Mittwoch, 23. Juli 2008

Von der großen Gesinnung beseelt, nicht berauscht

"Wer den Menschen kennt: wie ihm der Kopf so leicht verdreht wird; wie er so geneigt ist, alles in seinem Sinn zu verstehen, eine Handbreit zu nehmen, wo ihm ein Fingerbreit gegeben wird, und sich wenn er nur irgend Vorwand und Feigenblatt hat seinen Neigungen und Leidenschaften und ihren Verwüstungen hinzugeben; wie er, auf gewisse Weise dem Hahn gleich, nach dem gezogenen Kreidestrich geht; und, wenn dieser Strich, der ihn hielt und an den er sich hielt, plötzlich verrückt wird, wie er denn auf einmal alle Haltung verliert und keine Schranken weiter kennt etc.; wer das weiß, der ist schnell zum Wollen, langsam aber zum Tun; der bedenkt nicht bloß den Samen den, sondern auch den Boden darein er ihn säen will; der sitzt zuvor mit Ernst und mit Tränen in den Augen, und überschlägt die Schwachheit der menschlichen Natur; und geht, mit seiner Wohltat in der Hand, auf und ab, hin und wider, vor- und rückwärts, und spähet ohne müde zu werden, bis er einen Weg und Weise erspähet habe: ihrer mit Ehren loszuwerden. Ein solcher Wohltäter ist ein Geschenk des Himmels. Es ist leicht, ein schönes Bild zu zeichnen; aber schwer, es zu sein. Denn er muß Wohlgeschmack an dem finden was nicht wohlschmeckt; er muß nie seine Pflicht der Popularität, sondern immer die Popularität seiner Pflicht aufopfern können; er muß von der großen Gesinnung wohlzutun nicht berauscht, sondern wahrhaftig beseelt sein. Kurz, er muß sich darauf gefaßt haben und wissen, daß Undank der Welt bester Lohn sei, und entschlossen sein, wie Moses ein geplagter Mann zu werden."

Matthias Claudius - Asmus omnia secum portans

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