Samstag, 21. Februar 2009

Die Vernunft ist wertvoller als die Philosophie

“Wenn wir also sagen, dass die Lust das Ziel sei, meinen wir nicht die Wollust der Unersättlichen und die Lüste, die sich auf oberflächlichen Genuss beschränken, wie einige aufgrund von Unkenntnis und Ablehnung oder aus Missverständnis meinen, sondern die Freiheit von körperlichem Schmerz und von seelischer Unruhe. Denn nicht Trinkgelage und endlose Feste, nicht der Genuss von Knaben und Frauen und auch nicht von Fischen und anderen, was eine üppige Tafel bietet, erzeugen das lustvolle Leben, sondern ein nüchterner Verstand, der die Gründe für alles Wählen und Ablehnen herausfindet und die Vorurteile vertreibt, aus denen die größte Verwirrung der Seelen erwächst.

Der Ursprung all dieser Überlegungen und das höchste Gut ist die Vernunft. Deshalb ist die Venunft auch wertvoller als die Philosophie. Aus ihr stammen alle übrigen Tugenden. Sie lehrt uns, dass man nicht lustvoll leben kann, ohne vernünftig, anständig und gerecht zu leben, und dass man auch nicht vernünftig, anständig und gerecht leben kann, ohne lustvoll zu leben. Denn die Tugenden sind von Natur aus mit dem lustvollen Leben verbunden, und das lustvolle Leben ist von den Tugenden nicht zu trennen.

Denn wer ist deiner Meinung nach stärker als jener, der fromme Gedanken über die Götter hat und gegenüber dem Tod völlig frei von Angst ist und das Ziel der Natur verstanden hat und begreift, dass das höchste Gut leicht zu verwirklichen und leicht zu beschaffen ist, dass aber das größte Übel entweder nur kurze Zeit andauert oder nur kurze Zeit als Leid empfunden wird? Wer ist schließlich stärker als jener, der die von einigen als mächtige Herrin über alle Welt empfundene Schicksalsfügung auslacht und statt dessen erklärt, dass manches mit Notwendigkeit, manches durch Zufall, manches durch unser eigenes Zutun geschieht? Denn er sieht, dass wir für das notwendige nicht verantwortlich sind, der Zufall unberechenbar ist, und das, was unserem Einfluß unterliegt, nicht fremdbestimmt ist und deshalb natürlich auch getadelt und gelobt wird.”

Epikur - An Menoikeus

1 Kommentar:

Mcp hat gesagt…

Nun ja, die Vernunft also. Ich gebe zu bedenken, dass der Verstand die Voraussetzung für den rechten Gebrauch der Vernunft ist. Eine Beziehung die seit der Aufklärung in den Hintergrund gedrängt ist. Heute darf jeder herumzuvernüfteln, obwohl sehr oft nur wenige die diskutierte Materie wirklich verstehen. Aber diejenigen die wirklich Ahnung haben, werden als Fachidioten disqualifiziert, während die wirklichen Idioten sich gegenseitig anerkennend auf die Schulter klopfen. Und, ich habe einige Leute kennengelernt, die zwar ungeheuer viel Wissen angehäuft hatten, bei denen mich jedoch arge Zweifel beschlichen, ob sie viel davon verstanden haben. Ohne Verstand ist jede Vernunft wertlos.