Sonntag, 29. Juni 2008

Dienstag, 24. Juni 2008

Trost der Philosophie

“Diese Welt wäre niemals aus so verschiedenen und entgegengesetzten Teilen zu einer Gestalt zusammengetreten, wenn nicht einer wäre, der so Verschiedenes verbände. Auch verbunden würde gerade die Verschiedenheit der Naturen in wechselseitiger Zwietracht sich zerreißen, wenn nicht einer wäre, der zusammenhielte, was er verknüpft hat. Es könnte auch nicht die Ordnung der Natur so sicher voranschreiten und die so wohl gegliederte Bewegung nach Ort, Zeit, Wirkung, Raum, Eigenschaft entwickeln, wenn nicht einer wäre, der, selbst beharrend, diese Mannigfaltigkeit der Verwandlungen anordnete. Was es auch sei, wodurch das Geschaffene dauert und sich bewegt, ich nenne es mit dem allgebräuchlichen Namen: Gott.”

Boethius - Trost der Philosophie

Montag, 23. Juni 2008

Das Kreuz ist aufgerichtet

Was für ein Zeichen ist das Kreuz, wenn es daliegt, am Boden, mit seinen Enden wie die Welt in alle Richtungen ausgestreckt, wenn der Mensch mit Nägeln, an Händen und Füßen, durch Fleisch und Holz, daran geheftet ist?

Was für ein Zeichen ist das Kreuz, wenn es aufgerichtet ist, in Muttererde eingepflanzt, wenn es den Menschen aufrichtet, ihm eine neue Richtung gibt, ihn an drei Enden aufspannt und mit drei Enden über alle Welt hinausweist?

Es ist das Zeichen der Welt und das Zeichen des dreifaltigen Gottes, der das Kreuz in der Welt aufrichtet, sie überwindet und den Menschen erlöst.

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Die Kreuzigung Christi, Meister von Meßkirch, um 1543, Meßkirchener Schloß.

Freitag, 6. Juni 2008

Donnerstag, 5. Juni 2008

Aus staunend geweiteten Augen

Liebe Elsa,

ich kann verstehen, daß Du Dich über Lüdemann ärgerst, und sehe Dich vor mir, wie Du die Augen verdrehst und Dir die Haare raufst. Im Eifer des Gefechts scheint mir Dein Gebrauch des Wortes Wunder ein wenig inflationär und unpräzise und deshalb will ich folgendes anmerken: Ich denke, daß nicht jedes Wunder eine Frage des Glaubens ist. Wenn sich einer über Zeit, Raum und Mechanik wundert, dann kann auch eine Theorie der Relativität dabei herauskommen. Sicher aber ist jeder Glaube auf Offenbarung und auf Wunder angewiesen. Wer also aufhört, sich zu wundern, wird weder sein Wissen erweitern, noch Glauben finden.

Es gibt dazu eine, wie ich finde, schöne Stelle aus dem "Aufstand der Massen" von José Ortega y Gasset. Er schreibt: "Überraschung, Verwunderung sind der Anfang des Begreifens. Sie sind der eigenste Sport und Luxus des geistigen Menschen. Darum ist seine Zunftgebärde, die Welt aus staunend geweiteten Augen zu betrachten. Alles in der Welt ist merkwürdig und wunderbar für ein paar geöffnete Augen. Dies eben, das Sichwundern, ist eine Götterfreude, die dem Fußballspieler versagt ist, den Denker aber im unaufhörlichen Rausch des Schauenden durch die Welt treibt. Sein Zeichen sind die starrenden Augen. Darum gaben die Alten Minerven die Eule bei, den Vogel, der immer geblendet ist."

