Dienstag, 27. Mai 2008

Menschen, die nicht einmal sich selbst kennen

“Pflege deine Urteilskraft! Sie allein kann dich davor bewahren, daß in dir Ansichten entstehen, die mit der Natur und der Beschaffenheit eines vernünftigen Wesens im Widerspruch stehen. Sie aber verlangt von uns Enthaltung von vorschnellen Urteilen, Wohlwollen im Verkehr mit den Menschen, Gehorsam gegenüber den Göttern.
Lege alles andere beiseite, halte nur an jenem einen fest, und bedenke überdies, daß wir nur diesen kurzen gegenwärtigen Augenblick leben; die übrige Zeit ist entweder schon durchlebt oder liegt noch im Dunkel. Unbedeutend ist also das Leben eines jeden, unbedeutend das Fleckchen Erde, auf dem er sich herumtreibt, unbedeutend auch der dauerndste Nachruhm; denn er pflanzt sich fort durch eine Reihe schnell dahinsterbender Menschen, die nicht einmal sich selbst kennen, geschweige denn einen längst vor ihnen Verstorbenen!”

Marcus Aurelius - Selbstbetrachtungen

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Marcus Aurelius, Fragment einer Büste aus der Zeit um 170 n. Chr., Paris: Louvre.

Haltend den Ägis voll Pracht, unalternd stets und unsterblich

Du führst und hinaus ins Weite

Salve Martina!

Da ich mich in einigen Kommentarbereichen, zum Beispiel hier, recht eindeutig zum Katholikentag geäußert habe, was für den ein oder anderen ein bißchen zu weit aus dem Fenster gelehnt scheinen mag, möchte ich mein Urteil über das hier aufgegriffene Motto des Katholikentages klarstellen.

Zunächst, ja: "Du führst mich hinaus ins Weite". Es erstaunt mich immer wieder, wie sehr die Welt durch den Glauben der Kirche an Weite und Tiefe gewinnt. Ebenso erstaunt bin ich oft, wieviel Freiraum die Kirche in sich bietet, da sie ja von außen oft nur als Block wahrgenommen wird. Ich finde es wunderbar, daß ein Augustinus, ein Bonaventura, ein Anselm, ein Franziskus, ein Thomas, ein Wilhelm und viele, viele andere, - gegenwärtig sind es eine Milliarde Menschen - in der einen Kirche ihren Platz haben, denn für manche wäre der Unterschied zwischen Dick und Doof Grund genug, viele, viele kleine Kirchen zu begründen. Daß es trotz der inhaltlichen Unterschiede, die ja nicht nur zwischen den Lehrern der Kirche, sondern auch zwischen den einzelnen Gläubigen bestehen, die eine Kirche geblieben ist - zumindest ihrem Anspruch nach - verdankt sich klaren Grenzen, die als das wesentlich katholische den Raum der Kirche beschreiben.

Die Kirche, die ihrem Wesen nach immer nur eine sein kann, ist für mich wesenhaft der Ort des Heiligen.

Den Katholikentag habe ich hauptsächlich durch die Berichterstattung in den Medien verfolgt und gebe gerne zu, daß manches daran verzeichnet gewesen sein mag. Das aber ändert nichts an der öffentlichen Wirkung des Katholikentages - es macht sie ja geradezu aus - und nur mit dieser möchte ich mich hier befassen.

Was mich stört, ist die Preisgabe des Sakralen in der Annäherung an das Profane. Um es mit einem Bild zu sagen: Der Hirte weidet seine Schafe auf gutem Weidengrund. Er verliert ein Schaf aus seiner Herde - ein Bild, das den meisten ja irgendwie noch vertraut sein dürfte -, und macht sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf. Ich gebe zu, daß die heutige Situation der Kirche mit dem Bild vom Hirten und dem einen verlorenen Schaf, angesichts der überwältigenden Zahl verlorener Schafe, den wahren Verhältnissen kaum noch Rechnung zu tragen scheint. Dennoch ist es richtig von dem einen Schaf zu sprechen, da sich der Hirte, hier Christus, jedem Einzelnen zuwendet. Geradezu falsch wäre es, von verlorenen Herden zu sprechen, da selbst eine Million Schafe ohne Hirten keine Herde machen.

