Donnerstag, 3. April 2008

Hier bin ich, zweiter Teil

Die Begegnung des Menschen mit Gott: Am Berg Horeb ruft Gott Moses bei seinem Namen. Moses antwortet "hier bin ich". "Hier bin ich" ist auch die Antwort Abrahams und Jakobs auf Gottes Rufen, aber erst Moses wird offenbar, daß Gott der "ich bin" ist. Diese Entwicklung deutet bereits an, was erst später erfüllt wird: Die Wahrheit ist ein Weg. Sie führt aus der persönlichen Begegnung mit Gott zu Gott.

Hätte der Mensch Gott antworten können, wenn er nicht von Gott gerufen worden wäre? Nein, denn ohne den Ruf Gottes an den Menschen gibt es auch kein Rufen des Menschen zu Gott. Die Antwort des "ich bin hier", sprich, des Menschen, setzt das Wissen um das "ich bin ich" voraus. Dieses Wissen wird dem Menschen nur durch Offenbarung zuteil: Gott ruft den Menschen bei seinem Namen. Und wenn der Mensch hört, dann antwortet er: "Hier bin ich", und wenn er versteht, dann bekennt er, weil er weiß, daß er bereits glaubt.

Tiberius


Zurück zum ersten Teil.

--------------------
Elberfelder Bibel, Genesis 22, 1:
"Und es geschah nach diesen Dingen, da prüfte1 Gott den Abraham. Und er sprach zu ihm: Abraham! Und er sagte: Hier bin ich!"

Elberfelder Bibel, Genesis 22, 11:
"Und der Engel Gottes sprach im Traum zu mir: Jakob! Und ich sagte: Hier bin ich!"

Elberfelder Bibel, Exodus 3, 3-4:
"Und Mose sprach: Ich will doch hinzutreten und dieses große Gesicht sehen, warum der Dornbusch nicht verbrennt. Und als Jehova sah, daß er herzutrat, um zu sehen, da rief Gott ihm mitten aus dem Dornbusche zu und sprach: Mose! Mose! Und er sprach: Hier bin ich."

Elberfelder Bibel, Exodus 3, 14-15:
"Und Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Kindern Israel komme und zu ihnen spreche: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt, und sie zu mir sagen werden: Welches ist sein Name? was soll ich zu Ihnen sagen? Da sprach Gott zu Mose: Ich bin, der ich bin. Und er sprach: Also sollst du zu den Kindern Israel sagen: "Ich bin" hat mich zu euch gesandt."

Raffaelo Santi (1483-1520), Moses vor dem brennenden Dornbusch, Kohle auf Papier, 140 x 138 cm, Neapel, Museo e Gallerie Nazionali die Capodimonte.

Kommentare:

Elsa hat gesagt…

Ave Tiberius,

dabei fällt mir auf, also je mehr ich mir die genannten Szenen versuche zu gegenwärtigen, wie außerordentlich und grundlegend das Gottesverständnis/die Gotteserfahrung der Alten zu dieser Zeit noch war.
Es fällt mir deshalb auf, weil in der neueren Theologie immer wieder die Rede von Gott als dem "ganz Anderen" ist. Das klingt ja zunächst mal schlüssig und auch eingängig, aber es ist natürlich eine Sache, eine elementare Gotteserfahrung mit dem Rufen und Gerufenwerden zu durchleben, als sich vielleicht doch eher mit einer Art virtuellem Schulterzucken auf Gott als den (halt) Ganz Anderen hinzuwenden ...

Gruß
Elsa

Tiberius hat gesagt…

Salve Elsa,

ich denke, daß Gott uns immer weniger vertraut als fremd sein wird. Was für mich zunächst nur heißt, daß neben der übergroßen Fremdheit auch große Vertrautheit Platz findet.

Erfahrung und Verstand des Menschen sind sicher nicht geeignet, Gott in seinem "Gott sein" zu erfassen, aber sehr wohl geeignet, Gott im eigenen "Mensch sein" zu erfahren. Denn der Mensch ist in besonderer Weise Gottes Geschöpf. Mit der Schöpfung verbindet ihn das "hier sein", mit Gott aber verbindet ihn das "ich sein" (meine Tastatur und ich, wir sind beide "hier" aber nur ich "bin hier ich")

Wenn der Mensch erkennt, daß er sein "ich sein" nicht sinnvoll in Frage stellen kann, weil es vor allem Denken und Fragen liegt, dann wird seine "Ich"-Erfahrung zu einer Grenzerfahrung.

