires Bericht über das Leben mit Friedrich dem Großen aus der Hand. Das Buch erinnerte mich an die Autobiographie eines leidlich bekannten Literaturkritikers. Soll heißen, es ist selbstverliebt, herablassend und angefüllt mit beeindruckenden Einblicken in eine andere Zeit.

Das Verhältnis von Voltaire zu Friedrich dem Großen - so läßt sich nach der Lektüre sagen - war doch wechselseitig von Annäherung und Zurückweisung geprägt. Überrascht hat mich die Offenheit, die Voltaire in Bezug auf Friedrichs sexuelle Orientierung an den Tag legt - ohne seine eigene auch nur zu erwähnen.

Es beginnt mit einer Geschichte aus der Jugendzeit Friedrichs.

"Der Prinz hatte eine Art Geliebte, die Tocher eines in Potsdam etablierten Schulmeisters aus Brandenburg. Sie spielte Cembalo, ziemlich schlecht; der Kronprinz begleitete sie auf der Flöte. Er hielt sich für verliebt, aber er täuschte sich; seine Neigung galt nicht dem weiblichen Geschlecht."
Voltaire, Über den König von Preussen, Frankfurt: Insel 1967,
S. 11.

Abgesehen davon, daß Voltaire sich hier eine Spitze gegen die junge Frau nicht verkneifen kann, ist die Darstellung noch dezent. Pikant ist dagegen seine Beschreibung des Alltags in Potsdam:

"War seine Majestät gekleidet und gestiefelt, huldigte der Stoiker für ein paar Augenblicke der Sekte Epikurs: er ließ zwei oder drei Favoriten kommen, Leutnants aus seinem Regiment oder Pagen, Heiduken oder junge Kadetten. Man trank Kaffee. Derjenige der das Taschentuch zugeworfen bekam, blieb eine halbe Viertelstunde mit dem König allein. Es kam dabei nicht bis zum Äußersten; da der Prinz zu Lebzeiten seines Vaters bei seinen flüchtigen Liebschaften ziemlich malträtiert und schlecht geheilt worden war; die erste Rolle konnte er nicht spielen, er mußte sich mit der zweiten Begnügen."
Voltaire, Über den König von Preussen, Frankfurt: Insel 1967,
S. 28.

Beachtlich finde ich die Gemeinheit mit der Voltaire den König hier bedenkt. Nicht nur, daß er seine Vorliebe für das männliche Geschlecht preisgibt - mit einer gewissen Selbstverständlichkeit - nein, er denunziert den König auch noch als sexuell umtriebig, krank und impotent.

Mir scheint, hier war eine Rechnung offen, wie sie Medea begleicht.

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Adolph von Menzel, Tafelrunde (König Friedrich II. in Sanssouci mit Voltaire, links, und den führenden Köpfen der Berliner Akademie, 1850, Kriegsverlust.

Sonntag, 20. Juli 2008

Der bucklige Zwerg des historischen Materialismus

“Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man “historischer Materialismus” nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.”

Walter Benjamin - Vom Begriff der Geschichte

Freitag, 18. Juli 2008

Zu Besuch im Erzbistum H.

