Dienstag, 11. November 2008

Versammlung der Atlantischen Gesellschaften

Am Mon­tag fol­ge ich der Ein­ladung eines Freun­des zur Er­öffnung der General­ver­sammlung der At­lan­tisch­en Ge­sell­schaf­ten im Ho­tel Ad­lon am Pa­riser Platz. Frau Bun­des­kanz­ler Mer­kel und NATO-Ge­ne­ral­se­kre­tär de Hoop Scheffer sind als Red­ner an­ge­kün­digt. Als ich ankomme ist der gro­ße Saal be­reits voll­ständig be­legt. Nur auf der Em­pore ist noch Platz zum Stehen. Staats­se­kre­tär Schmidt be­grüßt die Kanz­lerin und Frau Merkel hebt an: "Sehr ge­ehr­ter Herr Par­la­men­ta­risch­er Staats­se­kre­tär, lieber Christian Schmidt," und an die Ad­resse des Prä­si­den­ten der Ver­ei­ni­gung der At­lan­tisch­en Ge­sell­schaften, "lie­ber Kollege Dok­tor Karl A. Lamers". - Lieber Karl A. Lamers? Ich stutze - und nehme mir vor, Mangels ei­nes Mit­tel­na­mens die Kanz­lerin zu ei­nem spä­te­ren Zeit­punkt mit Frau Bun­des­kanzler A. Merkel an­zu­sprech­en, fin­de den Ge­danken dann aber doch zu ab­surd.

Frau Merkel schlägt ei­nen Bo­gen - vom Ad­lon über das Bran­den­bur­ger Tor zu Ronald Reagans "tear down this wall" und von dort zum neu­ge­wähl­ten Prä­si­den­ten der Vereinigten Staaten von Amerika wie zur Bedeutung von Koa­li­tio­nen und Ko­opera­tionen in der in­ter­na­tio­nalen Politik. Die Kanzlerin bekennt sich zum Dialog mit Russland und beschwört die Verbündeten, sich in diesem Dialog nicht spalten zu lassen. Frau Merkel spricht lange über Af­gha­nis­tan. Sie glaubt, daß der Erfolg der Mission über das Ansehen des Bündnisses in der Welt entscheidet. Ohne Aufbau könne es keine Sicherheit geben und ohne Sicherheit keinen Aufbau. Sie warnt vor überzogenen Erwartungen. Ziel der Mission müsse es sein, selbsttragende Strukturen zu schaffen, die in Af­gha­nis­tan Sich­er­heit ge­währ­lei­sten. Ein west­lich-mo­der­nes Ge­sell­schafts­sys­tem sei dabei nicht zu erwarten.

Die Rede der Kanzlerin ist gut, aber nicht besonders aufregend. Mein Blick schweift durch den Saal und bleibt am Gesäß einer jungen Frau hängen, die vor mir steht. Ich weiß, daß es ungebührlich ist - und wende mich nicht ab. Es ist ein Verhalten, das ich normalerweise einer gewissen Überspanntheit meinerseits zuschreiben würde, in diesem Fall jedoch der Hand ihres Begleiters, die sich von dort recht offen mit festem Griff an ihren Schritt massiert. Kurze Zeit fühle ich mich so, als ob ich etwas tun müsste. In Gedanken spiele ich Mög­lich­kei­ten des Ein­grei­fens durch, verwerfe sie am Ende aber alle. Ich belasse es bei einem Kopfschütteln und einem Foto. Offen­bar hatte ich die Wir­kung des Vor­trags auf an­dere völ­lig unter­schätzt.

Nach der Kanzlerin tritt NATO-Generalsekretär de Hoop Scheffer ans Pult. Er spricht über verschiedene Herausforderungen der Weltpolitik: Wirtschaft, Afghanistan, Irak und Klimawandel. Zur Mitte seines Vortrags - die Stimmung vor mir ist merklich abgekühlt - verlasse ich die Empore und erwarte das Ende der Rede an der nächstgelegenen Bar. Die Saaltüren öffnen sich. Das Publikum strömt heraus. Man steht in kleinen Gruppen zusammen. Ich sage einem alten General guten Tag, trinke meinen Wein, verabschiede mich bei Freunden und laufe durch das Brandenburger Tor zurück nach Kreuzberg.

Kommentare:

Nikodemus hat gesagt…

Du wohnst in Kreuzberg? - das hätte ich nicht gedacht :)

Ziel der Mission müsse es sein, selbsttragende Strukturen zu schaffen, die in Af­gha­nis­tan Sich­er­heit ge­währ­lei­sten. Ein west­lich-mo­der­nes Ge­sell­schafts­sys­tem sei dabei nicht zu erwarten.
Na, das hört sich doch mal gut an. Ihr Redenschreiber hatte einen lichten Moment. Wie auch immer - das wäre ein Programm, das umsetzbar wäre. Allerdings bedürfte es dann des Mutes, auch wirklich ein nichtdemokratisches, aber dem Westen wohlgesonnenes System zuzulassen...

Tiberius hat gesagt…

Ich bin froh, daß der zivilgesellschaftliche hinter den staatlichen Aufbau zurücktreten wird, nicht weil ich denke, daß der zivilgesellschaftliche Aufbau im Grunde Unsinn wäre, sondern weil ich davon ausgehe, daß die Sicherheit, die für jeden weiteren Aufbau Voraussetzung ist, nur durch staatliche Strukturen hergestellt werden kann.

Die Absicht, nach dem "Bottom-up"-Prinzip, den neuen Staat aus einer modernisierten Gesellschaft hervorgehen zu lassen, verlangte nach einem Zeitrahmen, der die Bereitschaft der westlichen Welt überfordern muß. Der Versuch, die afghanische Gesellschaft an den bestehenden Machtstrukturen vorbei zu modernisieren, muß scheitern. Der Versuch, bestehenden Machtstrukturen durch eigene zu ersetzen, hat keine Aussicht auf Erfolg.

Ich gehe davon aus, daß Afghanistan als Partner der westlichen Welt mit einingen Instituten des demokratischen Rechtsstaates ausgestattet wird. Allgemeine und geheime Wahlen werden mit Sicherheit dazu gehören. Wer, was, warum wählt wird man dann schon nicht mehr so genau wissen wollen. Die Form aber wird gewahrt und das ist im politischen Verkehr zunächst entscheidend.