Wenn wir nur das im Bereich des Wissens verorten, was einer kritischen Prüfung des Verstandes zugänglich ist, dann kann der Mensch über das "ich sein" nichts wissen. Wenn es richtig ist, daß unsere Wahrnehmung erst durch die Tätigkeit des Verstandes zu Erfahrung wird, das "ich sein" aber der Verstandestätigkeit entzogen ist, dann sollten wir nicht von "Ich"-Erfahrung, sondern von "Ich"-Offenbarung sprechen.

Jede Gotteserfahrung ist eine Offenbarung und jede Offenbarung ist eine Grenzüberschreitung. Wer Gott erfahren will, muß an Grenzen treten, die der Mensch nicht überschreiten kann, die dennoch überschritten werden, denn hier wird Gott offenbar. Nichts anderes hat Moses gemacht.

Das das uns so vertraute und nahe "ich", die Grenze sein soll, an der Moses Gott erfährt, verwundert heute sicherlich viele. Vielleicht weil Gott den Menschen gerade dort aufsucht, wo er sich nah und vertraut glaubt, was nicht zu der Erwartung passen will, Gott als den "ganz Anderen", fern und fremd erfahren zu müssen. Vielleicht aber auch nur, weil es so einfach und so stark ist: Wer Gott leugnet, der verleugnet sich selbst.

Was denkst Du, Elsa?

Vale!

Tiberius

Elsa hat gesagt…

Ich glaube, wir sollten zunächst mal im Interesse der Klarheit das "ICH" abgrenzen von den gängigen, also seit Freud gängigen Assoziationen mit Über-Ich, oder Ego oder ähnlich. Da das Ich, soweit ich es überblicke, im Hebräischen auch gar keine Rolle spielt, sondern in der Konjugation (erste Person Singular) von "sein" lediglich impliziert ist (meines Wissens, aber ich bin noch nicht soweit mit dem Hebräischen) steht da also "bin", ähnlich wie "sum" auch ohne "ego" stehen kann und dennoch klar markiert ist als erste Person Singular. Wenn wir uns dieses "ICH bin" also als eine vertraute und gleichzeitig völlig unbekannte Schnittstelle zu Gott vorstellen, dann kann es sich bei diesem ICH eben nicht um EGO, sondern um eine Form des "SEIN" handeln. (Den Bezug stellst du ja auch explizit her in dem du vom ICH-SEIN sprichst).
Ich denke, das sollte man sozusagen nebenher klären und deutlicher abgrenzen. Man sollte dabei sämtliche "modernen" Vorstellungen zu Ich, Über-Ich, Ego fallen lassen, sondern rein ontologisch an die Sache rangehen, auf diesem Wege befindest du dich bereits, ich wollte nur nochmal die Prämissen klären.
Und nach deiner neuerlichen Antwort kann ich vielleicht weiter denken als jetzt :-) Ideen dazu habe ich jedenfalls noch :-)

Tiberius hat gesagt…

Salve Elsa!

Deinen Hinweis auf mögliche Mißverständnisse nehme ich gerne auf. Laß mich deshalb klarstellen:

Ich trete dafür ein, alle Vorstellungen fallen zu lassen, die sich nicht unmittelbar auf das Sein beziehen, im Grunde sogar dafür, alle Vorstellungen fallen zu lassen, die wir uns seit Moses von Gott, Mensch und Welt gemacht haben. Nicht, weil ich sie per se für falsch halte - vieles was später dazukam ist wahr - sondern weil sie die grundlegende Erfahrung des Moses nicht ersetzen können und ohne diese Erfahrung leer bleiben.

Jeder Mensch ist aufgefordert, es Moses nachzutun, in die Wüste zu gehen, die Welt soweit wie möglich abzuschalten, und auf die Bedingungen von Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis zu reflektieren, denn hier beginnt der Weg der Wahrheit.

