Dienstag, 13. Mai 2008

Habermas sein Pfingsten

"Die Kehrseite der Religionsfreiheit ist tatsächlich eine Pazifizierung des weltanschaulichen Pluralismus, der ungleiche Folgelasten hatte. Bisher mutet ja der liberale Staat nur den Gläubigen unter seinen Bürgern zu, ihre Identität gleichsam in öffentliche und private Teile aufzuspalten. Sie sind es, die ihre religiösen Überzeugungen in eine säkulare Sprache übersetzen müssen, bevor ihre Argumente Aussicht haben, die Zustimmung von Mehrheiten zu finden. [...] Die Suche nach Gründen, die auf allgemeine Akzeptabilität abzielen, würde aber nur dann nicht zu einem unfairen Ausschluß der Religion aus der Öffentlichkeit führen und die säkulare Gesellschaft nur dann nicht von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abschneiden, wenn sich auch die säkulare Seite einen Sinn für die Artikulationskraft religiöser Sprachen bewahrt. [...] Deshalb sollte die Festlegung der umstrittenen Grenze als eine kooperative Aufgabe verstanden werden, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der jeweils anderen einzunehmen."

Jürgen Habermas - Glauben und Wissen

Kommentare:

KJ hat gesagt…

Das hört sich doch mal ganz gut an. Allerdings habe ich den Eindruck, dass Habermas Hochschätzung für die Kirche(n), die ja seit einiger Zeit zu beobachten ist, vor allem damit zusammenhängt, dass er bemerkt, dass seine Konsens-Theorie nicht mehr funktioniert. Denn für diese braucht er ja Menschen, die um die "Wahrheit" ringen - und die Lust schwindet da immer mehr, da jeder im gegenwärtigen Neo-Biedermeier mit sich selbst beschäftigt ist.

Tiberius hat gesagt…

Vielen Dank für Deinen Kommentar, KJ. Ich stimme Dir zu.

Habermas hat wohl erkannt, daß sein Diskurs nur dann funktioniert, wenn er auf Voraussetzungen zurückgreifen kann, die dem Menschen unverfügbar sind. Damit kommt er der Religion - und über diese auch deren Sprache - sehr nahe.

Die Notwendigkeit, eine Botschaft übersetzen zu müssen, setzt den voraus, der eine Botschaft hat und diese verbreiten will, oder den, der eine Botschaft nicht nur hören sondern auch verstehen will.

Die Kluft zwischen dem Religiösen und dem Säkularen wird sicher nicht von denen überwunden werden, die das Religiöse verneinen. Unabhängig davon, was Habermas sich wünscht, wüßte ich nicht, warum der säkulare Bürger eine Bilingualität anstreben sollte, wenn er doch davon ausgeht, daß ihm die Religion nichts zu sagen hat (Dein Stichwort: Neo-Biedermeier, finde ich treffend).

Die Last, die eigene Botschaft in vielen Sprachen verkünden zu müssen, obliegt also immer noch dem, der durch das Pfingstwunder - hoffentlich - in die Lage versetzt wurde, diese Last auch zu tragen.

Das Religiöse als notwendig anzuerkennen, scheint mir ein erster Schritt aus der säkularen in die religiöse Welt zu sein. Habermas ist also auf dem richtigen Weg, er hat die Notwendigkeit des Pfingstwunders anerkannt, am Ziel aber ist er noch nicht.

Na ja, wir haben schon einiges gesehen, ...