Mittwoch, 2. April 2008

Das Lob der Torheit

"Unter all diesen Künsten und Wissenschaften stehen jene in der Wertschätzung zuoberst, die dem gemeinen Menschenverstand, das heißt der Torheit, am nächsten kommen. Hungern muß der Theologe, frieren der Naturphilosoph, verlacht wird der Astrologe, wie Luft behandelt der Dialektiker. Einzig >der Arzt wiegt auf den Wert vieler anderer Männer<. Aber selbst hier gilt: Je unwissender, dreister und leichtfertiger ein Arzt ist, um so höheres Ansehen genießt er, nicht zuletzt bei den betuchten Fürsten. Aber die Medizin, zumal wie sie heute von ziemlich vielen betrieben wird, ist nichts weiter als ein Zweig der Schmeichelkunst, genauso wie die Rhetorik. An zweiter Stelle kommen die sturen Paragraphenreiter - vielleicht verdienen sie sogar den ersten Rang -, deren Gewerbe die Philosophen (ich selbst möchte mich eines Urteils enthalten) fast einhellig als Eselskunst verhöhnen. Und doch wickeln sich alle Rechtsgeschäfte, die folgenreichsten und die belanglosesten, nach dem Gutdünken dieser Esel ab. Ihre Landgüter dehnen sich immer weiter aus, während der Theologe, der doch ganze Schränke voller Bücher über das Wesen Gottes durchforstet hat, an Wolfsbohnen herumknabbert und unaufhörlich gegen Wanzen und kleine nette Läuse anzukämpfen hat.”

Erasmus von Rotterdam - Das Lob der Torheit

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Hans Holbein, der Jüngere (1498-1543), Erasmus von Rotterdam, gemalt 1523

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