Mittwoch, 24. August 2011

Gibt es ein Verfallsdatum für Ablassbriefe?

Die Städte Rom, Aachen, Santiago und Jerusalem dürften eigentlich jedem bekannt sein. Einige könnten diese Städte auch in einer Reihe stellen. Es sind die vier begehrtesten Pilgerziele des Mittelalters. - Was mich zu der Frage führt: Wer kennt eigentlich Bad Wilsnack?

Denn zwischen der Mitte des 14. und des 16. Jahrhunderts war die Wunderblut-Kirche in Wilsnack nicht weniger als das bedeutendste Pilgerziel Nordeuropas und stand damit immerhin auf Platz fünf der begehrtesten Pilgerziele. Hunderttausende Pilger kamen jedes Jahr. Um dem Ortsunkundigen eine ungefähre Verortung zu ermöglichen: Wilsnack liegt etwa in der Mitte zwischen Hamburg und Berlin.

Der Pilgerweg von Berlin nach Wilsnack gehört auch zu einem der vielen Wege nach Santiago de Compostela. Er beginnt an der alten Kapelle des Heilig-Geist-Hospitals unweit des Berliner Fernsehturms und endet an der Kirche St. Nikolai in Wilsnack, in der - bis sie ein Pfarrer nach der Reformation einäscherte - drei "Blutwunderhostien" aufbewahrt wurden .

Aus einer Urkunde des Domstiftsarchives Brandenburg vom 15. März 1384 entnehme ich, daß die Kirche damals Ablässe von 40 Tagen gewährt: für den Besuch von Wilsnack und des dortigen Allerheiligsten, für das Umschreiten des Kirchhofes und für das Beten mit gebeugtem Knie vor dem Schrein der "Blutwunderhostie" - für jede Meile des Weges wurde zudem ein Ablass für einen Tag gewährt.

Da die "Blutwunderhostie" zerstört wurde und die "Wunderblutkirche" St. Nikolai seit der Reformation kein Allerheiligstes mehr beherbergt, frage ich mich, ob nicht nach wie vor das Umschreiten des Kirchhofes einen Ablass von 40 Tagen und jede Meile des Weges einen Ablass von einem Tag bewirken kann. Wer kann da helfen?

Mir ist schließlich nicht bekannt, daß einer der Ablässe aufgehoben wäre oder gibt es soetwas wie ein Verfallsdatum für Ablassbriefe? Im Übrigen ist es allein der Evangelischen Landeskirche zu verdanken, daß der alte Pilgerweg nach Wilsnack Stück für Stück wiederbelebt wird. Lohnende Stationen am Wegesrand gibt es mittlerweile viele. Warum sollte die Kirche nicht auch ein lohnendes Ziel spendieren.

Kommentare:

U. hat gesagt…

Mit dem Enrichidion Indulgentiarum sind mW alle anderen Ablässe aufgehoben worden.
Die Kirche hat mir Binde- und Lösegewalt auch dieses Recht.

ultramontanus hat gesagt…

Ich wurde auf Folgendes hingewiesen:

PAPST PAUL VI.

APOSTOLISCHE KONSTITUTION ÜBER DIE NEUORDNUNG DES ABLASSWESENS (1967)

N. 15.
[...]
Die sonstigen an Kirchen oder Oratorien gebundenen Ablässe werden möglichst bald überprüft werden.

[...]

Die Überprüfungen gemäß den Normen 14 und 15 müssen innerhalb eines Jahres der Heiligen Apostolischen Pönitentiarie vorgelegt werden. Nach Ablauf von zwei Jahren nach dem Datum dieser Konstitution verlieren alle Ablässe, die bis dahin nicht bestätigt werden, ihre Gültigkeit.

Braut des Lammes hat gesagt…

Ich hätte das mit dem fehlenden Allerheiligsten jetzt so ausgelegt, daß es dann unmöglich ist, die Ablaßbedingungen zu erfüllen.

magdi hat gesagt…

Oh ja, die Blutwunderkirche kenn ich, dorthin haben wir mit der Pfarrjugend vor Jahren mal ne kleine Wallfahrt gemacht, mit unserem damaligen Kaplan.
War sehr beeindruckend.

Anonym hat gesagt…

Der Wallfahrtsort Wilsnack war aber schon im frühen 15. Jahrhundert nicht unumstritten.

So etwa (paraphrasiert) Nikolaus von Kues, der hier vor allem auch Gewinnstreben des Havelberger Bischofs am Werke sah, und der als päpstlicher Legat Wallfahrten zu Bluthostien verboten hat: Die Menschen sollen lieber die Hl. Eucharistie in ihrer Pfarrkirche anbeten, da ist der Hl. ganz sicher vertreten...

Tiberius hat gesagt…

Vielen Dank! Jetzt bin ich schon viel schlauer. Das Enrichidion Indulgentiarum und das Indulgentiarum doctrina ist ja wirklich interessant zu lesen.

Wenn das Wetter in den nächsten Tagen etwas besser wird, fahren wir vielleicht eine kleine Strecke des Weges nach Wilsnack mit dem Rad. Auf dem Weg gibt es viele mittelalterliche Dorfkirchen.

Tiberius hat gesagt…

Die Formen spätmittelalterlicher Frömmigkeit sind sicher zu Recht mit Vorsicht zu genießen. Feuer- und wasserfeste, blutende Hostien soll es in Brandenburg in größeren Stückzahlen gegeben haben.

Ich für meinen Teil bin geneigt, die Einschätzung und die Haltung des Cusanus zu teilen.