Dienstag, 4. August 2009

Gut, daß wir gesprochen haben!

Ortsvorstandssitzung. Ein Weinlokal in Mitte. Ich komme von der Arbeit. Vor dem Eckhaus sitzen Gäste in der Abendsonne. Der Vorstand tagt im Keller. Auf dem Weg zur Treppe laufe ich am Tresen vorbei. Den Mann hinter der Bar beachte ich nicht. Ich bin spät dran, habe eine Stunde Zeit und keine Lust, etwas zu bestellen.

Das Gewölbe ist dunkel. Der Vorstand sitzt um einem langen Tisch, der Vorsitzende in der Mitte, etwa fünfzehn andere um ihn herum. Nach einer kurzen Begrüßung setze ich mich etwas abseits an das kurze Ende des Tisches und überblicke die Anwesenden. Viele Gesichter sind mir bekannt, nur wenige vertraut.

Links neben mir sitzt der Leiter des Gesprächskreises Innere Sicherheit. Er ist Anfang dreißig. Die Haut ist blaß, das dunkle Haar nach links gekämmt, der Nacken ausrasiert. Das Gesicht umrahmt ein dünner Bart. Der Blick geht hart in die Runde. In seinen Fingern hält er einen dicken Stapel Papier.

Den Bericht des Vorsitzenden habe ich verpaßt. Der Wahlkampfleiter des Kreises ist zugegen. Es wird über Termine gesprochen: Was wird wo und wann, von wem, an welchem Tag gemacht. Eine Übersicht wird herumgereicht. Die Termine werden einzeln angesprochen.

Am gegenüberliegenden Ende des Tisches meldet sich ein älterer Herr zu Wort. "Lieber Dieter, Deine Veranstaltung soll doch im Café Y. stattfinden. Bitte versteh das jetzt nicht als Kritik, aber zu unserer letzten Veranstaltung war dort so wenig Platz, daß die Hälfte der Gäste draußen bleiben mußte."

Dieter Sch., ehemaliger Vorsitzender des Ortsverbandes, atmet heftig. Also man hätte ja, und das Café, und sowieso. Und wie käme er denn eigentlich. Man habe doch, nein, kein Problem, das ganze Café. Ja, er, für den Fall, gemietet, aber doch. Das sei noch immer, wie immer. Er habe Erfahrung. Der Wahlkampf, die Erfahrung, die Organisation, das Café, kein Problem, ja, kein Problem.

Die Sitznachbarn beschwichtigen Sch. Die Aufregung bleibt. Der Herr von der anderen Ecke des Tisches windet sich. Er habe es doch nicht so gemeint. Dieter sei mal wieder voll eingestiegen. Ausdrücklich hingewiesen habe er darauf, ja darum gebeten, das nicht als Kritik aufzufassen. Ein kurzer Wortwechsel. Der Wortschwall verebbt. Die Sitzung kann fortgesetzt werden.

Wir sind immer noch bei den Terminen. Die Termine sind bis November eingeteilt. Jede Woche bekommt einen Termin.

Der Leiter des Gesprächskreises Innere Sicherheit meldet sich. Er beugt sich weit über den Tisch. Er habe da mal eine Frage. Die Termine seien ja jetzt auf die Wochen verteilt. Was aber wäre denn nun, wenn der Gesprächskreis Innere Sicherheit, der ja immer besonders aktiv sei, noch eine Veranstaltung machen wollen würde. Müßte der dann bis Dezember warten. Da würde er sich aber ungerecht benachteiligt fühlen.

Der Ortsvorsitzende versucht ein freundliches Gesicht. Aktivitäten wolle man ganz sicher nicht bremsen. Je mehr, desto besser. Ob er denn schon einer Veranstaltung im Blick habe. Ja, läßt uns der Fragesteller wissen, da sei noch nichts geplant. Da er aber im November sein letztes Staatsexamen ablege, werde er auch sicher keine Zeit dafür haben. Erst im Dezember könne er dann die rege Arbeit seines Gesprächskreises wieder aufnehmen.

Ich verlasse das Lokal nach einer Stunde. Die Sitzung geht weiter. Draußen scheint die Sonne. Gut, daß wir gesprochen haben.

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Welche Partei ist das denn???

Arminius hat gesagt…

Ich rate da mal mit. Die SED wird es sicherlich nicht sein. Rote, Grüne und Blaue scheiden wegen ihrer kirchenfeindlichen Grundeinstellung aus. Merkels CDU seit ihren Ausfällen gegen den Papst ebenfalls.

Da bleibt nicht mehr viel übrig. Vielleicht ist es doch keine Partei.

Tiberius hat gesagt…

Im Grunde könnte es wohl jede Partei sein. "Merkels CDU" gibt es für mich nicht. Ich habe nicht ihretwegen angefangen, Politik zu machen, und werde auch nicht ihretwegen aufhören. Auch für Frau Merkel wird es andere Zeiten geben.

Der ganz normale Wahnsinn des Parteilebens: die Soziopathen und Profilneurotiker, die sich vor allem selber gerne reden hören; die nur über große Dinge sprechen, kleine aber nicht tun wollen, die machen mir mehr zu schaffen.