Samstag, 14. Februar 2009

Die Krise - ein Erwachen aus Täuschungen

Der Schriftsteller Martin Mosebach im Gespräch bei der 3sat-Kulturzeit:

Kulturzeit: Die Auf­he­bung der Ex­kommu­ni­ka­tion der Pius­brüder, dieser vier Pius­brü­der, lieg aber nun sehr stark in der Luft. Sie zeigen großes Ver­ständ­nis dies­be­züg­lich für den Papst, im Gegen­satz zu vielen anderen Katho­liken. Warum?

Mosebach: Ja, ich möchte zu­nächst sagen, daß die Leute, die sich heute als Katholiken be­kennen und dann den Papst kriti­sieren, die kommen mir etwas selt­sam vor. Ein Katholik sollte zu­nächst den In­stinkt haben, sich vor seinen Papst zu stellen, und ver­suchen, den Papst zu ver­stehen. Selbst dann, wenn das vielleicht nicht immer leicht ist. Also, daß, ähm, äh, kommt mir proble­matisch vor.

Kulturzeit: Aber ihm kritik­los folgen? In so einem Fall? Wenn es viele vielleicht gar nicht ver­stehen, warum er nun aus­ge­rechnet die Pius­brüder, ähm, die sehr rückwärts­gewandt sind, in vielem wirk­lich zweifel­haft, zurück­zuholen in die Kirche?

Mosebach: Ja nun, äh, es ist ja über dieses alles sehr, sehr viel schon gesagt worden. Ich meine, sie werden nicht zurück­geholt in die Kirche, denn sie sind Mit­glieder der Kirche. Sie sind getauft, sie sind Priester, sie sind Bischöfe: gültig. Sie sind in einer uner­laubten und unge­ordneten Situ­ation und es mußte dem Heiligen Stuhl alles daran ge­legen sein, diese unge­ordnete Situation zu besei­tigen, um das Ent­stehen einer, einer wilden - vielleicht kleinen, aber eben deswegen nichts desto weniger realen - Neben­kirche zu ver­hindern. Das war eine ganz zentrale Geschichte.
Aber die gegen­wärtige Krise, äh, das ist vor allen Dingen eine Krise in Deutsch­land. Eine Krise, ein Desaster der nach­konziliaren, durch Persönlich­keiten wie Kardinal Lehmann, äh, repräsen­tierten katholischen Kirche, die sich zur Welt öffnen wollte, aber die dabei nicht verstanden hat, die Eigen­schaften der katholischen Religion in der Öffent­lichkeit dar­zustellen und ein Gefühl für katholische Identität zu schaffen. Das ist dieser Kirche nicht mehr gelungen. Man hat gewisse Dinge unter den Teppich gekehrt und hat so getan, als ob es da in Rom einen fernen, bösen Papst gäbe, neben­bei, schon unter dem Ponti­fikat Johannes Pauls II. und das eben ein fröhlicher, freier, äh, Katholi­zismus in Deutschland wachse, der sich immer­fort gegen römische Bevor­mundung zu wehren habe, und das ist eben ein voll­kommen falsches Bild von der Kirche.
Es gab keine Ruptur zwischen der vor­konziliaren Kirche und der nach­konzil­iaren Kirche. Das ist ein Konstrukt. Das muß eine Harmonie geben. Es muß eine Konti­nuität geben und diese Konti­nuität, diesen Sinn wieder zu wecken dafür, ähm, das ist die Haupt­aufgabe von Papst Benedikt, die er groß­artig angeht.

Kulturzeit: Können sie denn diesen Unmut vieler Katho­liken jetzt - ein berühmtes Beispiel ist Frido Mann, der gerade aus­getreten ist aus der katho­lischen Kirche - über­haupt nicht verstehen?

Mosebach: Ich kann ihn gut ver­stehen, denn ich weiß, daß der Katholi­zismus die un­be­kann­teste Religion der Welt ist. Und speziell in Deutsch­land vierzig Jahre fehlender Religions­unter­richt, fehlende Instruk­tion über dieses riesige Gebäude, dieses katholischen Glaubens. Das konnte nicht ohne Folgen bleiben, äh, sogar nicht bei Priestern, sogar nicht bei Bischöfen. Hier muß eben ganz zäh, ganz geduldig, ganz von unten her wieder auf­gebaut werden.

Kulturzeit: Ich habe gerade schon die Kirchen­austritte genannt. Kann man aus der Kirche eigent­lich aus­treten, wie - ich sag mal - aus einer Partei?

Mosebach: Nein, man kann Steuern sparen in Deutsch­land, in dem man aus der Kirche austritt. Aus der Kirche kann man nicht aus­treten. Jeder Getaufte bleibt bis zu seinem Lebensende, ja, nach katholischer Über­zeugung, in Ewigkeit - Christ.

Kulturzeit: Hmhm, glauben sie, daß es noch zu weiteren Konflikten kommen wird oder wird das jetzt möglichst schnell beigelegt.

Mosebach: Ich bin über­haupt kein Prophet, aber ich glaube, daß es sich hier um einen sehr schmerz­lichen Prozeß handelt, der möglicherweise doch länger dauert. Denn die Versäumnisse der Vergangen­heit sind groß. Und, wieder klar zu machen, was katholisch ist, das wird mit - das wird mit Schmerzen einher­gehen und das wird lange Zeit brauchen und es wird den entschiedenen Wider­spruch von all denen finden, die sich ein falsches Bild von der Kirche gemacht haben.

Kulturzeit: Aber in der Krise liegt also auch für sie eine Chance?

Mosebach: In der Krise liegt immer eine große Chance. Das ist eine ganz wichtige, eine fundamen­tale Krise. Das ist nicht eine Krise, die nur aufgrund von, äh, schlechter In­for­mations­politik, von Ver­säum­nissen, von Un­geschick­lichkeit und Bös­willig­keit ein­her­geht. Das ist eine not­wen­dige Krise. Diese Krise ist etwas - ein Erwachen aus Täu­schun­gen.

Kulturzeit: Ich danke ihnen sehr für das Gespräch. Danke!

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Irgendwie habe ich das Gefühl, daß Mosebach und der Moderator ständig aneinander vorbeireden.

Aber ich halte einen Austritt als Reaktion auf kirchenpolitische Ereignisse sowieso für verfehlt - so wichtig kann dann ja doch der Glaube und seine Standfestigkeit auch nicht sein.

Sollte der Papst zukünftig seine Entscheidungen danach treffen, wie viele Leute wohl austreten werden???

Tiberius hat gesagt…

Mosebach hat seine Sache sehr gut gemacht.

Wie ein Katholik bereit sein kann, ohne Sakramente zu leben, ist mir ein Rätsel.

Difficile est satiram non scribere!