Freitag, 25. April 2008

Wäre ich dröhnendes Erz

“Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüßte und alle Erkenntnisse hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenke, und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergebe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts. Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, läßt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie trägt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf. Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenreden verstummt, Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkennen wir unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe. ”

Paulus - Erster Brief an die Korinther

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Der Apostel Paulus beim Schreiben. Aus einer Handschrift der Paulusbriefe, frühes 9. Jahrhundert. Württembergische Landesbibliothek Stuttgart. Die Abbildung, die dem St. Galler Skriptorium unter dem Schreiber Wolfcoz zugeordnet wird, folgt der frühmittelalterlichen Tradition des Autorenporträts. Sie gilt als eine der ältesten Darstellungen von Paulus in der europäischen Kunst.

Dienstag, 22. April 2008

Deus caritas est

Salve Elsa!

Es gibt viele Menschen, die die Liebe, die Hingabe ist und Opfer bringt, leugnen, weil sie schon die Freiheit zur Hingabe und zum Opfer verneinen. Sie verzichten dabei nicht auf das Sprechen von Liebe, ihre Welt scheint voll davon: "ich liebe es", "wir lieben Lebensmittel" oder "wir lieben Technik".

Aber sie tragen die Liebe auf den Markt. Die Bereitschaft, alles für eine Sache tun zu wollen, wird zur Bedarfserklärung und zum Qualitätsversprechen. Alles was auf dem Markt ist erhält im Geschäft einen Preis, der durch Angebot und Nachfrage bestimmt und mit dem Äquivalent des Geldes bezeichnet wird. Das Äquivalent ist die Verneinung des Opfers; geht es doch davon aus, daß jeder bekommt, was er gibt. Gibst Du einem Obdachlosen auf dem Markt einen Euro, dann bekommst Du etwas zurück, was einen Euro wert ist. Sei es auch nur das gute Gefühl ein besserer Mensch zu sein.

Diese Liebe des Marktes ist nicht die Liebe des Gekreuzigten. Seine Liebe ist kein Geschäft und keine Währung, er verjagt die Geschäftemacher und Geldwechsler aus seinem Tempel. Es gibt keinen Preis und kein Äquivalent für seine Liebe. Er zieht keinen Nutzen aus seinem Opfer und er bezeugt seine Liebe durch das höchste Opfer: sein Leben.

Wer den Gekreuzigten nicht hat, und das betrifft unsere säkularen Freunde, der muß in der Hilfe eines ehrenamtlichen Mitarbeiters Deiner Diakoniestation Egoismen und sogar Heuchelei am Werk sehen. So wie er schon in der Liebe von Mutter und Vater einen Akt der Arterhaltung sieht unterwirft er sich der Selbsterhaltung, womit wir wieder beim ersten Gebot des säkularen Lebens wären: Erhalte dein Leben um jeden Preis!

Vale!
Tiberius

Donnerstag, 10. April 2008

Bekenntnisse

“O Wahrheit, Wahrheit, wie innig schmachtete mein Herzinnerstes schon damals nach Dir, wenn mir diese Menschen immer wieder, immer anders gewendet, mit dem bloßen Stimmenschall und in vielen großmächtigen Büchern ihr Getön von Dir machten! Und das war das Geschirr, in dem sie mir, dem Menschen voll Hunger nach Dir, statt Deiner nur Sonne und Mond vorsetzten, die schönen Werke Deiner Hände gewiß, doch eben bloß Dein Werk, nicht Du, und auch sie nicht Deine erstigen; denn erstiger als die sichtbar körperhaften Werke, so herrlich sie leuchten am Himmel, sind Deine geistigen. Aber auch sie, diese ursprünglichen, meinte ich nicht, wenn mich hungerte und dürstete: das warst Du selbst, o Wahrheit, in der es keinen Wandel gibt noch Beschattung im Umlauf der [Gestirn-]Bewegung. Und das was man weiter in jenem Geschirr auftischte waren scheinschöne Attrappen, so daß es immer noch besser war, seine Liebe gleich an die Sonne dort zu hängen, die wenigstens auch fürs Auge hier ein Wahres ist, als an jenes Falsche, Ausgeburten des vom Augentrug berückten Geistes. Und gleichwohl, Dich darin vermeinend, aß ich, nicht eben gierig, da es in meinem Munde nicht nach Deiner Wirklichkeit schmeckte - denn dies Chimärische warst ja auch nicht Du -, und statt mich daran zu nähren, zehrte es mich aus.”

Augustinus - Bekenntnisse

Montag, 7. April 2008

Samstag, 5. April 2008

Ultra posse nemo obligatur

Salve Kroski!

Bedauerlich, daß so viele unter ihren Möglichkeiten bleiben, Gott zu erfahren. Ich denke, daß die gegenwärtige Theologie dabei nicht unerheblich Verantwortung trägt. Den Gott, der fremd und fern ist, vermuten wir in der Fremde und der Ferne, und erkennen nicht, daß er uns dort begegnet, wo wir uns nah und vertraut glauben.

