Montag, 26. Mai 2008

Von Führern und Verführern

“Ich glaube an die Macht des Vorbildes, des ganz individuellen und sehr sterblichen Ideals; an den beispielgebenden Einzelnen, den man in früheren Zeiten einen Helden nannte. Ich glaube, daß man in unserer Zeit sich der Pflicht musterhaft zu sein, entzieht mit der Ausrede, es gilt den Führern zu entgehen und die Institutionen zu verbessern. Man soll das nur tun; doch werden sie niemand zur Selbständigkeit erziehen, zum Mut, zu denken, was man denkt, zu fühlen, was man fühlt, zu wollen, was man will. Der beste Weg zum Selbst ist die Faszination durch ein anderes Selbst; die lebende Illustration, wie einer sich traut, Er zu sein. Die Romantiker haben erkannt, was ein leibliches Vor-Bild bedeutet; Novalis hat gewußt, was es für den Staat sein kann. Er war kein Monarchist; eher ein Voraus-Denker, der die “Exekutive”, den Manager auf dem Thron, schon ablehnte, bevor er die Kommandohöhe erobert hatte. Im zwanzigsten Jahrhundert benutzt man die gute Gelegenheit, mit den Ver-Führern die Führer - aus der Welt zu schaffen und zu verhindern, daß sie auf die Welt kommen.”

Ludwig Marcuse - Mein zwanzigstes Jahrhundert

Kommentare:

Alipius hat gesagt…

Gut!

Anonym hat gesagt…

Das problematische an solchen Vorbildern oder Führern ist, dass ihre Autorität eine von den Ge- oder Verführten geliehene ist, die jederzeit wieder entzogen werden kann. Gerade deshalb versuchte man im Mittelalter die Autorität göttlich abzuleiten. Das Gotteskönigtum, die natürliche Weltordnung, kennt die Kraft des Beispieles nicht.

Das 20. Jahrhundert hat, zumindest meiner Meinung nach, auch nicht die Führer abgeschafft, sie hat erst wieder, nach den römischen Soldatenkaisern, hervorgebracht und zwar in einer Art und Weise, die unsere Welt in ihren Grundfesten erschütterte. Die Sehnsucht nach dem „starken Mann“, der Plebs geht mit dieser Idee beständig schwanger, haben wir aus diesem Jahrhundert und keinem anderen geerbt und es steht zu fürchten, dass sich auch in diesem Jahrhundert Führer finden werden, die ihre Autorität allein von der Masse her legitimieren.

Es ist wohl wahr, dass auch die Antike, respektive das Urkönigtum aus der sieghaften, vorbildlichen Heldentat Legitimation bezog, doch galt der Sieghafte immer auch als Liebling der Götter. Es waren die Priester und die Religion welche den aus der Schwerttat wachsenden Anspruch auf Herrschaft heiligten, nicht die Akklamation der bewaffneten Krieger.

Mich dünkt dieser Unterschied deshalb wichtig, weil jene Legitimation, die aus der natürlichen Weltordnung hervorwächst, wohl göttlicher Natur ist, während jene, die der Mob verleiht, wohl eher an den Pforten der Hölle erhältlich ist.