Mittwoch, 22. Juli 2009

Kathedrale Metamorphosen in Berlin St. Hedwig

Am Sonntag schaue ich noch in St. Hedwig vorbei. Aus der Kathedrale strömen die Besucher der 12 Uhr Messe. Auf den Stufen liegt eine junge Bettlerin mit ihrem Säugling. Sie streckt die Hände aus. Ihr Kinderwagen steht ein paar Meter weiter. Im Inneren verklingen die letzten Takte des Orgelnachspiels. Ein schwacher Applaus brandet auf. Ich setze mich auf eine Bank. Minuten verstreichen. Ein Mann in Soutane - vielleicht der Küster des Doms - hängt rote Kordeln vor die Gänge. Er winkt mir zu: Ich möge bitte hinter die Absperrung treten. Der Postkartenständer ist auf dem Weg. Der Tisch für die Auslage steht schon. Ein junger Mann sitzt daran. Auf einem Schild lese ich:"Die Unterkirche nur zum stillen Gebet betreten." Offen wie eine Grube liegt sie vor mir. Ich steige hinab und setze mich vor das Allerheiligste. Fast bin ich allein. Ein Mann schreitet um mich die einzelnen Kapellen ab. Er kommt aus Asien. Nach ein paar Runden dreht er ab und läßt mich allein zurück.

Oben ist es jetzt ruhig. Unten bin ich allein. Ich stehe vor dem Altar des Herrn. Ihm zu Ehren hebe ich an, den Hymnus Pange lingua zu singen. Er hat sechs Strophen. Bei den Worten "in supremae nocte coenae" geraten die Dinge oben in Bewegung. Ein junges Paar späht von der Treppe nach mir. Zu "fitque sanguis Christi merum" sehe ich den Küster die Treppe heruntereilen. Ich singe "tantum ergo Sacramentum" und verstumme als er neben mir zum Stehen kommt. Ein kurzes Gespräch entsteht. Der Ton ist freundlich, zuvorkommend. Ich möge doch bitte Verständnis haben. Er würde mir eine der Kapellen aufschließen. Dort könne ich mein stilles Gebet verrichten. Er meine es auch nicht böse. Oben aber wären jetzt Touristen, die durch meinen Gesang nicht behelligt werden sollten. Der Dom wird besichtigt. Ich lehne sein Angebot ab, höflich, und gehe - nachdenklich.

Kommentare:

Katholik hat gesagt…

Tja! Sieh es dem Küster nach, wahrscheinlich hat er nie im Leben ein lateinisch gesungenes "Pange lingua" gehört und dachte, das sei ein schamanisches Beschwörungsritual oder so...
Schon traurig, aber da sieht man die Prioritäten: zuerst der museale Tourismus, dann das Gotteshaus! Ob der Küster mit genauso großem Eifer z.B. auf die ordentliche, der Würde des Gotteshauses angemessene Kleidung der Touristen achtet?

Stanislaus hat gesagt…

Boah, das ist ja mal eine Begegnung: "Entschuldigen Sie, ist es gestattet, hier zu beten?"

Braut des Lammes hat gesagt…

Das Schild bat höflich: "zum stillen Gebet". Wer schon mal versucht hat, am nämlichen Ort zum Beispiel zur sakramentalen Aussetzung etwas Stille zu finden, versteht den Küster, der übrigens ein sehr fähiger Mensch ist und natürlich auch das Tantum ergo kennt.

Tiberius hat gesagt…

Hätte der Küster die Stille mit dem Hinweis auf einen anderen Beter eingefordert, hätte ich es sofort verstanden. Andere Beter aber gab es nicht. Der Hinweis auf die Touristen hat mich hingegen sehr betrübt.

Betonen möchte ich, daß der Küster freundlich und in seiner Bedrängnis gradezu liebenswürdig war. Am meisten hat ihn wohl die Störung des geordneten Ablaufs zu schaffen gemacht. Singen stand einfach nicht auf dem Programm, ein Tourist der in der Unterkirche seine Runden um mich dreht, schon.

Über den Applaus und das Ausräumen der Bänke zum Ende des Orgelnachspiels ließe sich auch das eine oder andere sagen.

Braut des Lammes hat gesagt…

Teilweise sind das Dinge, die den Küster auch stören, die er aber letzlich nicht in der Hand hat. Die Bemerkung, daß er a.a.O. auch tagtäglich mit Leuten zu tun hat, deren Geisteszustand von leicht eigenartig bis hin zu regelrecht gemeingefährlich reichen kann, hatte ich mir vorhin gespart. Es ist möglich, daß er sich einfach nicht sicher war - schließlich kennt er dich nicht.

Andere Beter gab es nicht, es hätten aber jederzeit welche kommen können - auch in die Oberkirche. Ist es denn wirklich zuviel verlangt, an einem Ort, der "stilles Gebet" wünscht, wirklich auch einmal still zu sein? Diese Frage richtet sich nicht nur an Dich, sondern auch an den Touristen und all diese hier http://brautdeslammes.blogspot.com/2008/06/tyrannosaurus-visitarii.html

Tiberius hat gesagt…

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, mir ist schon klar, das mein Verhalten aufdringlich und unverfroren war. Ich bin wohl eher so was wie ein Kirchen-Punk.

Es kommt bestimmt nicht wieder vor. Vielleicht ist es ja auch naheliegend, von einem lateinischen Hymnus auf einen unsicheren Geisteszustand zu schließen.

Was mich befremdete, war nicht die Aufforderung, endlich Ruhe zu geben, sondern die Begründung, ich könnte damit die Touristen stören.

Phil hat gesagt…

Jepp, erstaunt mich auch. Erstens hast Du ja ein gut ausgebildetes Organ - ist ja nicht so, daß durch die Heiligen Hallen ein schiefes, ohrenbetäubendes Pange Lingua dröhnte, zweitens denke ich nicht, daß Du derart laut singst, daß in der Kirche keinerlei Unterhaltung mehr möglich war und drittens (und das ist eigentlich mein wichtiger Punkt) hätte man das richtig verkaufen und in die Führung mit einbauen können. "Wie Sie hören, haben Sie heute das Glück, Alte Kirchengesänge in Reinstkultur zu erleben". Knaller! Ich hätte mich gefreut.

Vox Coelestis ............................... hat gesagt…

Kleiner Tipp: Posaune, Psalter, Harfe, Handpauken, Saiteninstrument, Schalmai und Zimbel einpacken, in die Kathedrale einrücken, spielen und sich dabei auf Psalm 150 berufen.

Nebenbei: Mit einigen Freunden wäre ich beinahe mal aus der (heute ja angelikanischen) Kathedrale von Canterbury rausgeflogen, nachdem wir daselbst die Allerheiligenlitanei intoniert hatten. Heute muß ich den heiligenverehrungskritischen Anglikanern wohl Abbitte leisten, da man in katholischen Kathedralen offenbar nicht mal mehr Pange lingua singen darf.

Stanislaus hat gesagt…

Mir fällt da noch was zu ein: In Rom hat mich immer das ewige Kanon-Singen deutscher Pilgergruppen an den heiligen Orten genervt. Da stand man mal vor dem Titulus oder sonstwo, und schon ging's los: "Lobet uns preiset ihr Völker den Herrn ...!"

Furchtbar!