Vale!
Tiberius

Glaubensbekenntnis nach Wittgenstein

"Ich glaube, daß ich Ahnen habe und daß jeder Mensch sie hat. Ich glaube, daß es verschiedene Städte gibt, und überhaupt an die Hauptdaten der Geographie und der Geschichte. Ich glaube, daß die Erde ein Körper ist, auf dessen Oberfläche wir uns bewegen, und daß er sowenig plötzlich verschwindet oder dergleichen wie irgendein andrer fester Körper: dieser Tisch, dieses Haus, dieser Baum etc. Wenn ich an der Existenz der Erde vor meiner Geburt zweifeln wollte, müßte ich alles mögliche bezweifeln, was mir feststeht. [...] Und daß mir etwas feststeht, hat seinen Grund nicht in meiner Dummheit oder Leichtgläubigkeit. [...] Einen vernünftigen Zweifel an der Existenz der Erde während der letzten hundert Jahre kann ich mir jetzt nicht vorstellen."

Ludwig Wittgenstein - Über Gewißheit

Dienstag, 3. Juni 2008

Wissen, Glauben und Gewißheit

Im deutschen Sprachgebrauch gibt es eine, wie ich finde, unglückliche Verbindung von Wissen und Gewißheit, von Glauben und Ungewißheit, aus der viele einen Vorrang des Wissens vor dem Glauben ableiten. Dieser Umstand weist auf einen eklatanten Mangel an begrifflicher Schärfe oder auf einen tief verankerten wissenschaftlichen Positivismus.

Viele glauben, es gäbe außerhalb des Wissens keine Gewißheit. Im Grunde aber ist genau das Gegenteil der Fall. Es ist das Wissen, das nach Gewißheit strebt und von der Ungewißheit lebt, von der Vorläufigkeit, die sich immer wieder aus Neue beweisen muß. Der Glaube aber bietet, was sich das Wissen gar nicht leisten kann. Eine Gewißheit, die sich der Vorläufigkeit und dem Beweis entzieht.

Wenn wir also einer Sache, von der wir sagen, daß wir sie wissen, absolut sicher sind, dann haben wir den Bereich des Wissens mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits verlassen und sollten uns ruhig eingestehen, daß wir in diesem Fall nicht wissen, sondern glauben.

Die Philosophie formt und bildet unser Leben

“Die Philosophie ist nicht dazu da, als Kunststück öffentlich vorgeführt zu werden. Nicht Worte machen ihr Wesen aus, sondern Taten. Sie darf uns auch nicht dazu dienen, in angenehmer Unterhaltung den Tag hinzubringen und in der Freizeit vor Langeweile bewahrt zu bleiben: denn sie ist es ja, die unser Inneres formt und bildet, unser Leben ordnet, unsere Handlungen lenkt, die uns zeigt, was zu tun, was zu lassen sei; sie sitzt am Steuerruder und bestimmt den Kurs, wenn wir unschlüssig hin und her treiben. ohne sie vermag kein Mensch sorgenfrei und sicher zu leben. In unzähligen Angelegenheiten wird stündlich Rat gebraucht, der nur bei ihr zu holen ist.”

Seneca - Briefe an Lucilius

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Der sterbende Seneca, Peter Paul Rubens, 1612/13, München: Alte Pinakothek.

Montag, 2. Juni 2008

Die Legende von Paula und Ben

Auch wenn ein Blog gegenteilige Vermutungen zuläßt, ist doch das persönliche Gespräch die von mir bevorzugte Form des Austausches. Da dieses ohne einen Ort der Begegnung nicht zu haben ist, will ich den Ort vorstellen, der von sich aus eine Begegnung am ehesten verspricht.
Es handelt sich um mein Wohnzimmer, oder vielmehr das, was dieser Einrichtung bei mir am nächsten kommt, eine kleine Bar nahe des Südstern in Berlin-Kreuzberg. Sie heißt: Die Legende von Paula und Ben. Ein Name, an den ich mich mittlerweile auch gewöhnt habe. Wer hier den Tag ausklingen läßt, der umgibt sich mit entspannten und uneitlen Menschen, verfügt über ein gut gewähltes Sortiment an Weinen, Tapas und Zigarren, genießt den persönlichen Service und ein Verhältnis von Preis zu Leistung, das seinesgleichen sucht. Geöffnet ist die Legende von sechs Uhr abends bis zwei Uhr morgens an allen Tagen zwischen Montag und Sonntag.

Die Legende von Paula und Ben
Gneisenaustraße 58 (U-Bahnhof Südstern)
10961 Berlin