Dienstag, 27. Mai 2008

Du führst und hinaus ins Weite

Salve Martina!

Da ich mich in einigen Kommentarbereichen, zum Beispiel hier, recht eindeutig zum Katholikentag geäußert habe, was für den ein oder anderen ein bißchen zu weit aus dem Fenster gelehnt scheinen mag, möchte ich mein Urteil über das hier aufgegriffene Motto des Katholikentages klarstellen.

Zunächst, ja: "Du führst mich hinaus ins Weite". Es erstaunt mich immer wieder, wie sehr die Welt durch den Glauben der Kirche an Weite und Tiefe gewinnt. Ebenso erstaunt bin ich oft, wieviel Freiraum die Kirche in sich bietet, da sie ja von außen oft nur als Block wahrgenommen wird. Ich finde es wunderbar, daß ein Augustinus, ein Bonaventura, ein Anselm, ein Franziskus, ein Thomas, ein Wilhelm und viele, viele andere, - gegenwärtig sind es eine Milliarde Menschen - in der einen Kirche ihren Platz haben, denn für manche wäre der Unterschied zwischen Dick und Doof Grund genug, viele, viele kleine Kirchen zu begründen. Daß es trotz der inhaltlichen Unterschiede, die ja nicht nur zwischen den Lehrern der Kirche, sondern auch zwischen den einzelnen Gläubigen bestehen, die eine Kirche geblieben ist - zumindest ihrem Anspruch nach - verdankt sich klaren Grenzen, die als das wesentlich katholische den Raum der Kirche beschreiben.

Die Kirche, die ihrem Wesen nach immer nur eine sein kann, ist für mich wesenhaft der Ort des Heiligen.

Den Katholikentag habe ich hauptsächlich durch die Berichterstattung in den Medien verfolgt und gebe gerne zu, daß manches daran verzeichnet gewesen sein mag. Das aber ändert nichts an der öffentlichen Wirkung des Katholikentages - es macht sie ja geradezu aus - und nur mit dieser möchte ich mich hier befassen.

Was mich stört, ist die Preisgabe des Sakralen in der Annäherung an das Profane. Um es mit einem Bild zu sagen: Der Hirte weidet seine Schafe auf gutem Weidengrund. Er verliert ein Schaf aus seiner Herde - ein Bild, das den meisten ja irgendwie noch vertraut sein dürfte -, und macht sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf. Ich gebe zu, daß die heutige Situation der Kirche mit dem Bild vom Hirten und dem einen verlorenen Schaf, angesichts der überwältigenden Zahl verlorener Schafe, den wahren Verhältnissen kaum noch Rechnung zu tragen scheint. Dennoch ist es richtig von dem einen Schaf zu sprechen, da sich der Hirte, hier Christus, jedem Einzelnen zuwendet. Geradezu falsch wäre es, von verlorenen Herden zu sprechen, da selbst eine Million Schafe ohne Hirten keine Herde machen.

Die Suche nach dem verlorenen Schaf kann verschiedene Gründe haben. Ein Grund könnte sein, die Zahl der Herde zu erhalten, ein anderer, das Schaf auf guten Weidegrund zurückzuführen. Gerade hier läßt sich viel über die Kirche lernen. Wenn es nur darum geht, die Zahl der Herde zu erhalten, dann bräuchte der Hirte die Herde eigentlich nur den verlorenen Schafen hinterher zu treiben oder den Weidegrund so beliebig zu erweitern, daß kein Schaf mehr verloren ist. Wer die Kirche an der Zahl ihrer zahlenden Mitglieder mißt, der kann mit der ganzen Herde den verlorenen Schafen hinterher jagen. Doch selbst wenn es ihm gelänge, so die Zahl seiner Herde zu vergrößern, hätte doch mit ihm die ganze Herde und nicht nur ein Schaf den Weidegrund verlassen. Für den guten Hirten stellt dieses Vorgehen also keine Option dar. Er bringt nicht die Herde zum verlorenen Schaf, sondern das Schaf zum guten Weidegrund, denn selbstverständlich muß der Verlorene dort aufgesucht werden, wo er verloren ist, daß aber kann doch nicht heißen, sich gleich selbst mit zu verlieren.

Das, was ich über den Katholikentag in Osnabrück gesehen, gehört und gelesen habe, läßt mich an der Seite der Kritik die Affirmation vermissen, und auf der Seite der Kritik den Sinn für das Sakrale, den guten Weidegrund, und so erlebe ich den Katholikentag als eine Anbiederung an das Profane, als "Happening", als "Event", als "Lifestyle".