Tiberius

Elsa hat gesagt…

Du schreibst: "Jeder Mensch ist aufgefordert, es Moses nachzutun, in die Wüste zu gehen, die Welt soweit wie möglich abzuschalten, und auf die Bedingungen von Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis zu reflektieren, denn hier beginnt der Weg der Wahrheit."
Ich muss nochmals nachfragen: Ist das für dich ein genereller Weg sowohl für Suchende als auch für (schon) Glaubende? Oder eine Aufforderung, sich auf die Suche zu machen? Oder verstehst du dein Postulat als Aufforderung rein für Glaubende, Gotteserfahrung vertiefen und verwirklichen zu können?
Außerdem möchte ich bemerken, dass, wenn du die geläufigen modernen Konnotationen vom Ego und Ich ausschließen möchtest, sondern dich ausschließlich auf die Erfahrung des Da-Seins, und damit meine ich die Erfahrung im Hier und Jetzt zu sein, dem Moment der Fülle, wo Vergangenheit nicht mehr und Zukunft noch nicht entstanden ist, Gottesbegegnung also möglich wird, dass dann die Begrifflichkeiten "Selbsterfahrung" und "Selbsterkenntnis", die du benutzt, missglückt gewählt sind. Es gäbe ja kein Selbst unter diesen Bedingungen, in diesem speziellen Moment, oder, wenn er in der Wüste sozusagen stattfindet, in der Kette von Momenten, die weniger dein eigenes Wesen reflektieren können, als vielmehr dem Wesen Gottes eine Antwort auf KEINE Frage sind.
Ich eiere immer noch um deine eigentliche Aussage herum, ich weiß. Ich hoffe, ich bewege mich dennoch in halbwegs nachvollziehbaren Bahnen ...

Tiberius hat gesagt…

Deine Fragen sind nachvollziehbar. Es ist mir sogar viel lieber, wenn Du nachfragst und ich von Dir die Gelegenheit erhalte meine Aussage zu präzisieren, statt daß wir gemeinsam Gefahr laufen aneinander vorbeizureden.

Dabei möchte ich die Möglichkeit selber nutzen und zwei Frage stellen, bevor ich Deine Fragen beantworte. Habe ich Dich richtig verstanden, wenn ich sage, daß Gottesbegegnung möglich ist, wenn man im hier und jetzt die Zeit und das Selbst aufhebt?

Und die zweite Frage zum Verständnis. Das eine Kette von Momenten, das eigene Wesen nicht oder kaum reflektiert, kann ich nachvollziehen. Was aber heißt es, wenn diese Momente "dem Wesen Gottes eine Antwort auf KEINE Frage sind"?

KJ hat gesagt…

Assoziationen zu wenig günstigem Zeitpunkt eines Gesprächs zwischen anderen Menchen:

Mein dogmatischer Lehrer sagte mal, dass es mit Gott so ist, wie mit einem Menschen: Je besser man ihn kennen lernt, desto größer wird auch das Nichtwissen über ihn, dessen man sich bewußt wird. Offenbarung und Verborgenheit gehen einher.
---
Ich würde Gott und den Menschen nicht so weit auseinanderziehen. Gratia supponet naturam. Die Natur ist auf Gott hin ausgerichtet, auf ihn offen, ruft nach ihm, weil er sie auf sich hin geschaffen hat. Das heißt aber auch, dass er uns als Wesen geschaffen hat, die über sich hinausgehen, die quasi über alles hinausgehen, hin zu ihm, der tatsächlich der ganz andere ist.
---
Gott ist der ganz andere, aber nicht im Sinne einer schlechten Negation (er ist nicht wie wir), sondern einer wirklichen Negation, er ist anders als wir, doch er überbietet auch noch einmal die Andersheit. Er ist nicht einfach nur im Gegensatz zu uns, sondern er ist auch völlig anders als der Gegensatz zu uns. Er umgreift sowohl uns, als auch den Gegensatz. Darin erst zeigt sich das miteinander von Nähe und vollkommener Andersartigkeit.

Tiberius hat gesagt…

Salve KJ!

Du bist herzlich eingeladen, in unseren kleinen Kreis zu treten. Deine Bemerkungen passen gut in das Gespräch. Der Zeitpunkt ist, wie er ist: leider wenig günstig, da ich Elsa noch zwei Antworten schulde, die gegeben werden, wenn Elsa antwortet. Was ich mit Spannung erwarte.

Auch auf die Gefahr, daß sich die Fäden etwas verwirren, möchte ich Deinen Beitrag gleich mit Anmerkungen versehen.

Zu Deiner ersten Aussage: "Je besser man ihn kennen lernt, desto größer wird auch das Nichtwissen über ihn, dessen man sich bewußt ist." Ich finde es gut, daß Du von kennen lernen und nicht von wissen sprichst, da ich, so wie man Glauben und Wissen unterscheidet, auch zwischen Offenbarungswissen und Erfahrungswissen unterscheiden möchte. Falls ich Dich richtig verstanden habe, dann hoffe ich den Kern Deiner Aussage mit folgenden Worten zu treffen: Das Offenbarungswissen zeigt die Grenzen des Erfahrungswissens auf.

