Dienstag, 3. Juni 2008

Die Philosophie formt und bildet unser Leben

“Die Philosophie ist nicht dazu da, als Kunststück öffentlich vorgeführt zu werden. Nicht Worte machen ihr Wesen aus, sondern Taten. Sie darf uns auch nicht dazu dienen, in angenehmer Unterhaltung den Tag hinzubringen und in der Freizeit vor Langeweile bewahrt zu bleiben: denn sie ist es ja, die unser Inneres formt und bildet, unser Leben ordnet, unsere Handlungen lenkt, die uns zeigt, was zu tun, was zu lassen sei; sie sitzt am Steuerruder und bestimmt den Kurs, wenn wir unschlüssig hin und her treiben. ohne sie vermag kein Mensch sorgenfrei und sicher zu leben. In unzähligen Angelegenheiten wird stündlich Rat gebraucht, der nur bei ihr zu holen ist.”

Seneca - Briefe an Lucilius

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Der sterbende Seneca, Peter Paul Rubens, 1612/13, München: Alte Pinakothek.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich weiß nicht ob Dittsche formt oder bildet. Aber dieser „Philosoph“ dürfte der Einzige sein, mit dem die Masse der Fernsehkonsumenten je Kontakt haben wird. Insofern würde ich den Stellenwert der Philosophie für ein „sorgenfreies und sicheres“ Leben eher niedriger ansetzen als Seneca.

Tiberius hat gesagt…

Ich bin mir nicht sicher, ob die "Masse der Fernsehkonsumenten" Dittsche wirklich ansieht oder ob er nicht vielmehr nur wie ein Teil der Fernsehkonsumenten aussieht.

Dittsche ist kein Philosoph. Er hat, wenn überhaupt, die Weisheit eines Narren. Seine Suche nach Sinn, bleibt an den Oberflächen hängen. Er ist unfähig, diese zu durchbrechen und in die Tiefe vorzudringen.

Die Tiefe Wunde der Kreatur, das letztlich erfolglose Aufbäumen gegen eine hyperkomplexe Realität, die sich der eigenen Deutungskompetenz im Ganzen entzieht, unterscheidet Dittsche nicht von anderen Menschen. Die bitteren Momente aber, in denen er sein Scheitern erkennt und auch den Schmerz der Wunde fühlt, unterscheiden ihn von vielen. Es sind tragisch wahrhafte Momente.

Sowohl Dittsche als auch die "Masse der Fernsehkonsumenten" leben nicht sorgenfrei und sicher - auch das können im Grunde wohl nur die wenigsten Menschen von sich sagen.

Wenn man davon ausgeht, daß die Sorgen und Unsicherheiten der Menschen auf einen Mangel an Gestaltungsfähigkeit zurückzuführen sind, dann ist Senecas Forderung nach der praktischen Philosophie gerechtfertigt, da nur der die Gestaltung seines Lebens sinnvoll in die Hand nehmen kann, der sich mit dem befaßt, was sein soll. Nichts anderes aber macht die praktische Philosophie.

Anonym hat gesagt…

Ich weiß natürlich nicht, in welcher Welt sie leben, aber die Meine ist sorglos und sicher. Ich bin nicht reich, aber auch nicht arm und um mein Leben muss ich nur fürchten, wenn ich unachtsam über die Straße gehe. Und selbst das wäre nicht mehr als ein tragisches Schicksal. Was bitte kann ein Christ sonst vom irdischen Dasein verlangen? Erlösung?

Dies trifft im übrigen auf alle Menschen zu, die ich zu kennen glaube. Die Dornenkrone muss dort niemand tragen.

Dittsche war als Metapher auf eine philosopiefreie moderne Welt gedacht, man muss ihn nicht sehen, um zu wissen, dass er nichts zu sagen hat. Aber was bitte ist „Scheitern“ im Zusammenhang mit dieser Kunstfigur? Etwa seine, gespielte, soziale Situation? Und selbst diese Realität wäre, wäre er tatsächlich gescheitert? An wem und an was? Denken Christen heute tatsächlich schon so, wie sozialistische Parteisekretäre? Ist das Heil tatsächlich vom gut gefüllten Klingelbeutel abhängig? Seiner „sozialen Situation“? Nein, natürlich nicht. Sie wissen es genauso gut, wie ich es weiß. Um seine Seele hat eher der Reiche als der Arme zu fürchten.

Und nun! Ein sinnvolles Leben, was soll das sein? Glauben Sie tatsächlich die Philosophie könnte hier hilfreich sein? Welche genau eigentlich? Aristoteles, Platon, Sokrates, Cicero, Cue , Dalei Lama, Däniken, Darwin … oder gar doch der Marx?

Niemand hilft ein angeblich „hyperkomplexes“ Leben zu ertragen. Meinen Kindern und meiner Frau geht es gut. Ich bin keine „wunde Kreatur“, sondern ein fürsorglicher und liebender Vater. Dafür hat Gott mich geschaffen, dafür bin ich auf dieser Welt und ich werde sie in dem Augenblick verlassen, an dem sich diese Aufgabe erfüllt. Dafür brauche keine Philosophie, nicht einmal Theologie, sondern nur meinen Glauben. Und der, ist tausendmal rationaler, als jede Versprechung der Wissenschaft.