Wenn ein Religionssoziologe auf dem Katholikentag beklagt, das Jugendliche, die sich zu der einen Kirche bekennen, mit einem erheblichen Verlust an sozialem Prestige rechnen müssen, welcher vor allem auf die weltfremde Haltung der Kirche zurückzuführen sei, dann bin ich mir nicht sicher, ob dieser Mann verstanden hat, wer der Mann mit der Dornenkrone ist und was in der Welt die Kirche, wenn nicht sein geschundener Leib.

Wenn eine Kosmetikerin, die an einem Stand, von einer großen Kosmetikfirma gesponsert, ihre Aufgabe mit den Worten beschreibt, sie verhelfe den Besuchern des Katholikentages mit Schminktips zu einem besseren Ausdruck ihrer individuellen Persönlichkeit, dann muß es um manche Christen schlimmer bestellt sein als ich dachte. Sie aber wird wohl kaum die Verschönerung des Tempels im Sinn gehabt haben, den der Herr in drei Tagen wiederaufgerichtet hat, und leider wohl auch nicht die Händler und Geldwechsler, die aus diesem verjagt wurden.

Für mich ist das ein - vielleicht nachvollziehbares - Ärgernis. Es ist dabei nicht meine Absicht, überheblich, unversöhnlich oder unernst zu sein und schon gar nicht Zeit zu verschwenden. Im Gegenteil müssen wir die Zeit nutzen, darüber zu sprechen, was unserem Verständnis nach Kirche ist und was katholisch.

Vale!
Tiberius

Kommentare:

Condottiere hat gesagt…

Ein guter Beitrag, das ist mir fast aus der Seele gesprochen :)

Alles wird profanisiert, utilarisiert: die Kirche muss "modern" sein (warum eigentlich?), sie muss "reformiert" werden (wieso?), die Christen müssen sich "anpassen" (an wen?).

Das sind echte Stacheln, die tief drinnen stecken. Wenn es dann so weit geht, dass schon in einem Sekundenbeitrag in den Radio-Nachrichten gesagt wird: "Erzbischof Zollitsch zeigte sich offen für Reformen" ... dann ist der Inhalt doch mehr als reduziert.

Das dann noch Leute wie "WSK" hinzukommen, oder das ZdK was -lt. Presse- ja alle Laien vertrete (mich jedenfalls nicht!), wird es oft zu einer politischen Showbühne für allerlei Selbstdarsteller. Dann verkümmert der Glaube zur "Seelentankstelle", zu den "Riten, die Menschen halt geben". Zu einem Wohlfühl-Kulturchristentum eben. Religiöse Serviceleistungen für den Menschen, der sein Selbst als das Wichtigste auf de Welt sieht. Für Gott ist dann kein Platz mehr.

Das aber Glaube mit Freude und Liebe gelebt werden kann, ist immer und überall zu sehen.

Elsa hat gesagt…

Glasklar, dezidiert - ein echter Tiberius. So gut begründet und argumentativ hätte ich mein Unwohlsein nicht formulieren können/und habs ja auch nicht :(!
Liebe Grüße, und du bekommst jetzt öfter Grappa angeboten, das scheint dich in Höchstform zu bringen *gg*

Alipius hat gesagt…

Anfangs bereute ich es ein wenig, den Katholikentag links liegen gelassen zu haben. "Schminktips" und "Prestigeverlust" machen mich dann aber gleich schon wieder so kirre, daß ich froh bin, mich nicht in eine Position manövriert zu haben, die einen Kommentar auf "amrömsten" verlangt hätte.

Tiberius hat gesagt…

Liebe Elsa,
vielen Dank für die Blumen! Auf den Grappa werde ich bei Gelegenheit zurückkommen.
Tiberius

Tiberius hat gesagt…

Werter Condottiere!

Ja, wer sich selbst nur darstellen will, der geht an der Kirche vorbei.
Die Verkürzungen die in den Berichten der Medien stattfinden, sind ein großes Ärgernis. Im Grunde muß man davon ausgehen, daß genau das Gegenteil von dem, was berichtet wird, die Regel ist. Dann aber müssen wir uns erst sorgen, wenn die Bekenner der Kirche in den Medien öfter zu Wort kommen.

Tiberius

Tiberius hat gesagt…

Salve Alipi!

Dieser Religionssoziologie hat mich nachhaltig irritiert. Damit meine ich nicht das Bedürfnis des Menschen nach Liebe und Anerkennung, sondern die Annahme, daß beides mit dem Bekenntnis zu Christus einhergehen müsse.

Tiberius