Die Suche nach dem verlorenen Schaf kann verschiedene Gründe haben. Ein Grund könnte sein, die Zahl der Herde zu erhalten, ein anderer, das Schaf auf guten Weidegrund zurückzuführen. Gerade hier läßt sich viel über die Kirche lernen. Wenn es nur darum geht, die Zahl der Herde zu erhalten, dann bräuchte der Hirte die Herde eigentlich nur den verlorenen Schafen hinterher zu treiben oder den Weidegrund so beliebig zu erweitern, daß kein Schaf mehr verloren ist. Wer die Kirche an der Zahl ihrer zahlenden Mitglieder mißt, der kann mit der ganzen Herde den verlorenen Schafen hinterher jagen. Doch selbst wenn es ihm gelänge, so die Zahl seiner Herde zu vergrößern, hätte doch mit ihm die ganze Herde und nicht nur ein Schaf den Weidegrund verlassen. Für den guten Hirten stellt dieses Vorgehen also keine Option dar. Er bringt nicht die Herde zum verlorenen Schaf, sondern das Schaf zum guten Weidegrund, denn selbstverständlich muß der Verlorene dort aufgesucht werden, wo er verloren ist, daß aber kann doch nicht heißen, sich gleich selbst mit zu verlieren.

Das, was ich über den Katholikentag in Osnabrück gesehen, gehört und gelesen habe, läßt mich an der Seite der Kritik die Affirmation vermissen, und auf der Seite der Kritik den Sinn für das Sakrale, den guten Weidegrund, und so erlebe ich den Katholikentag als eine Anbiederung an das Profane, als "Happening", als "Event", als "Lifestyle".

Wenn ein Religionssoziologe auf dem Katholikentag beklagt, das Jugendliche, die sich zu der einen Kirche bekennen, mit einem erheblichen Verlust an sozialem Prestige rechnen müssen, welcher vor allem auf die weltfremde Haltung der Kirche zurückzuführen sei, dann bin ich mir nicht sicher, ob dieser Mann verstanden hat, wer der Mann mit der Dornenkrone ist und was in der Welt die Kirche, wenn nicht sein geschundener Leib.

Wenn eine Kosmetikerin, die an einem Stand, von einer großen Kosmetikfirma gesponsert, ihre Aufgabe mit den Worten beschreibt, sie verhelfe den Besuchern des Katholikentages mit Schminktips zu einem besseren Ausdruck ihrer individuellen Persönlichkeit, dann muß es um manche Christen schlimmer bestellt sein als ich dachte. Sie aber wird wohl kaum die Verschönerung des Tempels im Sinn gehabt haben, den der Herr in drei Tagen wiederaufgerichtet hat, und leider wohl auch nicht die Händler und Geldwechsler, die aus diesem verjagt wurden.

Für mich ist das ein - vielleicht nachvollziehbares - Ärgernis. Es ist dabei nicht meine Absicht, überheblich, unversöhnlich oder unernst zu sein und schon gar nicht Zeit zu verschwenden. Im Gegenteil müssen wir die Zeit nutzen, darüber zu sprechen, was unserem Verständnis nach Kirche ist und was katholisch.

