Mittwoch, 22. Oktober 2008

Der Herbst zeigt sich von seiner besten Seite

Zum Morgen nehme ich den Kaffee vor der Legende. Der Tag hat spät begonnen. Ein Freund erwartet mich. Auf der Straße ist es ruhig. Die meisten sind schon bei der Arbeit. Wir sitzen in Klappstühlen vor dem Haus. Der Kaffee ist gut, das Gebäck ist es auch. Die Oktober­sonne scheint uns ins Gesicht. Wir haben keine Eile. Nach dem Frühstück brechen wir auf.

Vom Südstern laufen wir über die Körtestraße Richtung Landwehrkanal, vorbei am alten Neptunbrunnen geht es über die Admiralsbrücke zum Kottbusser Tor. Von der Brücke blickt man auf den Urbanhafen und die Uferpromenade. Vor der Synagoge zur Rechten versperrt ein Polizeiwagen die Straße. Die Synagoge ist rund um die Uhr bewacht. Das Kottbusser Tor ist einer der sozialen Brennpunkte Berlins. Gruppen von Drogenabhängigen stehen auf dem Platz. Handy-Geschäfte wechseln sich mit Döner-Buden ab. Die Balkone der Hochhäuser ringsum tragen fast alle Satellitenschüsseln.

Wir unterqueren die Hochbahn und laufen die Adalbertstraße entlang. Auf der kreuzenden Oranienstraße drängt sich der Verkehr. Autos parken in zweiter Reihe. Auf dem Bürgersteig ist kaum Durchkommen. Wir bleiben auf der Adalbertstraße Richtung Spree. Am Bethaniendamm durchqueren wir eine Bau­wa­gen­sied­lung. Sie ist men­schen­leer. Die Fenster sind verhängt. Nur ein Hund scheint hier zu Hause zu sein.

Vor der 1869 gebauten St. Thomas Kirche bleiben wir stehen. Sie soll die gesamte evan­ge­lische Kir­chen­bau­kunst nach Schinkel und Stüler in Preußen beeinflußt haben. Das Innere der Kirche ist einer evangelischen Kirche angemessen. Wir halten uns nicht lange auf und kommen zur alten Heeresbäckerei an der Köpenicker Straße. Etwas weiter die Straße rauf, finden wir die Räume des alten Offiziercasinos. Eine Orient-Bar hat den vorderen Teil übernommen. Im Ballsaal des Casinos hat das Theaterforum Kreuzberg seine Bühne. Einen Hauseingang weiter haben leichte Mädchen ihr Quartier bezogen.

Wir laufen an der Spree zur Oberbaumbrücke. Noch gibt es an der 02-Arena keine Brücke in den Friedrichshain. Auf der Kreuz­ber­ger Seite will die Stadt Unter­nehmen ansiedeln, die mit Medien arbeiten. Das Projekt heißt "Media Spree". Irgendwann wird es dann auch eine Uferpromenade geben, die nach Ansicht meines Freundes lieber 50 statt acht Meter breit sein sollte.

Auf der Warschauer Straße laufen wir zum Frankfurter Tor. Von der Warschauer Brücke schauen wir Richtung Alexanderplatz. In der Ferne sehen wir den Fernsehturm. Die Fernbahngleise unter uns schlagen eine Schneise durch die Stadt. Auf der Linken liegt der alte Hauptbahnhof Berlin-Ost, der jetzt Ostbahnhof heißt, und in der Mitte die Metro, die immer noch Metro heißt.

Am Frankfurter Tor verlassen wir die Warschauer Straße und folgen der alten Stalinallee, die nun schon etwas länger Karl-Marx-Allee heißt, nach Westen. Nahe des Bahnhofs Weberwiese trinken wir einen Kaffee. Es ist Mittag. An den Nachbartisch bringt die Bedienung Worcester-Sauce und Zitronenkonzentrat. Das Ragout fin, das mein Begleiter darauf vorhersagt, folgt auf dem Fuß - wie auch sein zufriedenes Lächeln.

Wir setzen unseren Spaziergang fort und kommen an den Alexanderplatz. Neben der sa­nier­ten Ber­liner Kon­gress­halle, dem Berolina- und dem Alex­an­der­haus fällt schmerz­lich das Ein­kaufs­zen­trum Alexa ins Auge. Es gibt Bunker in Berlin, die schöner sind. Am Fuß des Fernsehturms lauert uns der Reporter eines privaten Nachrichtensenders auf. Er will etwas über Autoversicherungen wissen.

Auf der Rathausstraße laufen wir Richtung Gendarmenmarkt. Das Rote Rathaus und das Nikolaiviertel liegen zu unserer Linken. Rechts folgen die letzten Rippen des Palastes der Republik. Auf dem Bauschild heißt der Abriß selektiver Rückbau. Am Auswärtigen Amt und an der Friedrichwerderschen Kirche vorbei kommen wir zur Kathedrale St. Hedwig. Ich werfe einen kurzen Blick hinein. Die Bänke sind für Besucher gesperrt. Es gibt keinen Platz für ein Gebet.

Wir folgen der Behrensstraße vom Bebelplatz zur Friedrichsstraße. In der Feinkostabteilung des La­fay­ette gibt es ein Glas Weißwein und eine wun­derbare Bouillabaise. Da Muschelsaison ist, nehmen wir auch frische Austern dazu, deren Verzehr allerdings nicht ohne Tücken ist. Auf dem Rückweg nach Kreuzberg schauen wir zum Kaffee bei einem alten Berliner Verleger vorbei. Wir lehnen uns zurück, lassen unseren Blick über die Stadt schweifen und beglückwünschen uns zu diesem schönen Tag.

1 Kommentar:

ultramontanus hat gesagt…

Eine ordentliche Stadtwanderung. Zum Ost-/Hauptbahnhof wollte ich nur anmerken, dass ich ihn aus DDR-Zeiten noch als Ostbahnhof kenne. Intelligenterweise hamsn erst kurz vor der Maueröffnung in "Hauptbahnhof" umbenannt. :)