Mittwoch, 2. Mai 2012

Mein Heiland in Hamburg am Kreuz


Das Bild zeigt den Altarbereich, in dem ich meine erste Kommunion und auch die Firmung empfing, bevor ich der Kirche für mehr als ein Jahrzehnt den Rücken kehrte, um mich ernsthafteren und vernünftigeren Dingen zu widmen. An die erste Ausstattung der Kirche habe ich so gut wie keine Erinnerungen. Die Umgestaltung erfolgte kurz vor meiner Einschulung Anfang der achtziger Jahre. Die kleine Kirche aus den Dreißigern wurde an der Josephseite geöffnet und im rechten Winkel erweitert, der Altar vom Osten in den Süden verlegt. An einen Hochaltar oder an Kommunionbänke - die es wohl gegeben haben muß - kann ich mich nicht erinnern, noch an irgendeinen anderen Schmuck. Was mir aber in Erinnerung blieb, waren die Züge des Gekreuzigten, der den ersten Altarraum überragte. Er durfte nach dem Umbau hängen bleiben, wo er war, und hängt nun über einem Taufstein, überlebensgroß, in einer Ausbuchtung der Kirche, die früher sein Altarraum war.
Ich kann mich gut erinnern, wie ich mit ihm, der mich so leidend, groß und männlich anschwieg, im Herzen haderte. "Wenn Du wirklich Gottes Sohn bist, wenn Du ein Kerl bist, und nicht nur ein Mensch, ein schwacher noch dazu", habe ich gedacht, "wenn Du, der Du da hängst, wirklich allmächtig bist, warum zeigst Du´s nicht, warum kämpfst Du nicht, warum steigst Du nicht herab? Bist Du etwa feige?" Es dauerte etwas länger, bis ich begriff, wieviel stärker und größer er gehandelt hatte. Er aber hat mich nicht gelassen. Er ist mir hinterhergegangen und hat mich eingefangen. Sein Nachfolger von der Südseite hätte das sicher nicht gekonnt. Mit dem war ich schon fertig als ich ihn das erste Mal sah. In meinen Augen hätte er, selbst wenn er gewollt hätte, nicht vom Kreuz herabsteigen können. Ein Weichei, von dem ich mir nicht einmal sicher war, ob er denn überhaupt ein Junge oder Mädchen sei.

Kommentare:

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Nun ja, Korpus 2 scheint mir romanischen Originalen nachempfunden zu sein. Ob man's mag, schätzt, "schön" oder auch bewegend findet, ist eine andere Frage ... aber angesichts ganz anderer "Schöpfungen" finde ich auch diese Darstellung gelungen.

Zudem - so manche kulleräugige Gipsmadonna aus altvordern Zeiten stärkt auch nur bedingt mein Zutrauen in die "Virgo potens" ...

Tiberius hat gesagt…

Da gebe ich Dir gerne recht: es gibt ganz andere Schöpfungen.

Um so länger ich den zweiten Korpus betrachte, um so mehr kann ich mich heute mit ihm versöhnen. Der Zuschnitt der Augen- und Nasenpartie ist ja bei beiden durchaus ähnlich. Der eine könnte der Auferstandene Leib des anderen sein, wenn er denn nicht Leiden würde.

Ohne den künstlerischen Wert der beiden Arbeiten in Betracht zu ziehen, halte ich jedoch den ersten Korpus unter dem Aspekt der Verkündigung für wertvoller, weil er anstößiger ist. Er sieht nach Blut und Schweiß und Tränen aus. Das jat etwas von Fleischwerdung.

Der zweite ist rundgewaschen wie ein Kieselstein und könnte statt des Auferstandenen selbst die Idee der Auferstehung darstellen. Ist die Auferstehung aber erst mal ins Reich der Ideen abgeschoben, hört sie auf ein Faktum zu sein. Mein jugendliches Weltbild hat sich so nicht mehr erschüttern lassen.

Einen ganz anderen Eindruck hat das romanische Wallfahrtskreuz auf dem Hülfensberg auf mich gemacht. Ein geheimnisvoll triumphierender Christus am Kreuz.

sophophilo hat gesagt…

Ich finde den "Neuen" eigentlich noch recht schön... im Vergleich mit manchem gekreuzigten E.T., den man zur Genüge antrifft, ist er allemal eine Einladung zur Andacht!

Tiberius hat gesagt…

Von heute betrachtet, gebe ich dem gerne recht. Es gibt wirklich noch ganz andere. Als Jugendlicher habe ich das noch anders gesehen.