Samstag, 9. August 2008

Eine außerordentliche Dosis guten Willens

Joris-Karl Huysman erzählt Ende des 19. Jahrhunderts die Geschichte des dekadenten Ästheten Des Esseintes, der seines ausschweifenden Lebens überdrüssig wird. In seinem Werk "Gegen den Strich" heißt es über den Aristokraten:

"Er witterte eine so eingewurzelte Blödheit, einen so großen Haß gegen seine eigenen Gedanken, eine solche Verachtung für Literatur und Kunst, für alles, was er anbetete, witterte, daß all dies so eingewurzelt und verankert in diesen engen Krämerschädeln war, die nur an Spitzbübereien und Geld dachten und nur jener Zerstreuung mittelmäßiger Geister, der Politik, zugänglich sind, daß er außer sich vor Wut heim eilte und sich mit seinen Büchern einriegelte."
Joris-Karl Huysman, Gegen den Strich (1884), Zürich 1981, S. 88.

Des Esseintes zieht sich angewidert von der Welt zurück. Er schafft sich eine eigene Welt, ein Haus, in dem jeder Raum, nach seinem Wunsch gestaltet, eine Bühne für ein anderes Leben ist. Den Vorwurf der Weltfremdheit weist er dabei zurück:

"Da es in der jetzigen Zeit keine unverdorbene Substanz mehr gibt, der Wein, den man trinkt, und die Freiheit, die man proklamiert, verfälscht und lächerlich sind, und sintemalen es einer außerordentlichen Dosis guten Willens bedarf, um zu glauben, daß die herrschenden Klassen ehrbar und die beherrschten Klassen würdig sind, befreit oder bedauert zu werden, so kommt es mir, folgerte Des Esseintes, weder lächerlich noch verrückt vor, von meinen nächsten eine Summe von Illusionen zu verlangen, die der, die er tagtäglich für Blödheiten verausgabt, nicht einmal gleichkommt, um sich vorzustellen, daß Pantin ein künstliches Nizzam, ein vorgespieltes Menton ist."
Joris-Karl Huysman, Gegen den Strich (1884), Zürich 1981, S. 227.

Des Esseintes führt ein Leben, das den Büchern gewidmet ist. Die Auseinandersetzung mit der abendländischen Geistesgeschichte führt ihn auch mit der Kirche zusammen:

"Das seltsame dabei war, daß ich, ohne es zu ahnen, durch die Natur meiner Arbeiten dahin kam, die Kirche unter recht verschiedenen Gesichtspunkten zu studieren. Es war in der Tat unmöglich, auf die einzig wahren Epochen der Menschheit zurückzugreifen, auf das Mittelalter, ohne festzustellen, daß sie alles umfaßte, daß die Kunst nur in ihr und durch sie bestand. Da ich nicht gläubig war, betrachtete ich sie etwas mißtrauisch, überrascht von ihrer Größe und ihrem Ruhm, und ich fragte mich, wie eine Religion, die mir für Kinder gemacht schien, so wundervolle Werke hatte inspirieren können."
Joris-Karl Huysman, Gegen den Strich (1884), Zürich 1981, S. 31.

In seinen Erinnerungen beschreibt Des Esseintes die Zeit in einer Jesuitenschule und befaßt sich mit Fragen, die einen beinahe zeitlosen Eindruck machen:

