Freitag, 8. August 2008

Mut zur Handlung, zum Vorbild und zur Führung

"Seid euch also bewußt: ihr alle, die ihr hier zusammengekommen seid, habt die höchste Entscheidung in der Hand; denn alle diese Soldaten blicken auf euch, sehen sie euch mutlos, werden sie alle feige sein, rüstet ihr euch aber offen gegen die Feinde und fordert auch die anderen dazu auf, so seid versichert, daß sie euch folgen und nachstreben werden. ... jetzt, im Krieg, müßt ihr von euch selber verlangen besser zu sein als die Menge, für diese mit Rat und Tat zu sorgen, wenn es irgendwo nötig ist.

Vor allem glaube ich, ihr würdet dem Heer einen großen Nutzen erweisen, wenn ihr dafür sorgt, daß für die umgekommenen so schnell wie möglich neue Strategen und Lochagen aufgestellt werden, denn ohne Führer geschieht Rechtes und Gutes, um es kurz zu sagen, nirgends, schon gar nicht im Krieg. Die Ordnung, scheint es, bringt Rettung, die Unordnung hat schon viele zugrunde gerichtet. Wenn ihr die nötigen Führer gewählt habt, werdet ihr, glaube ich, unserer Lage gemäß dann handeln, wenn ihr auch die anderen Soldaten versammelt und ihnen Mut zusprecht.

Ihr habt vielleicht auch selbst bemerkt, wie mutlos sie die Wachen bezogen haben. Ich weiß also nicht, wozu man sie in einer solchen Verfassung verwenden könnte, ob es nun in der Nacht oder am Tag erforderlich wäre. Wenn man aber ihren Sinn wandelt, so daß sie nicht nur überlegen, was sie erdulden, sondern auch was sie tun werden, dann werden sie viel zuversichtlicher sein. Ihr wißt doch, nicht Masse und nicht Stärke führen im Krieg zum Sieg, sondern wer dank Götterhilfe mit größerem Mut dem Feinde entgegengeht, dem halten meistens die Gegner nicht stand.

Ich habe das erfahren, ihr Männer; alle, die in Kriegszeiten auf jede Weise ihr Leben zu erhalten trachten, sterben meist einen schimpflichen und erbärmlichen Tod; alle die aber, die erkannt haben, daß der Tod allen Menschen gemeinsam und naturnotwendig sei, und für einen ehrenvollen Tod kämpfen, erreichen, wie ich sehe, ein höheres Alter und sind Zeit ihres Lebens glücklicher. Davon müßt auch ihr jetzt vollkommen überzeugt sein - in einer solch entscheidenden Lage befinden wir uns -, euch als tapfere Männer erweisen und außerdem die anderen ermutigen.”

Xenophon - Des Kyros Anabasis. Der Zug der Zehntausend.

Kommentare:

Mcp hat gesagt…

Die alten Griechen gelten nicht ohne Grund als die eigentlichen geistigen Väter des Abendlandes, auch wenn seit jeher darum gerungen wird das Römische Reich wieder auferstehen zu lassen.
Die Anabasis gewährt tiefe Einblicke in das Denken und Handeln der Griechen, wenn auch in einer außergewöhnlichen Situation.
Es ist sehr schade, dass die klassische Bildung zunehmend vernachlässigt wird. Hier verschwinden die Ideen in den Archiven, die Europa seit über 1000 Jahren geprägt und die es groß gemacht haben.

Tiberius hat gesagt…

Ja, auch ich bedauere den Mangel an klassischer Bildung. Die Frage der europäischen Identität kann unter dem Aspekt der Kultur wohl nur von den wenigsten beantwortet werden.

Zum Glück gibt es ja noch die Werbung, die uns sagt wer wir sein sollen und wer wir sein könnten, wenn wir nur genug Bares hätten. Die Massen sind also nicht verloren.