Donnerstag, 5. Juni 2008

Aus staunend geweiteten Augen

Liebe Elsa,

ich kann verstehen, daß Du Dich über Lüdemann ärgerst, und sehe Dich vor mir, wie Du die Augen verdrehst und Dir die Haare raufst. Im Eifer des Gefechts scheint mir Dein Gebrauch des Wortes Wunder ein wenig inflationär und unpräzise und deshalb will ich folgendes anmerken: Ich denke, daß nicht jedes Wunder eine Frage des Glaubens ist. Wenn sich einer über Zeit, Raum und Mechanik wundert, dann kann auch eine Theorie der Relativität dabei herauskommen. Sicher aber ist jeder Glaube auf Offenbarung und auf Wunder angewiesen. Wer also aufhört, sich zu wundern, wird weder sein Wissen erweitern, noch Glauben finden.

Es gibt dazu eine, wie ich finde, schöne Stelle aus dem "Aufstand der Massen" von José Ortega y Gasset. Er schreibt: "Überraschung, Verwunderung sind der Anfang des Begreifens. Sie sind der eigenste Sport und Luxus des geistigen Menschen. Darum ist seine Zunftgebärde, die Welt aus staunend geweiteten Augen zu betrachten. Alles in der Welt ist merkwürdig und wunderbar für ein paar geöffnete Augen. Dies eben, das Sichwundern, ist eine Götterfreude, die dem Fußballspieler versagt ist, den Denker aber im unaufhörlichen Rausch des Schauenden durch die Welt treibt. Sein Zeichen sind die starrenden Augen. Darum gaben die Alten Minerven die Eule bei, den Vogel, der immer geblendet ist."

Vale!
Tiberius

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