Donnerstag, 14. August 2008

Media vita in morte sumus

Dirre werlte veste,
ir stæte un ir beste
und ir grœste mankraft,
diu stât âne meisterschaft
des muge wir an der kerzen sehen
ein wârez bilde geschehen,
daz sî zeiner aschen wirt,
iemieten daz sî lieht birt.
wir sîn von brœden sachen.
nû sehet, wie unser lachen
mit weinenne erlischet.
unser süeze ist gemischet
mit bitterer gallen.
unser bluome der muoz vallen,
sô er aller grüenest wænet sîn.

Die Festigkeit der Welt,
ihre Beständigkeit, Vorzüglichkeit
und größte Macht
hat keine Meisterschaft.
Das können wir an der Kerze
als wahrem Bild geschehen sehn,
wenn sie zu Asche wird
im eigenen Licht.
Wir sind aus vergänglichen Sachen.
Seht doch wie unser Lachen
im Weinen erlischt.
Was uns süß und lieblich schmeckt,
ist mit bitterer Galle vermischt.
Unsere Blüte, die muß fallen,
wenn sie glaubt, gerade erst zu blühen.


Hartmann von Aue - Der arme Heinrich (um 1200)


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Aus dem Codex Manesse, fol. 184v, Herr Hartmann von Aue, Bibliothek der Universität Heidelberg, gemalt zwischen 1305 and 1340.

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