Montag, 4. August 2008

Der gute Hirte

"... Ich will, was mich bewegt, Politik zu machen, auf einen Begriff bringen: Es ist der Begriff des guten Hirten.

Ich glaube, daß jeder Politiker ein guter Hirte sein sollte, und ich mache Politik, weil ich dieser gute Hirte sein will.

Was aber ist ein guter Hirte?

In der Bibel – im Evangelium nach Johannes – heißt es über den guten Hirten: Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, läßt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Jesus Christus sagt: Ich bin der gute Hirte; ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören und es wird nur eine Herde geben und einen Hirten. Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin.

In meinen Worten zusammenfaßt: Der gekaufte Knecht ist jemand, der sich nicht um seine Schafe kümmert, der die Seinen nicht kennt und den die Seinen nicht kennen, und wenn der Wolf kommt, dann flieht der gekaufte Knecht. Der gute Hirte aber – kümmert sich um seine Schafe, auch um die, die nicht aus seinem Stall kommen. Er kennt die Seinen – und die Seinen kennen ihn. Mit seinem Leben steht er für das Wohl der Schafe ein.

Vieles, was in unser Partei stattfindet, läßt sich mit diesem Bild fassen. Damit Sie verstehen, was ich meine, will ich es für meine Bedürfnisse genauer deuten: Die Schafe, von denen hier die Rede ist, daß sind die Menschen in unserem Wahlkreis. Der Wolf –, daß sind die Sorgen und Nöte dieser Menschen. Und wir – wir sind entweder Schafe, gekaufte Knechte oder gute Hirten und wenn es ganz schlecht kommt, vielleicht sogar der Wolf.

Ich denke, daß jeder, der sich – allein um Geld und Ansehen zu erlangen – an die Spitze einer Herde stellt, ein gekaufter Knecht ist. Ein guter Hirte aber ist, wer aus aus freien Stücken gibt, wer sich kümmert, nur aus einem Grund – nicht weil er muß –, sondern weil er kann. Ich kann und ich will mich um meine Mitmenschen kümmern und will mit allen zusammenarbeiten, die das auch wollen, und alle zur Zusammenarbeit gewinnen, die es auch können.

Ich will dafür sorgen, daß wir die Menschen in unserem Wahlkreis besser kennenlernen, und das diese Menschen uns besser kennenlernen. Ich will dafür sorgen, daß wir uns mit den Sorgen und Nöten der Menschen vertraut machen und Ihnen beistehen, wenn Sie unseren Beistand brauchen."

Aus einer ungehaltenen Rede vor einer Wahl

Kommentare:

Mcp hat gesagt…

Wenn alle Politik, im Sinne von Carl Schmitt, Feindbestimmung ist, so ist der Politiker kein guter Hirte, sondern jemand der mit dem Finger auf andere Menschen zeigt und spricht: „Du bist mein Feind. Du bist schuld, dass nichts so ist, wie es, nach meiner Meinung, sein sollte.“

Ist dieses Bild von Politik nicht um vieles realistischer als das Ihre, welches Sie in ihrer nicht gehaltene Rede zeichnen und ist das vielleicht der Grund, warum die Rede so nie gehalten werden wird?

Tiberius hat gesagt…

Salve Mcp!

Wenn Sie darauf hinweisen wollen, daß sich Parteien heute oft über das bestimmen, wogegen und nicht wofür sie sind, dann stimmen wir überein.

Wenn Sie meinen, daß Parteimitglieder die Verantwortung für Mißstände gerne per definitionem bei anderen Parteien verorten, dann gebe ich Ihnen Recht.

Carl Schmitt in diesem Zusammenhang als Zeugen aufzurufen, scheint mir jedoch schwierig.

Schmitt unterscheidet zwischen dem "Politischen", den "politischen Einheiten" und der "Politik".

Das Politische bestimmt Schmitt über den Gegensatz von Freund und Feind als eigenständige Kategorie. Nur Freund und Feind - und nur diese - sind Einheiten des Politischen und damit Staaten. Die Aufgabe der Politik ist die Bearbeitung von Gegensätzen. Die Politik des Staates richtet sich nach außen auf Staaten und damit letztlich auf den Gegensatz von Freund und Feind. Die Politik der Parteien - oder auch die Innenpolitik des Staates - ist im Grunde unpolitisch, - Schmitt nennt sie sekundär und setzt das Politische in Anführungszeichen - da sie das Opfer des Lebens nicht einschließt. Wenn Parteien anfangen, dieses Opfer zu verlangen, dann gibt es Bürgerkrieg und der Staat hört auf, als politische Einheit zu existieren.

Schmitt bestimmt also nicht die Politik, von der er mit Blick auf die Parteien durchaus verächtlich spricht, sondern das Politische über den Gegensatz von Freund und Feind.

Zu den Gründen, warum die Rede ungehalten blieb, würde ich lieber ein anderes Mal Stellung nehmen.

Vale!
Tiberius