Eine Wissenschaft, die glaubt, sich selbst hervorbringen zu können, weiß sich nicht selbst: sie glaubt sich. Die unverfügbaren Voraussetzungen des Wissens leugnet sie und verwässert damit letztlich den Begriff des Wissens. Wer Wissenschaft will, der muß sie vor diesem eklatanten Mangel an Reflexion in Schutz nehmen.

Tiberius

Donnerstag, 3. April 2008

Hier bin ich, zweiter Teil

Die Begegnung des Menschen mit Gott: Am Berg Horeb ruft Gott Moses bei seinem Namen. Moses antwortet "hier bin ich". "Hier bin ich" ist auch die Antwort Abrahams und Jakobs auf Gottes Rufen, aber erst Moses wird offenbar, daß Gott der "ich bin" ist. Diese Entwicklung deutet bereits an, was erst später erfüllt wird: Die Wahrheit ist ein Weg. Sie führt aus der persönlichen Begegnung mit Gott zu Gott.

Hätte der Mensch Gott antworten können, wenn er nicht von Gott gerufen worden wäre? Nein, denn ohne den Ruf Gottes an den Menschen gibt es auch kein Rufen des Menschen zu Gott. Die Antwort des "ich bin hier", sprich, des Menschen, setzt das Wissen um das "ich bin ich" voraus. Dieses Wissen wird dem Menschen nur durch Offenbarung zuteil: Gott ruft den Menschen bei seinem Namen. Und wenn der Mensch hört, dann antwortet er: "Hier bin ich", und wenn er versteht, dann bekennt er, weil er weiß, daß er bereits glaubt.

Tiberius


Zurück zum ersten Teil.

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Elberfelder Bibel, Genesis 22, 1:
"Und es geschah nach diesen Dingen, da prüfte1 Gott den Abraham. Und er sprach zu ihm: Abraham! Und er sagte: Hier bin ich!"

Elberfelder Bibel, Genesis 22, 11:
"Und der Engel Gottes sprach im Traum zu mir: Jakob! Und ich sagte: Hier bin ich!"

Elberfelder Bibel, Exodus 3, 3-4:
"Und Mose sprach: Ich will doch hinzutreten und dieses große Gesicht sehen, warum der Dornbusch nicht verbrennt. Und als Jehova sah, daß er herzutrat, um zu sehen, da rief Gott ihm mitten aus dem Dornbusche zu und sprach: Mose! Mose! Und er sprach: Hier bin ich."

Elberfelder Bibel, Exodus 3, 14-15:
"Und Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Kindern Israel komme und zu ihnen spreche: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt, und sie zu mir sagen werden: Welches ist sein Name? was soll ich zu Ihnen sagen? Da sprach Gott zu Mose: Ich bin, der ich bin. Und er sprach: Also sollst du zu den Kindern Israel sagen: "Ich bin" hat mich zu euch gesandt."

Raffaelo Santi (1483-1520), Moses vor dem brennenden Dornbusch, Kohle auf Papier, 140 x 138 cm, Neapel, Museo e Gallerie Nazionali die Capodimonte.

Die "Box" mit dem "Zischeln der Schlangen"

Salve Alipi,

ob Al Gore recht hat oder nicht, kann ich Dir nicht sagen. Was aber die Verantwortlichen und die Büchse angeht, teile ich Deine Einschätzung. Das bedrückt mich. Deine Worte aber, die "Box" mit dem "Zischeln der Schlangen" und dem "Kichern der Medusa", haben mich erheitert.

Vale Alipi!

Tiberius

Mittwoch, 2. April 2008

Das Lob der Torheit

"Unter all diesen Künsten und Wissenschaften stehen jene in der Wertschätzung zuoberst, die dem gemeinen Menschenverstand, das heißt der Torheit, am nächsten kommen. Hungern muß der Theologe, frieren der Naturphilosoph, verlacht wird der Astrologe, wie Luft behandelt der Dialektiker. Einzig >der Arzt wiegt auf den Wert vieler anderer Männer<. Aber selbst hier gilt: Je unwissender, dreister und leichtfertiger ein Arzt ist, um so höheres Ansehen genießt er, nicht zuletzt bei den betuchten Fürsten. Aber die Medizin, zumal wie sie heute von ziemlich vielen betrieben wird, ist nichts weiter als ein Zweig der Schmeichelkunst, genauso wie die Rhetorik. An zweiter Stelle kommen die sturen Paragraphenreiter - vielleicht verdienen sie sogar den ersten Rang -, deren Gewerbe die Philosophen (ich selbst möchte mich eines Urteils enthalten) fast einhellig als Eselskunst verhöhnen. Und doch wickeln sich alle Rechtsgeschäfte, die folgenreichsten und die belanglosesten, nach dem Gutdünken dieser Esel ab. Ihre Landgüter dehnen sich immer weiter aus, während der Theologe, der doch ganze Schränke voller Bücher über das Wesen Gottes durchforstet hat, an Wolfsbohnen herumknabbert und unaufhörlich gegen Wanzen und kleine nette Läuse anzukämpfen hat.”

Erasmus von Rotterdam - Das Lob der Torheit

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Hans Holbein, der Jüngere (1498-1543), Erasmus von Rotterdam, gemalt 1523