Zu Deiner zweiten Aussage - in meinen Worten wiedergegeben: Die Schöpfung ruft Gott bzw. kann Gott rufen, weil sie auf den Schöpfer hin geschaffen ist. Auch hier kann ich Dir zustimmen, auch wenn ich lieber von einer Antwort der Schöpfung an Gott sprechen würde, da mir vorausgesetzt scheint, daß die Schöpfung von Gott zunächst ins Dasein und der Mensch von Gott zudem bei seinem Namen gerufen wird. Dementsprechend unterscheiden sich dann auch die Antworten der Natur und des Menschen.

Zu Deiner dritten Aussage - wieder in meinen Worten, in der Hoffnung, Dich richtig wiederzugeben: Gott ist der ganz andere, da wir aber in seinem anders sein enthalten sind, ist sein anders sein nicht die einfache Negation, das heißt nicht bloß der Gegensatz unserer selbst. Gott ist dem Menschen, der nach seinem Ebenbild geschaffen ist ähnlich und doch vollkommen unähnlich. Vielleicht kann man sogar sagen: Da wir endlich sind, Gott aber unendlich ist, ist unsere Ähnlichkeit mit Gott endlich, unsere Unähnlichkeit aber unendlich.

Tiberius

KJ hat gesagt…

Unser Austausch verspricht schon darum interessant zu werden, denke ich, weil wir offenbar durchaus verschiedene Akzente setzen. Ein paar Gedanken:

"Das Offenbarungswissen zeigt die Grenzen des Erfahrungswissens auf."
Ist nicht letztlich alles Wissen, das wir besitzen ein Wissen aus unserer Erfahrung? Offenbarung und Erfahrung verbinden sich. Gott offenbart sich in unserer Erfahrung. Es bleibt natürlich ein Überschuss an Dingen "auf die wir selbst nicht gekommen wären", locus classicus: Die Inkarnation. Hier deutet dann zwar maßgeblich das, was wir aus der Offenbarung lernen unsere Erfahrung, doch muss sie stets daran anknüpfen. Ich gebe zu, ich sehe Offenbarung und Erfahrung, Glaube und Wissen, Natur und Übernaturr echt nahe beieinander.

---

Ja, nehmen wir einfach meinen geliebten Lehrmeister, St.Augustinus. Er sieht den Menschen als einen, der von Gott mit unruhigem Herzen geschaffen wurde und der erst in Gott Ruhe findet. Sucht er sie in der Schöpfung, so findet "ruft diese": Gott hat uns geschaffen - wenn man den hören will.

---

Wir sind Gott sicher in gewisser Weise unendlich unähnlich. Und doch bewahrt unser Bild-Sein mehr als bloße Ähnlichkeit, sondern echte Verbindung. Diese geht, das gebe ich gerne zu, von Gott aus, denn er ist das Urbild, wir das Abbild, das aus sich selbst heraus Gott nicht erreichen kann.

KJ

Elsa hat gesagt…

Herzlich willkommen auch von mir, KJ.

Ich will den Fluss gar nicht lange aufhalten und nur schnell die zwei Fragen beantworten, die noch ausstanden, um mich dann an anderer Stelle wieder einzuklinken.

"Habe ich Dich richtig verstanden, wenn ich sage, daß Gottesbegegnung möglich ist, wenn man im hier und jetzt die Zeit und das Selbst aufhebt?"
Ja, ich könnte mir vorstellen, dass dann eine Gotteserfahrung möglich wird. Wissen tue ich es nicht. Übrigens weist der brennende Dornbusch darauf hin, der ja nicht verbrennt (Zeit und Kausalität sind verschwunden. Moses verschwindet ebenfalls in dem Maß, als er sich die Schuhe auszieht, vielleicht das ablegt, was ihn sonst trägt - und sich dem "Wunder" ergibt).

"Was aber heißt es, wenn diese Momente "dem Wesen Gottes eine Antwort auf KEINE Frage sind"?"

Manchmal geht meine lyrische Ader mit mir durch. Ich denke, ich wollte damit sagen, dass das der Moment NACH dem Ruf sein könnte. Ich wollte diesen Zustand beschreiben, aber in einem Bild.
Wir brauchen uns da nicht lange zu verweilen ...

Einen lieben Gruß dir, tiberius, und auch dem kj.