Für ein paar Tage nun in meiner Heimatstadt, mit dem Wunsch, neben dem elterlichen Heim, auch eine lateinische Messe zu besuchen. In dieser Frage ortsunkundig, einen Blick auf die Internetseite des Erzbistums H. geworfen. Kein Hinweis auf eine Messe im außerordentlichen Ritus. Kein Hinweis auf eine lateinische Messe im ordentlichen Ritus. Auf einer Gemeindeseite den Hinweis auf ein "Choralamt" entdeckt. In der Hoffnung, zumindest soviel Latein wie Gregorianik in der Messe zu hören, zum Telefon gegriffen. Herr Müller meldet sich.
"Guten Tag Herr Müller, mein Name ist Tiberius, ich verbringe die nächsten Tage in H. und möchte eine Heilige Messe in lateinischer Sprache besuchen. Sie bieten am Sonntag ein Choralamt an. Können Sie mir vielleicht weiterhelfen."
"Meinen Sie vielleicht eine Messe nach dem Missale von 1962? So etwas gibt es im Erzbistum H. nicht."
"Ich bin da nicht festgelegt, auch eine lateinische Messe im ordentlichen Ritus wäre mir recht. Um was handelt es sich denn bei der im Pfarrbrief für Sonntag angekündigten Choralmesse?"
"Oh, da muß ich mal schauen. Ja, die Choralmesse, das ist eine Gemeindemesse mit gregorianischem Choral, jeden dritten Sonntag im Monat. Soweit ich weiß ist die Schola jedoch im Urlaub, Ferienzeit, sie wissen schon."
"Das ist aber schade! Können Sie mir denn vielleicht noch andere Möglichkeiten in H. nennen?"
"Ja", Herr Müller wechselt den Tonfall von freundlich zu vertraulich, "das ist schwierig. Eine lateinische Messe finden sie nicht mal im Dom. Sie müssen wissen, das Erzbistum hat wenig übrig für das Lateinische. Mittlerweile werden ja überall auf der Welt die Messen lieber in Englisch als in Latein gefeiert. Ich kann Ihnen nur die Nummer eines Dominikanerkloster in H. geben. Vielleicht können die ihnen weiterhelfen. Falls nicht, dann sind Sie am Sonntag gern gesehen. Es ist nicht so schlecht bei uns. Der Pfarrer macht seine Sache ganz ordentlich. Er schreibt nicht mal eigene Hochgebete."
Hoffnungsvoll erneut zum Hörer gegriffen. Leider mehrfach an der Faxweiche der Dominikaner gescheitert. Endlich meine Anfrage über das Kontaktformular der Internetseite abgeschickt. Jetzt auch auf der Internetseite des Erzbistums einen Ansprechpartner für mein Anliegen gesucht. Auf gut Glück bei der Abteilung für Seelsorge angerufen. Frau Meier am Apparat.
"Ja, guten Tag. Mein Name ist Tiberius, ich werde die nächsten Tage in H. sein und möchte eine Messe in lateinischer Sprache besuchen."
Frau Meier scheint ob dieser Anfrage betroffen, vielleicht auch verwirrt.
"Ich verbinde sie mit der Pressestelle."
Nach ein wenig Musik, die Stimme des Pressesprechers und ein etwas mißtrauisches "Guten Tag", dann aber ein durchaus hilfsbereites "ich schaue mal die Pfarrbriefe durch". Leider ohne Ergebnis.
"Gibt es denn im ganzen Erzbistum sonntags keine Messe mit Choral?"
Der Pressesprecher ratlos: "Ich glaube in der Gemeinde St. XY wird so was manchmal gemacht. Im Pfarrbrief steht aber nichts. Da müssen Sie dann wohl anrufen."
"Alles klar, das probier ich mal. Vielen Dank!"
Während des Gesprächs mit dem Pressesprecher auf der Seite des Erzbistums, neben dem englischen und dem französischen, auch einen philippinischen und einen ghanaischen Gottesdienst gefunden. Jetzt liegt auch die freundliche Absage der Dominikaner im Postfach. Letzte Chance, Anruf im Gemeindebüro St. XY. Doch auch hier: gleiche Frage, gleiche Antwort.
"Guten Tag, mein Name ist Tiberius ..."
"Messe, Latein, Choral, nein. Am nächsten Sonntag singt der Ephata-Togo Chor."
Jetzt bin auch ich verwirrt: Heiliger St. Philipp Neri, was ist ein Ephata-Togo Chor? Ohne Halt versinke ich in tiefes Grübeln, der Erdkreis und die Jahrhunderte ziehen an mir vorbei, ratlos bleibe ich zurück. Die Verbindung von römisch-katholisch und ephata-togo will sich mir einfach nicht erschließen.