"Bei den Patres vollzogen sich die religiösen Zeremonien mit großem Pomp; ein ausgezeichneter Organist machte mit bemerkenswerter Meisterschaft aus diesen geistigen Übungen einen künstlerischen Genuß, der dem Kult zugute kam. Der Organist war in die alten Meister verliebt, und an Feiertagen zelebrierte er die Messen von Palästrina und Orlando di Lasso, spielte Marcellos Psalmen, Händels Oratorien, Sebastian Bachs Motetten; mit Vorliebe trug er zu den weichen und leichten Kompilationen des Pater Lambillotte, die bei den Priestern sehr beliebt waren, "Laudi spirituali" aus dem 16. Jahrhundert vor, deren priesterliche Schönheit Des Esseintes oft gefangen genommen hatten.
Hauptsächlich aber verdankte er unauslöschliche Freuden dem gregorianischen Kirchengesang, den der Organist trotz aller neuen Ideen aufrechterhalten hatte.
Diese, heute als hinfällig und mittelalterlich angesehene Form der christlichen Liturgie, als eine archäologische Kuriosität, eine Reliquie aus alten Zeiten, war das Ausdrucksmittel der alten Kirche, die Seele des Mittelalters, das gesungene ewige Gebet gewesen, das den Schwingungen der Seele folgte, die Hymne, die seit Jahrhunderten sich zu Gott erhob.
Diese traditionelle Melodie war die einzige, die mit ihrem kraftvollen Unisono, ihren Harmonien, feierlich-massiv, wie Steinquadern sich den alten Basiliken anpassen konnte, deren romanische Wölbung sie erfüllte, als sei sie deren Stimme und Ausstrahlung selbst. ... Im Vergleich mit diesem herrlichen, vom Genie der Kirche geschaffenen unpersönlichen Gesang, namenlos wie die Orgel, deren Erfinder unbekannt ist, erschien ihm jede andere religiöse Musik profan. Denn in allen Werken Jomellis und Porporas, Carissimis und Durantes, in den herrlichsten Schöpfungen von Bach und Händel lag letzten Endes doch niemals der Verzicht auf öffentlichen Erfolg, das Opfer einer künstlerischen Wirkung, die Abdankung des menschlichen Stolzes, der sich beten hört, ...
Seither hatte sich Des Esseintes, aufs tiefste empört über diese Vorwände zu einem "Stabat", die von den Pergoleses und Rossinis erfunden wurden, über dieses Eindringen des Mondänen in die liturgische Kunst, von diesen zweideutigen Werken zurückgezogen, die die nachsichtige Kirche duldet.
Im Übrigen hatte diese Schwäche aus Gewinnsucht und unter dem trügerischen Anschein, sie ziehe die Gläubigen an, bald dazu geführt, daß man Gesänge aus italienischen Opern entlehnte, gemeine Arien und indezente Quadrillen mit großem Orchester in den Kirchen spielte, die so zu Boudoirs wurden, Histrionen ausgeliefert, die auf den Emporen röhrten, während sich unten die Frauen zu den Schreien der Komödianten, deren unreine Stimmen die heiligen Töne der Orgel besudelten, mit Toilettenkünsten protzten!"
Joris-Karl Huysman, Gegen den Strich (1884), Zürich 1981, S. 341f.

Ich lasse letzteres gerne unkommentiert und füge nur hinzu, daß sich im Laufe des Romans für alle Leser bereits ankündigt, was Huysman, der aus dem Kreis der Naturalisten um Émile Zola stammt, erst Jahre später für sich erkennt und verwirklicht: die bewußte Hinwendung zur Kirche und am Ende sogar der Weg in ein Benediktiner-Kloster.

Wer an das Gute, Schöne, Wahre und Eine glaubt, der kann der Kirche nicht entkommen.

Kommentare:

Elsa hat gesagt…

Übrigens ganz typisch für jene Zeit. Die Hinwendung zum Katholizismus gehört zu den Merkmalen der literarischen Décadence und ist fast in jedem maßgeblichen Werk zu beobachten. Irgendwas hab ich dazu mal in meiner Magisterarbeit geschrieben ... Falls ich sie finde, schaue ich nach, was genau das war.

PS: Du hast Mail!
PPS: Ich boykottiere eigentlich Olympia. Warum muss ich jetzt auf diese schwarzen Ringe schauen?*gg*

Tiberius hat gesagt…

1. Danke für den Hinweis auf die literarische Décadence. Ich habe übrigens die Textauszüge im Laufe des heutigen Tages um meine Lieblingspassage erweitert.
2. Du hast Mail.
3. Auf die Ringe mußt Du schauen, weil zur Zeit Olympia ist, das weihevolle Fest des Sports, des fairen Wettbewerbs, des Friedens und der Völkerverständigung. Vielleicht aber kannst Du mir sagen, warum mein Computer die Dinger einfach nicht in Farbe anzeigen will?

Elsa hat gesagt…

"Auf die Ringe mußt Du schauen, weil zur Zeit Olympia ist, das weihevolle Fest des Sports, des fairen Wettbewerbs, des Friedens und der Völkerverständigung. Vielleicht aber kannst Du mir sagen, warum mein Computer die Dinger einfach nicht in Farbe anzeigen will?"
Weil dein Computer gemerkt hat, dass es mit dem olympischen Ideal dieses Jahr nicht ganz so toll klappen wird, China und das IOC sich stetig blamieren, diesem hehren olympischen Gedanken mit ihren Machenschaften konterkarieren und dein Computer sich gedacht hat, er nimmt deshalb mal ganz angemessen die europäische Trauerfarbe dafür an?
*gg*
Danke für Mail!
Alles Liebe und bis bald!

Tiberius hat gesagt…

Was für schlimme Sachen Du da sagst. Wenn das alles wahr wäre, dann hätte mein Computer ja alles richtig gemacht. Ab jetzt werde ich höhere Ansprüche an ihn stellen.

Iter Optimum Tibi exopto!
Tiberius