Vale!
Tiberius

Montag, 26. Mai 2008

Das Gesetz wird erfüllt, der Gerechte hingerichtet

Im Jahr 399 vor Christus verurteilt das Volk von Athen Sokrates zum Tod. Die Anklage, Mißachtung der Götter und Verführung der Jugend, sowie der Prozeß selbst sind von zweifelhafter Güte. Obwohl von seinen Freunden gedrängt, läßt Sokrates die Gelegenheit zur Flucht verstreichen. Er will, daß das Gesetz, auch wenn es ungerecht ist, an ihm erfüllt wird. Denn, so Sokrates, eine Gemeinschaft, die ihre eigenen Gesetze nicht mehr erfüllt, hört auf Gemeinschaft zu sein. Sokrates aber will lieber das eigene Leben als die Gemeinschaft aufgeben, denn allein - so bekennt er - ist der Einzelne nichts. Aus freiem Willen, nicht aus Mangel an Gelegenheit, gibt er sein Leben, um die Gemeinschaft der Einzelnen zu erhalten, und das, obwohl sie ihr defektes Wesen deutlich offenbart. (Pl. Apol., Krit.)


Einige Jahre zuvor wurde Sokrates von Glaukon darauf hingewiesen, daß es doch richtiger sei, weil für den Einzelnen vorteilhafter, gerecht zu scheinen statt zu sein, und daß der Gerechte, der wirklich gerecht sein wolle, von den Menschen gegeißelt, gefoltert, in Ketten gelegt, an beiden Augen geblendet und nach allen Martern noch ans Kreuz geschlagen würde, um auch endlich zu dieser Einsicht gebracht zu werden. (Pl. Pol.)

Mehr als 400 Jahre später kommt es zu einem anderen Prozess, im fernen Galiläa. Der Angeklagte, angeblich ein Gotteslästerer und Verführer der Menschen, lehnt es ab, sich seiner Verhaftung zu entziehen (Mt 26,53). Anklage und Prozess sind zweifelhaft (Mt 26,59-68; Joh 19, 7). Die Verurteilung erfolgt auf den Spruch der Gemeinschaft (Mt 27, 15-22, Joh 19, 15). Der Verurteilte wird verspottet (Mk 15,16-19), geschlagen (Mt 27, 31) und gegeißelt (Joh 19, 1). Er wird ans Kreuz geschlagen (Mt 27, 35) und er steigt nicht herab (Mk 15, 29-32).

Der Gerechte wird hingerichtet und das Gesetz wird erfüllt.

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Bild: Sokrates unterrichtet einen Schüler.

Von Führern und Verführern

“Ich glaube an die Macht des Vorbildes, des ganz individuellen und sehr sterblichen Ideals; an den beispielgebenden Einzelnen, den man in früheren Zeiten einen Helden nannte. Ich glaube, daß man in unserer Zeit sich der Pflicht musterhaft zu sein, entzieht mit der Ausrede, es gilt den Führern zu entgehen und die Institutionen zu verbessern. Man soll das nur tun; doch werden sie niemand zur Selbständigkeit erziehen, zum Mut, zu denken, was man denkt, zu fühlen, was man fühlt, zu wollen, was man will. Der beste Weg zum Selbst ist die Faszination durch ein anderes Selbst; die lebende Illustration, wie einer sich traut, Er zu sein. Die Romantiker haben erkannt, was ein leibliches Vor-Bild bedeutet; Novalis hat gewußt, was es für den Staat sein kann. Er war kein Monarchist; eher ein Voraus-Denker, der die “Exekutive”, den Manager auf dem Thron, schon ablehnte, bevor er die Kommandohöhe erobert hatte. Im zwanzigsten Jahrhundert benutzt man die gute Gelegenheit, mit den Ver-Führern die Führer - aus der Welt zu schaffen und zu verhindern, daß sie auf die Welt kommen.”

