Montag, 11. August 2008

Der Glücklichste der Menschen

“Um dieser Umstände Willen und um sich in der Welt umzusehen, ging also Solon außer Landes und kam nach Ägytpen zu Amasis und dann auch nach Sardes zu Kroisos. Nach seiner Ankunft wurde er in der Königsburg von Kroisos gastlich aufgenommen. Hernach am dritten oder vierten Tag führten ihn auf Befehl des Kroisos Diener in den Schatzkammern umher und zeigten alle vorhandenen großen und reichlichen Schätze. Wie er alle angeschaut hatte stellte Kroisos folgende Frage: “Gastfreund aus Athen! Zu uns ist vielfältig der Ruf von deiner Weisheit und von deinen Reisen gedrungen, daß du aus Liebe zur Weisheit, um die Welt zu sehen, viele Länder besucht hast. Jetzt nun bin ich von dem Verlangen erfüllt, dich zu fragen, ob du schon jemand gesehen hast, der der Allerglücklichste ist.” In der Annahme, selbst der glücklichste Mensch zu sein, stellte er diese Frage. Solon aber sagte ohne jede Schmeichelei, vielmehr der Wirklichkeit entsprechend: “Ja, König, den Athener Tellos.” Da wunderte sich der Kroisos über diesen Ausspruch und fragte in gespannter Erwartung: “Aus welchem Grunde hälst Du Tellos für den glücklichsten Menschen?” Solon antwortete: “Fürs erste besaß Tellos in seiner Zeit, da die Stadt in Blüte Stand, edle Söhne und durfte erleben, wie diesen allen Kinder geboren wurden, die sämtlich am Leben blieben. Zum anderen wurden ihm, während es ihm nach unseren Begriffen in seinen äußeren Lebensverhältnissen gut ging, ein überaus ruhmvolles Ende zuteil. Als es nämlich zu einer Schlacht zwischen den Athenern und ihren Stadtnachbarn bei Eleusis kam, da zog er mit in den Kampf, brachte die Feinde zum Weichen und starb den Heldentod. Die Athener begruben ihn auf Staatskosten an der Stelle, wo er gefallen war, und erwiesen ihm hohe Ehre.”

Herodot - Die Bücher der Geschichte

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Claude Vignon (1593-1670), Bildausschnitt: Kroisos empfängt Tribut von einem lydischen Bauern, gemalt 1629.

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