Freitag, 16. Januar 2009

Kardinal Ratzinger: Ein neues Lied für den Herrn

"Die Frage nach dem Wesen der Liturgie und nach den Maßstäben der Reform hat uns von selbst zur Frage nach der Stellung der Musik in der Liturgie zurückgeführt. In der Tat kann man von Liturgie gar nicht reden, ohne auch von der gottesdienstlichen Musik zu sprechen; wo die Liturgie verfällt, verfällt auch die Musica sacra, und wo Liturgie recht verstanden und gelebt wird, wächst auch gute Kirchenmusik."

"Der Glaube stammt vom Hören auf Gottes Wort. Wo aber Gottes Wort in Menschenwort übersetzt wird, bleibt ein Überschuß des Ungesagten und Unsagbaren, der uns zum Schweigen ruft - in ein Schweigen hinein, das schließlich das Unsagbare zu Gesang werden läßt und auch die Stimmen des Kosmos zu Hilfe ruft, damit das Ungesagte hörbar werde. Das bedeutet, daß Kirchenmusik, aus dem Worte und dem in ihm vernommenen Schweigen stammend, immer neues Hören auf die Fülle des ganzen Logos voraussetzt."

"Musik, die christlicher Liturgie dienen soll, muß dem Logos entsprechen, konkret: Sie muß in einer sinnvollen Zuordnung zu dem Wort stehen, in dem der Logos sich geäußert hat. Sie kann sich, auch als instrumentale Musik, nicht von der inneren Richtung dieses Wortes lösen, das einen unendlichen Raum freigibt, aber auch Unterscheidungslinien zieht. Sie muß ihrem Wesen nach anders sein als Musik, die in rhytmische Ekstase, in die rauschhafte Betäubung, in die sinnliche Erregung, in die Auflösung des Ich im Nirwana hineinführen soll, um nur ein paar mögliche Haltungen zu benennen."

Wo ein überzogener und (wie wir festellen konnten) gerade in einer mobilen Gesellschaft wie der unsrigen völlig unrealistischer Begriff von Gemeinde obwaltet, können nur Priester und Gemeinde als rechtmäßige Träger liturgischen Singens anerkannt werden. Der primitive Aktionismus und der platte pädagogische Rationalismus einer solchen Position ist heute wohl allgemein durchschaut und wird daher nur noch selten behauptet. Daß auch Schola und Chor zum Ganzen beitragen können, wird selbst dort kaum noch bestritten, wo man das konziliare Stichwort von der "tätigen Teilnahme" irrtümlich im Sinne eines äußeren Aktionismus auslegt. Allerdings bleiben Exklusiven bestehen, auf die wir gleich kommen werden. Sie gründen in einer ungenügenden Deutung des liturgischen Miteinander, in dem nie nur die gerade anwesende Gemeinde Subjekt sein kann, sondern diese nur als nach oben und von oben her synchron und diachron in die Weite der Gottesgeschichte hinein geöffnete Versammlung verstanden werden darf."

"Der Begriff der Stellvertretung ist eine der Grundkategorien des christlichen Glaubens überhaupt, der alle Ebenen der gläubigen Wirklichkeit betrifft und so gerade auch in der liturgischen Versammlung wesentlich ist. Die Einsicht, daß es sich um Stellvertretung handelt löst in der Tat die Konkurrenz des Gegenüber auf. Der Chor handelt für die anderen und schließt sie im Für in sein eigenes Handeln ein. Durch sein Singen können alle in die große Liturgie der Gemeinschaft der Heiligen und so in jenes innere Beten geführt werden, das unser Herz nach oben reißt und uns über alle irdischen Realisierungen hinaus zum himmlischen Jerusalem hinzutreten läßt."

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