Mittwoch, 17. Juni 2009

Der Gott des Alten Testamentes

Heute, nach dem Blick in Otto Kaisers "Der Gott des Alten Testamentes", beschleichen mich ganz ökumenische Gefühle.

Der moderne Mensch, schreibt Kaiser treffend, wolle von der Theo­logie auf dem Feld der Re­li­gion und Sitt­lich­keit nicht über­redet, sondern - wer hätte es gedacht - mit Grün­den über­zeugt werden. Die moder­ne Sub­jek­ti­vi­tät stehe in der Spannung, aus sich selbst heraus sein zu wollen und es letzt­lich doch nicht zu können, weil sie weder über die ihr selbst vor­ge­ge­bene eigene Existenz noch über deren natür­liche Voraus­setz­ung ver­fügt. Die Aufgabe der Theo­logie sei es, zu er­wei­sen, "daß der Glaube an Gott als den Grund von Welt und Existenz die Sub­jek­ti­vi­tät nicht knechtet, sondern von ihren Wider­sprüchen be­freit und daher voll­endet".

Die christliche Kirche - zumal in ihrer protestantischen Ausformung - besäße nur eine geringe Anziehungskraft, weil sie in dem Ruf stünde, keinen lebendigen Zugang zur Transzendenz zu vermitteln. Es gelänge ihr immer weniger, die in ihrer Tradition kristallisierte Erfahrung des Umgangs mit Gott, so zu vertreten, daß die Menschen durch ihre Riten und Reden die Welt und ihr Leben als von Gott gegeben, gehalten und gefordert erfahren. Die zweite Aufklärung habe nicht nur im Protestantismus, sondern zunehmend auch im Katholizismus dazu geführt, "den von der ersten Aufklärung bewahrten Glauben an die Unsterblichkeit der Seele als eine vermeintlich mit dem modernen Verständnis des Menschen als einer psychophysischen Ganzheit unvereinbare Vorstellung preiszugeben".

Wenn dem Vollzug der christlichen Riten und Reden gleichzeitig die Fähigkeit fehle, die Gegenwart Gottes als des Heiligen zu repräsentieren, dann bleibe das Eintreten des Gottesreiches eine - für den Nichttheologen - kaum nachvollziehbare Spekulation. Zwischen die Auferstehung Jesu und die Auferstehung des Christen schiebe sich ein eschatologisches Irgendwann, während "Jesus in einer hochkomplizierten Trinität verschwindet oder gar als Bruder Jesus seine Gottheit abstreift und von ihm nichts als ein Vorbild sozialen Verhaltens übrig bleibt". In diesem Fall werde aus der christlichen Erlösungsreligion ein platter Moralismus, der seine religiösen Züge einem postpubertären Rigorismus verdankt.

Gerade letz­terer Ge­danke drängte sich mir öfter auf, in den Wochen der Ab­stimm­ung über die Stellung des Re­li­gions­unter­rich­tes an Ber­liner Schu­len. "Keine Werte ohne Gott", dröhnte es von den Pla­ka­ten. Als ob es um den Er­halt eines morali­schen Insti­tu­tes ginge, welches ein Mindest­maß an gesell­schaft­lich­er Kon­for­mi­tät zu ge­wäh­ren helfe.

Kommentare:

Elsa Laska hat gesagt…

Komm, Bruder. Wir gehen eine Runde Brot brechen bei mir zuhause ...

Tiberius hat gesagt…

... ja, so ist das wohl heute oft. ... Wo zwei oder drei ...

Elsa Laska hat gesagt…

"Wir haben das Glück erfunden" - sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Kein Hirt und keine Herde.

Tiberius hat gesagt…

... und die Finsternis hat es nicht erfasst.

korrektheiten hat gesagt…

"Als ob es um den Erhalt eines moralischen Institutes ginge, welches ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Konformität zu gewähren helfe." - In einer Stadt wie Berlin wird man eine Volksabstimmung nur gewinnen können, wenn man auch den Agnostikern und passiven Atheisten Argumente an die Hand gibt. Und wenn ein gottlose Gesellschaft auf die Dauer nicht existieren kann: Warum soll man das nicht auch denen sagen, die zwar nicht glauben können, wohl aber in einer zivilisierten Gesellschaft leben möchten?

Tiberius hat gesagt…

Atheisten und Agnostiker leugnen nicht die Notwendigkeit verbindlicher Normen. Sie gründen ihre vermeintliche Sittlichkeit auf die Autonomie des Menschen. Was das ist und wie es ohne Gott überhaupt nur möglich ist, lassen sie gerne unbedacht.

Der Aussage "Es gibt keine Werte ohne Gott" steht die Aussage "Mit Gott gibt es keine gemeinsame Ethik". Angesichts dieses Gegensatzes darf man wohl kaum darauf hoffen, daß ein Agnostiker oder Atheist, sich der Verzweckung Gottes anschließen könnte, ohne ihn nicht als Instrument der sozialen Disziplinierung und damit als Teil eines menschlichen Diskurses um Macht und Herrschaft zu betrachten.

Ich denke nicht an die Menschen, die, ob sie wollen oder nicht, nach Gottes Gesetzen leben, vielleicht um des sozialen Friedens willen, sondern an die Menschen, die, ob sie es schaffen oder nicht, nach Gottes Gesetzen leben wollen, weil sie ihn erkannt haben:

"Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn und er ging hin. Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan?", Mt. 21, 28-31.