Dienstag, 22. Juli 2008

Voltaire mit Kaffee ohne Taschentuch

Vor einigen Tagen legte ich Voltaires Bericht über das Leben mit Friedrich dem Großen aus der Hand. Das Buch erinnerte mich an die Autobiographie eines leidlich bekannten Literaturkritikers. Soll heißen, es ist selbstverliebt, herablassend und angefüllt mit beeindruckenden Einblicken in eine andere Zeit.

Das Verhältnis von Voltaire zu Friedrich dem Großen - so läßt sich nach der Lektüre sagen - war doch wechselseitig von Annäherung und Zurückweisung geprägt. Überrascht hat mich die Offenheit, die Voltaire in Bezug auf Friedrichs sexuelle Orientierung an den Tag legt - ohne seine eigene auch nur zu erwähnen.

Es beginnt mit einer Geschichte aus der Jugendzeit Friedrichs.

"Der Prinz hatte eine Art Geliebte, die Tocher eines in Potsdam etablierten Schulmeisters aus Brandenburg. Sie spielte Cembalo, ziemlich schlecht; der Kronprinz begleitete sie auf der Flöte. Er hielt sich für verliebt, aber er täuschte sich; seine Neigung galt nicht dem weiblichen Geschlecht."
Voltaire, Über den König von Preussen, Frankfurt: Insel 1967,
S. 11.

Abgesehen davon, daß Voltaire sich hier eine Spitze gegen die junge Frau nicht verkneifen kann, ist die Darstellung noch dezent. Pikant ist dagegen seine Beschreibung des Alltags in Potsdam:

"War seine Majestät gekleidet und gestiefelt, huldigte der Stoiker für ein paar Augenblicke der Sekte Epikurs: er ließ zwei oder drei Favoriten kommen, Leutnants aus seinem Regiment oder Pagen, Heiduken oder junge Kadetten. Man trank Kaffee. Derjenige der das Taschentuch zugeworfen bekam, blieb eine halbe Viertelstunde mit dem König allein. Es kam dabei nicht bis zum Äußersten; da der Prinz zu Lebzeiten seines Vaters bei seinen flüchtigen Liebschaften ziemlich malträtiert und schlecht geheilt worden war; die erste Rolle konnte er nicht spielen, er mußte sich mit der zweiten Begnügen."
Voltaire, Über den König von Preussen, Frankfurt: Insel 1967,
S. 28.

Beachtlich finde ich die Gemeinheit mit der Voltaire den König hier bedenkt. Nicht nur, daß er seine Vorliebe für das männliche Geschlecht preisgibt - mit einer gewissen Selbstverständlichkeit - nein, er denunziert den König auch noch als sexuell umtriebig, krank und impotent.

Mir scheint, hier war eine Rechnung offen, wie sie Medea begleicht.

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Adolph von Menzel, Tafelrunde (König Friedrich II. in Sanssouci mit Voltaire, links, und den führenden Köpfen der Berliner Akademie, 1850, Kriegsverlust.

Kommentare:

Mcp hat gesagt…

Voltaire war, in meinen Augen, wie fast alle "Aufklärer", ein elender, sogar aktenkundiger Löffeldieb.

Die sexuelle Orientierung Friedrichs soll durchaus unzweifelhaft gewesen sein, weil er sich die Syphilis schon als Junge bei einer Hofdame aus Sachsen zugezogen haben soll, was seine weitere sexuelle Enthaltsamkeit auch hinreichend erklärte.

Es wäre diesen hintervo... Voltaire durchaus zuzutrauen, dass er die Gerüchte um die Homosexualität mutwillig streute. Es würde zu seinem Wesen passen.

Condottiere hat gesagt…

Im Übrigen scheint er mit seinem Atheismus auch nur kokettiert zu haben (was ich aber nicht genau überprüfen kann, da mir die Quellen fehlen).

Jaja, die Aufklärung ... war sie nicht toll? Lauter Menschenfreunde wie Voltaire (der die "einfachen" Menschen verachtete), Diderot (der gerne "den letzten Fürst mit den Gedärmen des letzten Pfaffen erwürgt" gesehen hätte.

Ich achte grosse Charaktere, die ihren Stempel auf die Geschichte gedrückt haben. Aber mir will scheinen, dass Voltaire & Co. sich doch recht jämmerliche benommen haben ...

Tiberius hat gesagt…

Salve MCP!

Die Geschichte mit der Hofdame aus Sachsen ist mir neu.

Ein ausgewogenes Urteil zu Friedrichs sexueller Orientierung ist mir aufgrund der bescheidenen Quellenkenntnis nicht möglich.

Das Zeugnis von Voltaire trägt in sich für mich jedoch die Möglichkeit, nicht die Notwendigkeit königlicher Homosexualität. Im Grunde ist das ja auch das Wesen einer guten Verleumdung, da der Verleumder darauf achten muß, daß seine Verleumdungen nicht als notwendigerweise falsch und damit als möglicherweise wahr anerkannt werden.

Was die Persönlichkeit Voltaires angeht, würde ich es wohl vorziehen, der Hofdame aus Sachsen zu begegnen.

Vale!
Tiberius

Tiberius hat gesagt…

Salve Condottiere!

Das Verachten von Menschen war wohl für Voltaire - was auch heute noch für manche gilt - Ausdruck von Individualität. Was den Atheismus Voltaires betrifft hast Du wohl recht. Soweit ich das beurteilen kann, war Voltaire vor allem ein Gegner der Kirche, respektive ihres irdischen Zweigs.

Was die Aufklärung angeht, denke ich, das diese im allgemeinen Bewußtsein genauso tief reflektiert ist wie das Wirtschaftswunder und die Stunde Null. Der Bildungsbürger des 19. Jahrhunderts, der die Hauptwerke der Aufklärung zumindest kannte, existiert nicht mehr.

Wie tief das, was wir heute als Errungenschaften der Aufklärung betrachten, in der Tradition des Abendlandes steht, liegt heute im Dunkeln. Die geistigen Bewegungen unseres Kulturkreises sind auch in groben Zügen nicht verfügbar.

Wie Du achte auch ich große Geister, mögen die Charaktere, die dahinter stehen auch noch so erbärmlich sein.

Vale!
Tiberius