Mittwoch, 31. Dezember 2008

Besuch im Hamburger Mariendom

Drei Tage nach Weih­nachten be­such­te ich zum er­sten Mal den Ham­bur­ger Dom. Be­rich­te über die ab­ge­schloss­enen Re­no­vie­rungs­ar­bei­ten hat­ten mich neu­gie­rig ge­macht. Ich lief vom Haupt­bahn­hof durch St. Georg über den Kreuz­weg und den Stein­damm Rich­tung Danz­iger Straße, vor­bei an Spiel­hallen, Erotik-Dis­countern und Sex-Kinos, wie auch an Ge­müse­händ­lern, Döner-Buden und Inter­net-Cafés.

Vor dem Dom stieß ich auf ein Eta­blisse­ment mit schwarz ver­kleb­ten Schei­ben, dessen Aus­hang mich über die Mög­lich­keit be­lehr­te, in Kürze einer so genannten Früh-Fick-Party bei­zuwoh­nen, welche ich, wie auch die tags da­rauf an­ge­bo­tene Cock­sucker-Party, un­ge­nutzt ver­streich­en ließ. Was wohl - ne­ben den von mir ge­schätz­ten Grund­sätzen der kirch­lich­en Sexual­moral - auch der ob­li­ga­to­risch­en Nicht-An­we­sen­heit von Frau­en zu verdanken war. Bedenken in Bezug auf die ebenfalls geforderte Lack- und Ledergarderobe blieben damit gänzlich unbeansprucht.

In Ge­dan­ken an die illus­tre Nach­bar­schaft und in ban­ger Er­war­tung, die Tore der Bischofs­kir­che könnten ver­schlossen sein, über­querte ich den Vor­platz. Das Haupt­por­tal war in der Tat ver­schlos­sen. Ein klei­ner weißer Zet­tel aber ver­wies mich an die ge­öffnet­en Sei­ten­por­tale. Nach ein paar Schritten hatte ich den Tür­griff in der Hand und zog das Tor zur Kir­che auf.

Das lichte Weiß der Wände und das war­me Grau des Bo­dens fielen mir zu­erst ins Au­ge, wie auch die über­schau­ba­ren Di­men­sio­nen der Ka­the­dra­le. Im Haupt­schiff zog mit Gold und Licht die Ap­sis mei­nen Blick auf sich. Das Tauf­becken in der Mitte der Kirche war ein schö­nes Detail auf dem Weg zum Altar­raum wie auch einige vom Putz der letz­ten Jahr­zehnte be­freite Wand­ma­ler­eien unter der Decke. Ich setz­te mich in eine der vor­deren Bank­reihen im Haupt­schiff und be­trach­tete still den Altar­raum.

Beim Gang durch das Haupt­schiff hatte ich er­folg­los nach dem Ort aus­geschaut, an dem der Leib des Herrn auf­be­wahrt wird. Da ich annahm, der Herr würde sich, wenn schon nicht im Flucht­punkt sei­nes Hau­ses, dann doch zumindest irgendwo in dessen Mitte auf­hal­ten, erwies ich meine Re­fe­renz in Rich­tung des Kreuz­es, welches einige Me­ter vor dem Altar in der Luft hing. Doch auch nach­dem ich den Altar­raum lange ge­mus­tert hatte, deutete mir nichts auf die Gegen­wart hin, in der ich hatte Beten wollen. Das bekümmerte mich sehr.

Je länger ich über die Ge­stal­tung des Al­tar­raumes nach­dach­te desto mehr be­dau­erte ich die Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit der Ge­gen­stän­de und das Feh­len ei­nes kla­ren Be­zugs­pun­ktes im Herrn. Der Raum blieb einfach unter seinen Mög­lich­keiten, mir meine Be­geg­nung mit Gott zu er­leich­tern. Ich muß­te daran den­ken, wie der Zweck heute oft den Bau dik­tiert und nicht der Sinn, wie ja auch an vielen Or­ten das Tun und nicht das Ri­tual den Gottes­dienst be­stimmt. Immer­hin ent­deck­te ich den Herren­platz, als ich den Dom verließ, im Seiten­schiff.

Auf der Langen Reihe wurde ich dann von einem Herrn und zwei älteren Damen angesprochen, die mich in der Kirche belauscht hatten, als ich dem Verlangen nachgab, mit der Kirche zum Herrn zu beten. Da es in der Zeit der Geburt war, hatte ich die Eingangsverse der ersten und dritten Messe seines Geburtstages gesungen, und danach das Proprium der Votivmesse des allerheiligsten Sakramentes des Altares, das Sanctus der elften Messe und das Credo drei.

Obwohl ich einen Moment abgewartet hatte, den ich mit der Kirche allein war, ließ es sich nicht verhindern, daß vereinzelt Besucher während des Gesanges den Dom betraten, was mich in Verlegenheit brachte, da ich weder auf­dringlich, noch un­an­ge­nehm, noch per­sönlich in Er­schei­nung treten wollte. Daß ein plötz­lich an­we­sen­der Pries­ter auf mich zu kam, als ich mich vom Sin­gen hin­setz­te, und mich auf­for­der­te, doch bitte weiter­zu­singen, freute mich, wie auch die ver­streu­ten Besucher des Doms, die nach ihrem Rund­gang in den Bän­ken Platz ge­nom­men hatten. Unter diesen auch die drei, die mich auf der Langen Reihe ansprachen, und mich durch Komplimente in Verlegenheit brachten.

Die beiden Damen und der Herr äußerten sich begeistert über den Gesang in der Kirche. Sie hätte stundenlang zuhören mögen, erklärte die eine der Damen und die andere fragte, was das bloß für Musik gewesen sei, noch nie hätten sie soetwas gehört. Das, sagte ich, möglichst selbstverständlich, ist die Musik der Kirche seit Jahrhunderten, das Einstimmen des Menschen in den Chor der Engel, das gesungene Wort Gottes, wie seit den Tagen des ersten Tempels: der gregorianische Choral. In wenigen Worten suchte ich zu erklären, was hier unbekannt war, und durfte dann, von Segenswünschen begleitet, meinen Weg fortsetzen. Ich aber wunderte mich sehr. Sollte es wirklich möglich sein, daß sie nie davon gehört hatten?

Kommentare:

curioustraveller hat gesagt…

Sehr schöner Artikel! Was die "illustre Nachbarschaft betrifft": Wenn das mal nicht einer der Orte ist, an den die Kirche hingehört... Das erinnert mich an Jesus, der die Pharisäer links liegen ließ (wenn er gerade nicht mit ihnen stritt...) und sich den Zöllnern, Prostituierten und Ausgestoßenen zuwandte.

Tiberius hat gesagt…

Vielen Dank! Auch ich habe darüber nachgedacht und bin der gleichen Meinung.

Der Platz der Kirche ist bei den Sündern und den Scheinheiligen, die beide der Vergebung bedürfen. Der Sünder, der sich als solcher begreift, ist dem Herrn und damit der Erlösung einen Schritt näher als der Scheinheilige, der immer noch glaubt, sich selber heilig zu machen.

In St. Georg ist es nun wahrscheinlicher, auf Sünder zu treffen als auf Scheinheilige, und in den feinen Gegenden ist es wohl anders herum.