Donnerstag, 25. September 2008

Nacktes Interesse und bare Zahlung

"Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose "bare Zahlung". Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.

Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt. Die Bourgeoisie hat dem Familien­verhältnis seinen rührend-sen­timentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurück­geführt.

Die Bourgeoisie hat enthüllt, wie die brutale Kraftäußerung, die die Reaktion so sehr am Mittelalter bewundert, in der trägsten Bärenhäuterei ihre passende Ergänzung fand. Erst sie hat bewiesen, was die Tätigkeit der Menschen zustande bringen kann. Sie hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt als Völkerwanderungen und Kreuzzüge."

Karl Marx - Manifest der Kommunistischen Partei

Kommentare:

Mcp hat gesagt…

Nein! Jetzt! Der Marx? Unkommentiert ein Sakrileg?! Gut, dann mach ich das mal:

Der Text stammt aus dem 1. Kapitel des Programmes des „Bund der Kommunisten“, denn das war das Manifest ursprünglich. Unter der Überschrift „Bourgeois und Proletarier“ bejubelt Marx zunächst die „historischen Leistungen“ des Bürgertums - also die Guillotinierung der alten Ordnung durch die physische Vernichtung ihrer Repräsentanten - um ihm anschließend diverse Inkonsequenten vorzuwerfen, die bei genauer Betrachtung darauf hinauslaufen, dass er den Bürgerlichen dasselbe Schicksal zudachte, wie jenes, dass die französischen Pfeffersäcke ihrem rechtmäßigen König „angedeihen“ ließen. Die Jakobiner als Vorbild für die Sturmtruppen einer Revolution, die alle Kultur in Trümmer legt, um Platz für die triste Ästhetik im grauen Alltag des kommunistischen Paradieses zu schaffen. Das ist die Kurzform des gesamten Manifests.

Niemand sollte sich die Illusion machen, er könne Marx für die Kritik am Bürgertum vereinnahmen. Die Herrschaft des dritten Standes ist unerträglich, aber die des entfesselten Proletariates werden die Wenigsten überleben. Und Marx kritisiert aus genau dieser Perspektive.

Meine Kritik am Bürgertum hat Dávila treffender formuliert als Marx. Nur ein Beispiel:

„Der Bürgerliche übergibt die Macht, um das Geld zu retten; danach übergibt er das Geld, um seine Haut zu retten; und schließlich hängen sie ihn.“
Aus: Scholien zu einem inbegriffenen Text; Kap I.

Ich hoffe Sie wissen, dass ich soeben ihre Seele vor der ewigen Verdammnis gerettet habe. :)

Tiberius hat gesagt…

Zunächst möchte ich mich für die Sorge um mein Seelenheil bedanken und nicht zuletzt auch für den Kommentar, der mich dazu zwingt, das Zitat selbst noch einmal zu kommentieren. Was mir sehr entgegen kommt, da ich Mißverständnissen gerne vorbeugen möchte.

Den Kontext des Zitates, die Absicht und die Perspektive des Verfassers haben Sie treffend geschildert und auch zu Recht vor der Vereinnahmung gewarnt - wer Marx vereinnahmt, darf sich schließlich ruhig Marxist nennen.

Das Zitat von Dávila ist zutreffend, hat seinen Platz jedoch in einer anderen Zeit, einer Zeit, die den Materialismus kommunistischer Prägung bereits am eigenen Leib erfahren durfte. Marx hingegen spricht aus der Erfahrung eines Materialismus, der noch allein kapitalistischer Prägung ist.

Nun muß man kein Marxist sein, um sich mit Marx zu befassen, und man muß es nicht werden, um an seinen Werken zu gewinnen. Marx beschreibt und beurteilt die Verhältnisse seiner Zeit und er zieht seine eigenen Schlußfolgerungen. Allein dieses Verfahren wäre heute eine Bereicherung für manchen Diskurs. Auch wenn ich Marx in seinen Urteilen und Schlüssen nicht folgen kann, so halte ich seine Beschreibungen doch für zutreffend.

Ich denke, daß man an dem von mir eingeworfenen Fragment erkennen kann, daß nicht der Kommunismus den Materialismus hervorgebracht hat, sondern umgekehrt, der Materialismus den Kommunismus. Der Zusammenhang zwischen Profanisierung und Ökonomisierung des menschlichen Lebens scheint mir dabei von Marx richtig erfaßt worden zu sein.

Über die von Marx zur universellen Deutung von Geschichte eingeführten Kategorien der Ausbeutung und des Proletariats lohnt es sich nicht, viele Worte zu verlieren. Seine offene Bewunderung für die brutalen Exzesse bürgerlicher Gewalt sollte jedoch denen zu denken geben, die Gott zum Urheber der unmenschlichsten Verbrechen und Kriege erklären.