Montag, 26. Mai 2008

Das Gesetz wird erfüllt, der Gerechte hingerichtet

Im Jahr 399 vor Christus verurteilt das Volk von Athen Sokrates zum Tod. Die Anklage, Mißachtung der Götter und Verführung der Jugend, sowie der Prozeß selbst sind von zweifelhafter Güte. Obwohl von seinen Freunden gedrängt, läßt Sokrates die Gelegenheit zur Flucht verstreichen. Er will, daß das Gesetz, auch wenn es ungerecht ist, an ihm erfüllt wird. Denn, so Sokrates, eine Gemeinschaft, die ihre eigenen Gesetze nicht mehr erfüllt, hört auf Gemeinschaft zu sein. Sokrates aber will lieber das eigene Leben als die Gemeinschaft aufgeben, denn allein - so bekennt er - ist der Einzelne nichts. Aus freiem Willen, nicht aus Mangel an Gelegenheit, gibt er sein Leben, um die Gemeinschaft der Einzelnen zu erhalten, und das, obwohl sie ihr defektes Wesen deutlich offenbart. (Pl. Apol., Krit.)


Einige Jahre zuvor wurde Sokrates von Glaukon darauf hingewiesen, daß es doch richtiger sei, weil für den Einzelnen vorteilhafter, gerecht zu scheinen statt zu sein, und daß der Gerechte, der wirklich gerecht sein wolle, von den Menschen gegeißelt, gefoltert, in Ketten gelegt, an beiden Augen geblendet und nach allen Martern noch ans Kreuz geschlagen würde, um auch endlich zu dieser Einsicht gebracht zu werden. (Pl. Pol.)

Mehr als 400 Jahre später kommt es zu einem anderen Prozess, im fernen Galiläa. Der Angeklagte, angeblich ein Gotteslästerer und Verführer der Menschen, lehnt es ab, sich seiner Verhaftung zu entziehen (Mt 26,53). Anklage und Prozess sind zweifelhaft (Mt 26,59-68; Joh 19, 7). Die Verurteilung erfolgt auf den Spruch der Gemeinschaft (Mt 27, 15-22, Joh 19, 15). Der Verurteilte wird verspottet (Mk 15,16-19), geschlagen (Mt 27, 31) und gegeißelt (Joh 19, 1). Er wird ans Kreuz geschlagen (Mt 27, 35) und er steigt nicht herab (Mk 15, 29-32).

Der Gerechte wird hingerichtet und das Gesetz wird erfüllt.

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Bild: Sokrates unterrichtet einen Schüler.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

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