Donnerstag, 11. September 2008

Auf dem Boden der Bisexualität

"Nun sind sie bereits vorbereitet darauf, daß auch die Psychologie das Rätsel der Weiblichkeit nicht lösen wird. Diese Aufklärung muß wohl anderswoher kommen und kann nicht kommen, ehe wir erfahren haben, wie die Differenzierung der lebenden Wesen in zwei Geschlechter überhaupt entstanden ist. Nichts wissen wir darüber und die Zweigeschlechtlichkeit ist doch ein so auffälliger Charakter des organischen Lebens, durch den es sich scharf von der unbelebten Natur scheidet. Unterdes finden wir an jenen menschlichen Individuen, die durch den Besitz von weiblichen Genitalien als manifest oder vorwiegend weiblich charakterisiert sind, genug zu studieren. Der Eigenart der Psychoanalyse entspricht es dann, daß sie nicht beschreiben will, was das Weib ist, - und das wäre eine für sich kaum lösbare Aufgabe, - sondern untersucht, wie es wird, wie sich das Weib aus dem bisexuell veranlagten Kind entwickelt. Wir haben darüber einiges in letzter Zeit erfahren, dank dem Umstande, daß mehrere unserer trefflichen Kolleginnen in der Analyse begonnen haben, diese Frage zu bearbeiten. Die Diskussion darüber hat aus dem Unterschied der Geschlechter einen besonderen Reiz bezogen, denn jedesmal, wenn eine Vergleichung zu Ungunsten ihres Geschlechts auszufallen schien, konnten unsere Damen den Verdacht äußern, daß wir, die männlichen Analytiker, gewisse tief eingewurzelte Vorurteile gegen die Weiblichkeit nicht überwunden hätten, was sich nun durch die Parteilichkeit unserer Forschung strafte. Wir hatten es dagegen auf dem Boden der Bisexualität leicht, jede Unhöflichkeit zu vermeiden. Wir brauchten nur zu sagen: Das gilt nicht für Sie. Sie sind eine Ausnahme, in diesem Punkt mehr männlich als weiblich.”

Siegmund Freud - Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

(1) «Les structures plus profondes et cachées du monde empirique correspondent aux lois de l'esprit. Ce sont les dons et les charismes qui déterminent et normalisent le psychique et le physiologique. Ce n'est pas parce que dans son corps, la femme est apte à enfanter, qu'elle est maternelle, mais c'est de son esprit maternel que vient la faculté physiologique et la correspondance anatomique.» (Paul Evdokimov, La femme et le salut du monde, Paris 1958, S. 14; zitiert nach Tomáš Špidlík SJ [seit Oktober 2003 Kardinal], L'idée russe. Une autre vision de l'homme, Troyes 1994, S. 256.)

(2) «Nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae fuit.» (Seneca, de tranquillitate animae XVII 10, mit Zuschreibung an Aristoteles.)

(3) KKK 2352.

Georg hat gesagt…

klingt sehr nach Selbstanalyse. Freud's Biographie ist ja da ziemlich aufschlussreich;

Tiberius hat gesagt…

ad Anonym:

ad 1: Ein interessanter Gedanke, dem ich spontan beipflichten möchte, auch wenn ich den "Zusammenhang der Struktur der empirischen Welt mit den Gesetzten des Geistes" noch weiter bedenken muß. Mich interessiert indes genauer, was in diesem Zusammenhang mit den "Gesetzen des Geistes" bezeichnet ist.

ad 2: Ja.

ad 3: Die Kirche ist auch dort im Recht, wo es schwer sein kann, ihr zu folgen. Leider entsteht bei vielen schnell der Eindruck, daß die Kirche, die das Lustprinzip als Handlungsmaxime zu recht ablehnt, selbst lustfeindlich wäre. Ich halte es deshalb für geboten, immer wieder darauf zu verweisen das die Kirche auch die Lust bejaht, wenn sie nur mit Verantwortung gepaart ist.

Lupambulus Berolinen. hat gesagt…

(2) ist gemeint als unmittelbarer Kommentar zu (1), näherin zu der Phantasterei «Ce n'est pas parce que...».
(3) ist ein dezenter Hinweis auf meine Analyse solcher Texte: mollities mentalis.

Hinzugefügt sei (4): Wieso «fragmenti»? «O tempores o mores...»

Tiberius hat gesagt…

ad Lupambulus Berolinen:

Ich muß leider sagen, daß ich den ersten Kommentar mißverstanden habe. Die geforderten Assoziationen waren für mich nicht zu leisten.

Die von Freud vorgetragene Position halte ich aus verschiedenen Gründen für bedenkenswert. Zu den Gründen gehört, daß Freud, wenn ich mit seinen Antworten auch nicht zufrieden bin, zumindest Fragen stellt, die auch heute noch relevant sind, wie zum Beispiel die nach dem biologischen und dem sozialen Geschlecht des Menschen, und daß er darüberhinaus eine Geisteshaltung verkörpert, die für das 20. Jahrhundert in vielen Teilen symptomatisch ist und die bei mir auf ein gewisses historisches Interesse stößt.

Elsa hat gesagt…

Bisexuelle Kinder?
Ich weiß nicht ... Wollten kleine Mädchen nicht immer ihren Vater heiraten? Also ich kenne keines, das seine Mutter heiraten wollte ...
*versteht wahrscheinlich wieder irgendwas falsch*