Samstag, 26. Juli 2008

Für eine neue Sprache der Wissenschaft

"[Die Erkenntnis] hätte in der Welt schon viel größere Fortschritte gemacht, wenn die Bemühungen kluger und fleißiger Männer nicht durch den gelehrten, aber wertlosen Gebrauch einer seltsamen, erkünstelten und unverständlichen Terminologie beeinträchtigt worden wären, die man in die Wissenschaft einführte und hier derart zu einer Kunst ausbildete, daß es als unpassend oder unmöglich galt, in einer guten Gesellschaft oder im Verlauf einer hochgeistigen Unterhaltung von der Philosophie zu reden, die doch nichts ist als die wahre Erkenntnis der Dinge. Unbestimmte und inhaltslose Redewendungen und der Mißbrauch der Sprache haben so lange für Geheimnisse der Wissenschaft gegolten, und schwer verständliche, falsch verwendete Wörter mit wenig oder gar keinem Sinn haben durch langjährige Gewohnheit so sehr das Recht erworbe, für tiefe Gelehrsamkeit und hochfliegene Spekulation gehalten zu werden, daß es nicht leicht sein wird, diejenigen, die sie aussprechen oder aussprechen hören, davon zu überzeugen, daß sie nur die Unwissenheit verbergen und die wahre Erkenntnis verhindern."

John Locke - Versuch über den menschlichen Verstand

Kommentare:

KJ hat gesagt…

Hört sich gut an... aber das, was dann bei Locke dabei herauskommt ist inhaltlich in meinen Augen meist weniger zustimmungsfähig als die von ihm kritisierten Konzepte vor ihm...

Tiberius hat gesagt…

Du hast Recht. Den Versuch über den menschlichen Verstand habe ich zunächst nur angelesen. Nach der Einführung und Einleitung war für mich erstmal Schluß.

Das erste Kapitel über die Ideen, die nicht angeboren sind, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt lesen, da ich denke, daß es Sinn macht zunächst Aristoteles und Descartes genauer zu studieren.

An meinen erkenntnistheoretischen Positionen wird Locke wohl kaum etwas ändern. Hier sehe ich mich wohl eher als Platoniker.

Was mir an dem Zitat, das hier also für sich steht, gefällt, ist das Bewußtsein für die Bedeutung der Sprache in der Wissenschaft und für die Wissenschaftler.

Für mich ist der von Locke kritisierte Sachverhalt zudem deshalb nachzufühlen, weil ich mich vor einiger Zeit durch sozialwissenschaftliche Literatur aus den siebziger und achtziger Jahren herumgeschlagen habe, deutschsprachiger Literatur wohlgemerkt.