Donnerstag, 19. Februar 2009

Die blinde Affirmation des kritischen Geistes

In der Tages­zei­tung die Welt ver­öffent­licht Stefan Vesper, der General­se­kre­tär des Zen­tral­komi­tees deutscher Katho­liken, einen Bei­trag unter dem Titel "Fromm und fröhlich". Vesper nennt die Ereig­nisse der letz­ten Wochen drama­tisch. Die Kirche brauche end­lich "eine zeit­gemäße, ver­läßlich funktio­nie­rende und auch poli­tisch sensi­ble Füh­rungs- und Ver­wal­tungs­struk­tur". Hier müsse der Papst handeln.

Der Ver­lust an An­sehen sei in den letz­ten Wochen für die katho­lische Kirche riesen­groß gewe­sen. Einige würden mit fest ver­bun­de­nen Augen rufen, man müsse sich nur ganz fest hinter den Papst stellen und alles werde wieder gut. Dabei ver­wechsel­ten sie die Loyali­tät, die je­der Katholik "im Grund­satz" sei­nem Bischof gegen­über "empfindet", mit "blin­dem Gehor­sam". Die Vor­stellung, man könne als Katholik gleich­zeitig in der Gesell­schaft aktiv, mutig, tapfer, streit­bar, enga­giert und im guten Sinne kritisch und manchmal auch wider­ständig leben - und in der Kirche alle diese Eigen­schaften able­gen und zum "schlich­ten Schaf" werden, sei absurd.

Das Zweite Vatikani­sche Konzil müsse nicht nur kon­se­quent ge­ach­tet, son­dern im Leben der Kirche auch weiter ver­wirk­licht werden. Die dank­bare Erinner­ung an das Zweite Vati­canum dürfe jedoch nicht dazu führen, dass die Kirche ständig zurück­blicke. "Das Erbe, die Inten­tion, der Geist des Konzils müssen viel­mehr kon­sequent weiter­geführt werden." Der Auf­trag aller Katho­liken sei es, bei der Gestal­tung einer huma­neren, gerech­teren und solida­rischen Welt das "Salz der Erde" zu sein.

Der ganze Beitrag findet sich in der Online-Ausgabe der Tageszeitung "Die Welt".

Kommentare:

Pater Siegfried hat gesagt…

"Der Auftrag aller Katholiken sei es, bei der Gestaltung einer humaneren, gerechteren und solidarischen Welt das "Salz der Erde" zu sein."

Aha, - so lautet also jetzt unser "neues" Credo. Ich habe das noch anderes in Erinnerung.

Es ist wirklich unbegreiflich, dass die Journalisten von heute überhaupt nicht mehr wissen, woran ein Katholik eigentlich glaubt.

Nein, es geht nicht um "Selbsterlösung" ("Gestaltung einer humaneren, gerechteren ... Welt"), sondern in erster Linie darum, das ich eines Erlösers bedarf. Katholiken sind nicht "Gutmenschen". Ein "Gutmensch" kann man auch sein, wenn man KEIN Christ ist. - Nein, wir glauben an unseren Herrn und Gott, an unseren Erlöser Jesus Christus. - Das ist es, was uns in erster Linie auszeichnet sollte, und daraus ergeben sich dann erst in zweiter Linie auch die Konsequenzen.

Nikodemus hat gesagt…

"eine zeit­gemäße, ver­läßlich funktio­nie­rende und auch poli­tisch sensi­ble Füh­rungs- und Ver­wal­tungs­struk­tur"

Ich glaube, genau das ist es, wovor ich Angst habe und was ich nicht will.

Das Gegenüber vom engagierten Christen und dem schlichten Schaf zeigt auch ein gewisses Maß an Unverständnis für zentrale Punkte des Christseins auf...

Stanislaus hat gesagt…

Wie wahr! Das merkt man schon daran, wie das Wort "christlich" hierzulande definiert wird.

Elsa Laska hat gesagt…

Das ist ganz wundervoll. Heute Morgen dachte ich noch, hm hm, haste mit deinem Eintrag neulich wieder fürchterlich übertrieben, bisschen viel Furor gehabt, hör doch mal auf, Else, es gibt doch noch andere Stilmittel als die Hyperbel (von wegen sie protestantisieren meine Konfession und brechen sie zu einem Schrebergartenverein herunter ... )
Und jetzt also mal wieder das.
Das bedeutet letztendlich, man gar nicht genug übertreiben, die Realität holt man eh nicht mehr ein ... :-)

Tiberius hat gesagt…

Anders in Erinnerung?

Ah, uh, ja, daß war die alte Zeit, da glaubte man noch, die Nächstenliebe würde uns vielleicht in den Himmel bringen, aber sicher nicht den Himmel auf die Erde.

Heute aber, da der Himmel allen offen steht und die Seelen gerettet sind, müssen wir nur noch die Welt, die uns der Schöpfer hinterlassen hat, hier und da ein wenig verbessern, damit auch sie gerettet werde.

Und wenn wir dafür einen neuen Menschen, sei er auch ohne Namen, züchten müssen, dann sei´s drum. Wir wären nicht die ersten.

Aber im Ernst, lieber Pater, ich kann Ihr Unverständnis gut verstehen und unterschreibe Ihre Ausführungen. Wenn es doch nur Journalisten wären, die nicht mehr wissen, was Katholiken eigentlich glauben.

Tiberius hat gesagt…

Daß man aus guten Gründen, freier Entscheidung und berechtigtem Vertrauen auf der Seite des Heiligen Vaters stehen und Kritik an dessen Entscheidungen mithin zu Recht kritisiert, scheint für Vesper ja keine Option darzustellen. Es dürfen alle kritisiert werden, nur nicht die Kritiker. Wenn Kritik aber ohne Affirmation möglich wäre, es also keines eigenen Standpunktes bedürfte, um einen anderen Standpunkt zu kritisieren, dann wäre die Kritik nicht Kritik sondern Skepsis. Die Vorstellung, es könne neben der reinen Affirmation auch eine reine Kritik geben, ist jedoch irrig. Sie dient lediglich, die affirmativen Teile der Kritik, das heißt den Standpunkt des Kritikers, unangreifbar zu machen.