Mittwoch, 7. Mai 2008

In der Stadt zur Last fallen

”Man darf niemals, wenn man ein vernünftig denkender Mann ist, seine Kinder allzusehr zur Weisheit bilden. Denn außer dem Vorgang des Müßigganges, den sie bekommen, erwerben sie bei den Bürgern haßerfüllten Neid. Und wenn du den Dummköpfen neue Weisheiten nahebringst, wirst du ihnen nutzlos scheinen und nicht weise. Und wenn du wiederum denen, die etwas Kluges zu wissen glauben, als überlegen giltst, wirst du in der Stadt zur Last fallen.”

Euripides - Medea

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Euripides, römische Kopie einer griechischen Arbeit aus Athen um 330 v. Chr., Berlin: Altes Museum.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Euripides irrte. Bildung ist in solchen Zeiten, in der allerlei gierige Hände nach dem privaten Eigentum greifen, die einzig sichere Investition, die niemand enteignen kann und die Einzige, die nach allen jähen Zeitenwenden mit einiger Sicherheit zum Neubeginn taugt.

Harki hat gesagt…

Könnte vom Tonfall oder von der Aussage her fast von Gracián sein... Na, sagen wir mal: von der dahinterstehenden Mentalität.

Tiberius hat gesagt…

Salvete!

ad Anonym: Auch ich gehe davon aus, daß in unseren Zeiten Bildung der sicherste Weg ist, die persönliche Unabhängigkeit zu gewährleisten, und deshalb hoch eingeschätzt werden muß.

Ich sehe darin allerdings keinen Widerspruch zu Euripides, der ja nicht vor der Bildung, sondern vor der Weisheit warnt, besser noch, vor der Geringschätzung, die die vita activa der vita contemplativa zollt. Gerade weil ich diese Geringschätzung bedaure, hat deren Kontinuität für mich etwas merkwürdig Beruhigendes.

ad Harki: Vielen Dank für den interessanten Hinweis. Ich werde dem bei Gelegenheit mal nachgehen.

Valete!
Tiberius