Tiberius hat gesagt…

Werter Anonym!

Zunächst einmal freue ich mich für Sie, daß Sie in einer sorglosen und sicheren Welt leben. Das spricht dafür, daß Sie Ihr Leben im Griff haben und ihren eigenen Kurs bestimmen.

Es war nicht meine Absicht Ihnen das abzusprechen, ich wollte lediglich darauf hinweisen, daß viele Menschen - meinem Eindruck nach sogar die meisten -, unter einem Mangel an Orientierung leiden. Was nicht heißen soll, daß hier die Dornenkrone getragen wird.

Als Christ sind Sie natürlich in der glücklichen Lage, Ihr Leben in einen Zusammenhang von Anfang und Ende einordnen und so Ihrem Leben eine Richtung geben zu können. Eine Richtung, von der Sie gewiß sind, daß sie nicht in den Abgrund führt.

Die Hoffnung und Zuversicht, die sich daraus gewinnen läßt, scheint jedoch vielen nicht gegeben zu sein. Ein Eindruck, der sich einstellt, wenn ich sehe, wie viele Menschen versuchen, rückwärts durch das Leben zu gehen, nur um dem Tod nicht ins Auge sehen zu müssen.

Ohne Hoffnung und Zuversicht - so denke ich - ist es schwer, etwas auf die Beine zu stellen, und sei es auch nur das eigene Leben.

Was Dittsche angeht, bin ich gerne bereit, diesen als Metapher auf eine philosophiefreie moderne Welt zu verstehen. Was die "wunde Kreatur" angeht, verstehen Sie diese bitte als Metapher auf eine gottlose Welt, die ohne Heiland lebt. Christen dürfen sich hier selbstverständlich ausnehmen und als geheilt betrachten, da Sie den Weg gehen, der Wahrheit und Leben ist.

Die Philosophie, falls ich hier mißverstanden worden bin, kann Gott nicht ersetzen und soll es auch nicht - zumindest soweit es mich betrifft. Wenn Sie mich fragen, sind Theologie und Philosophie wie Mutter und Tochter. Ich halte übrigens auch von einer Theologie ohne Gott nicht besonders viel.

Wer fragt, wo führt mein Weg hin und wo soll mein Weg hinführen, brauche ich dazu Philosophie oder brauche ich sie nicht, der philosophiert. Seneca fordert das die Philosphie für das Leben da sein muß und nicht das Leben für die Philosophie. Ich teile diese Auffassung. Ihnen ist das nicht wichtig? Sie brauchen die Philosophie nicht? Ich sage: wunderbar.

Schade finde ich es, daß Sie mir Platon, Aristoteles und Cicero in einer Reihe mit Däniken und Darwin vorsetzen. Konnten Sie das nicht anders oder wollten Sie es nicht? Habe ich Sie denn durch die Art meines ersten Kommentars verärgert? Wenn dem so ein sollte, dann bitte ich um Verzeihung. Es war nicht meine Absicht, Ihr Wohlwollen zu strapazieren.

Vale!
Tiberius

P.S. Vielleicht kann ich Sie ja doch noch für eine stoische Weisheit gewinnen.

Seneca schreibt an Lucilius: „Wer die Einsicht besitzt, ist auch maßvoll; wer maßvoll ist, auch gleichmütig; wer gleichmütig ist, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen; wer sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist ohne Kummer; wer ohne Kummer ist, ist glücklich: also ist der Einsichtige glücklich, und die Einsicht reicht aus für ein glückliches Leben!“

Anonym hat gesagt…

Wenn ich mich im Ton vergriffen haben sollte, bitte ich um Entschuldigung. Nein, ärgerlich haben Sie mich nicht gemacht, der Darwin und der Däniken war wohl eine polemische Wendung zu viel. Die nehme ich zurück.

Es ging um den Stellenwert der Philosophie für Bewältigung des täglichen Lebens. Hier widersprach ich. Vielleicht etwas zu heftig, aber das mag meinem Naturell genauso geschuldet sein, wie der etwas raueren Umgebung im sogenannten Web 2.0.

Aber eigentlich, sie merken, ich kann gar nicht stoisch, ist die scholastische Disputation beste kirchliche Tradition. Wenn ich diskutiere, will nicht überzeugen, sondern gewinnen.

Nun ja. Ich werde trotzdem ein wirklich geneigter und meist stiller Leser Ihres Blogs bleiben.

Tiberius hat gesagt…

Salve Anonym!

Was die rauheren Umgangsformen im Netz angeht, stimme ich zu. Besonders schade finde ich, daß manche Zeitgenossen weder Bremse noch Rückwärtsgang besitzen.

Auch deshalb habe ich mich über Ihre Antwort gefreut.

Vale!
Tiberius