Sonntag, 24. August 2008

Pantoffelhelden

"Behüt Gott dich lieben Jungen davor, jemals eine geliebte Frau um Verzeihung zu bitten, wenn du vor ihr schuldig bist! Gerade wenn du sie liebst, gerade dann ... wie groß deine Schuld auch sein mag! Denn eine Frau - das, Bruder, ist schon ein seltsames Wesen, und mit Frauen, wenigstens kenn ich mich aus! Versuch mal vor ihr Schuld zu bekennen, etwa zu sagen: "Verzeih mir, entschuldige, ich hätt´s nicht tun sollen!" Auf der Stelle hagelt es Vorwürfe. Niemals, niemals wird sie schlicht und geradewegs verzeihen, nein, sie wird dich erniedrigen, zum letzten Dreck wird sie dich machen, dir die Leviten lesen, wird dir alles vorhalten, sogar das, was es nie gegeben hat, nichts wird sie vergessen, wohl aber von sich aus etliches dazutun, dann erst wird sie verzeihen. Und so halten es noch die Besseren! Die letzten Krümel kratzt so eine zusammen und wirft sie dir an den Kopf; ein Drang zum Schinden, sag ich dir, sitzt in ihnen, in allen, ohne Ausnahme, in diesen Engeln, ohne die wir nicht leben können! Siehst du, mein Lieber, ich sage offen und schlicht: Jeder ordentliche Mann kann nicht umhin, bei irgendeinem Weib unterm Pantoffel zu stehn. Das ist meine Überzeugung ... keine Überzeugung, sondern ein Gefühl. Ein Mann muß großmütig sein, und einen Mann schändet das nicht. Nicht einmal Helden schändet es, auch keinen Cäsar! Gut, aber um Verzeihung sollst du trotzdem nicht bitten, niemals, um nichts. Merk dir die Regel; gelehrt hat sie dich dein Bruder Mitja, der an den Frauen zugrunde gegangen ist. Nein, besser ist´s, ich stimme Gruscha wieder freundlich, ohne das ich sie um Verzeihung bitte. Ich blicke voll Andacht zu ihr auf, Alexej, voll Inbrunst und Andacht! Bloß sie sieht es nicht, nein, ihr ist´s noch immer zuwenig Liebe. So peinigt sie mich, peinigt mich mit Liebe. Früher dagegen! Früher haben mich nur die infernalisch schönen Linien ihres Leibes gepeinigt, doch jetzt hab ich ihre ganze Seele in meine aufgenommen, und durch sie bin ich selbst zum Menschen geworden! ..."

Fjodor Dostojewski - Die Brüder Karamasow

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Portrait des Schriftstellers Fjodor Dostojewski, Öl auf Leinwand von Wassili Grigorjewitsch Perow, gemalt 1872, Tretjakow-Galerie, Moskau.

Kommentare:

Elsa hat gesagt…

Lieber Freund,

Dostoevskij ist ein großartiger Schriftsteller, aber ein ganz schlechter Ratgeber in Liebesnöten!

Beste Grüße
Elsa

Tiberius hat gesagt…

Liebe Elsa,

es mag sein, daß Dostojewski in Liebesnöten ein schlechter Ratgeber ist. Besonders dann, wenn der von ihm beschriebe weibliche Charakterzug ein zeitliches Phänomen ist. An dem von Dostojewski stark idealisierten Frauenbild fällt dieser Makel natürlich ins Auge, ich denke aber, daß er nicht ins Gewicht fällt.

Was mir gut gefällt, ist die für viele Männer tröstliche Erkenntnis, daß auch andere Männer, egal, wie sie sich nach außen geben, zu Hause unter dem Pantoffel stehen. Ich kenne einige, bei denen das der Fall ist - die damit aber nicht schlecht leben.

Daß Mitja von sich sagt, er wäre erst durch die Liebe Mensch geworden, hat mir ebenfalls gut gefallen.

Herzlichen Gruß!
Tiberius