Ludwig Marcuse - Mein zwanzigstes Jahrhundert

Dienstag, 13. Mai 2008

Habermas sein Pfingsten

"Die Kehrseite der Religionsfreiheit ist tatsächlich eine Pazifizierung des weltanschaulichen Pluralismus, der ungleiche Folgelasten hatte. Bisher mutet ja der liberale Staat nur den Gläubigen unter seinen Bürgern zu, ihre Identität gleichsam in öffentliche und private Teile aufzuspalten. Sie sind es, die ihre religiösen Überzeugungen in eine säkulare Sprache übersetzen müssen, bevor ihre Argumente Aussicht haben, die Zustimmung von Mehrheiten zu finden. [...] Die Suche nach Gründen, die auf allgemeine Akzeptabilität abzielen, würde aber nur dann nicht zu einem unfairen Ausschluß der Religion aus der Öffentlichkeit führen und die säkulare Gesellschaft nur dann nicht von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abschneiden, wenn sich auch die säkulare Seite einen Sinn für die Artikulationskraft religiöser Sprachen bewahrt. [...] Deshalb sollte die Festlegung der umstrittenen Grenze als eine kooperative Aufgabe verstanden werden, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der jeweils anderen einzunehmen."

Jürgen Habermas - Glauben und Wissen

Montag, 12. Mai 2008

Mittwoch, 7. Mai 2008

In der Stadt zur Last fallen

”Man darf niemals, wenn man ein vernünftig denkender Mann ist, seine Kinder allzusehr zur Weisheit bilden. Denn außer dem Vorgang des Müßigganges, den sie bekommen, erwerben sie bei den Bürgern haßerfüllten Neid. Und wenn du den Dummköpfen neue Weisheiten nahebringst, wirst du ihnen nutzlos scheinen und nicht weise. Und wenn du wiederum denen, die etwas Kluges zu wissen glauben, als überlegen giltst, wirst du in der Stadt zur Last fallen.”

Euripides - Medea

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Euripides, römische Kopie einer griechischen Arbeit aus Athen um 330 v. Chr., Berlin: Altes Museum.

Montag, 5. Mai 2008

Der Koran, der Mensch und das Leben

Salve Maethor!

Ich stimme Dir zu, wenn du sagst: Mohammed vereinnahmt die großen monotheistischen Religionen mit einer großen Selbstverständlichkeit. Die wesenhaften Unterschiede blendet er dabei entweder aus oder führt sie auf verfälschte Überlieferung zurück. Der Koran ist nicht das ewige Wort, das er vorgibt zu sein.

An den Ausführungen von Dr. Köse hat mich gewundert, daß er auf den freien Willen des Menschen verweist. Bislang war ich davon ausgegangen, daß der Gott des Islam alleiniger Urheber aller Dinge ist. Ich wäre deshalb geneigt, mich Deinem Urteil anzuschließen: "... der freie Wille als Wurmfortsatz des religiösen Gotteswillens...", finde aber im Text von Köse keinen Beleg dafür. Mir ist mithin nicht klar, wie weit er dort den Begriff des freien Willens faßt?

Wenn ich den Ausführungen von Dr. Köse weiter folge, dann ist der Koran eine Botschaft, die in Prinzipien universell und in deren Anwendung dynamisch ist. Köse führt hier das Prinzip der Gerechtigkeit an, daß zwischen den Menschen im Leben erfüllt werden soll und am Ende der Zeit - im Gericht - zwischen Mensch und Gott erfüllt wird. Auch die Erforschung der Schöpfung ist Köse ein Gebot des Koran, daß der Verherrlichung Gottes und der Verkündung des Glaubens dient.

Daß Köse hier aus dem Koran zwei Prinzipien herausgreift, die alles andere als originär islamisch sind, wirft mich auf die Frage des Kaisers zurück: "Was hat Mohammed Neues gebracht ...?"

Zu meinem großen Bedauern kommt Dr. Köse nicht auch auf die Gretchenfrage der Religionen zu sprechen: Wie hältst Du´s mit der Gewalt?

Ich halte den Islam für eine atavistische Erscheinung der Religionsgeschichte. Mohammeds Gottesbild geht zurück hinter die Gotteserfahrung des Menschen auf dem Berg Moria, seine Begegnung mit Gott auf dem Horeb und auf Golgatha. Da Mohammed auf die Ursprünge des Monotheismus zurückgeht und jede Entwicklung des Gottesbildes verneint könnte man Mohammed mit gutem Gewissen einen großen Reformator nennen oder aber einfach einen schlichten Geist.

Vale!
Tiberius