Mittwoch, 15. September 2010

Nachtrag: Zwei Tage auf dem Hülfensberg

Vor mehr als einem Jahr bin ich mit dem Palestrina-Ensemble auf eine Konzertreise gefahren. Im Gepäck hatten wir die Missa Pange Lingua von Josquin Desprez. Gesungen haben wir im Dom zu Nordhausen, bei den Franziskaner in Fulda und auf dem Hülfensberg. Die Franziskaner waren so freundlich, uns für zwei Tage bei sich aufzunehmen. Die Aussicht, in einem Kloster untergebracht zu werden, reizte auch jene Mitglieder des Ensembles, die wenig bis nichts mit der Kirche verbindet. Was würde uns dort erwarten? In einem Kloster, unter Mönchen.

Ich mag naiv gewesen sein, aber wenn ich damals die Worte Kloster und Mönch hörte, dann zogen Bilder durch meinen Kopf, von Männern in dunklen Kutten, die durch helle Kreuzgänge wandeln, sich zum Gebet im Chor versammeln und in schmalen Zellen dicke Bücher lesen, das ganze unterlegt mit Klängen von lateinischen Antiphonen und Psalmen. Die Begegnung mit einem Mönch, so dachte ich damals, müßte wie die Begegnung mit einem fremdartigen Wesen sein, einem fast Außerirdischen, der zwar in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt ist.

Was wir auf dem Hülfensberg vorfanden, war etwas anderes: eine Art Jugendherberge, die von vier freundlichen, alten Männern in Strickjacken, Cordhosen und Latschen betreut wurde. Von den zwei Tagzeiten, die auf dem Terminkalender standen, Laudes und Vesper, fielen am Samstag beide aus. Ein soziales Theaterprojekt hatte die entsprechenden Ressourcen anscheinend schon verbraucht. Den feinen braunen Habit der Mönche bekamen wir dann auch nur - schnell übergeworfen - als Teil der Inszenierung "Die Wallfahrtsgruppe erreicht den Hülfensberg" zu Gesicht.

Anders als auf dem Hülfensberg schienen die Franziskaner auf dem Frauenberg in Fulda durchweg mit Habit unterwegs zu sein - zumindest im Inneren des Klosters. Einen jungen Mann, der mit Jeans und Einkaufstüten am Bruder Pförtner vorbeimarschierte traf ich wenig später auf dem Gang mit seiner Kutte an. Er hatte sich, wie wohl auch die franziskanischen Märtyrer, die den Innenraum der barocken Klosterkirche als Figuren säumten, beim Betreten des Klosters umgezogen.

Über den Choral hörte ich von Mönchen nur, daß man im Noviziat, Anfang der siebziger Jahre noch davon gehört habe, die Pflege des Chorals aber dann zu anstrengend und zeitraubend gewesen sei, um sie fortzuführen. Daß wir die Missa Pange Lingua mit dem Proprium des Fronleichnamsfestes darboten, rief demnach durchaus Zurückhaltung hervor. Daß wir in der Anordnung der Gesänge dem Verlauf der Messe folgten, war da nur eine weitere, nebensächliche Feinheit, wie etwa der Unterschied zwischen der Mensa und der Blumenbank eines Hochaltars.

Am Ende waren alle überrascht, wie weit die Wirklichkeit des Klosterlebens von unseren unbedarften Vorstellungen abwich.

Kommentare:

Giovanni hat gesagt…

noch viel weiter, als du hier beschreibst, glaub mir, Tiberius......

Tiberius hat gesagt…

Warum?