Donnerstag, 30. Juni 2011

De mortuis nil nisi ... - Nachruf des Diözesanrates

Aus dem Nachruf des Diözesanrates der Berliner Katholiken zum Tod von Kardinal Sterzinsky:

"... In einer Zeit, die kirchenpolitisch geprägt ist vom Streit zwischen konservativem Rückfall in die Zeit vor dem 2. Vatikanischen Konzil und entschiedenem Eintreten für die Verheutigung des Glaubens, vertrat er eindeutig liberale Positionen. Kirche war für ihn nicht Ort der Durchsetzung einer Norm, sondern - wie er es einmal in einem Gespräch mit dem Vorstand des Diözesanrats formulierte - "Ort der Freiheit und Ermöglichung von Leben". ...

... Laute Medienpräsenz war nicht sein Metier, leibhaftig Solidarität zu zeigen dagegen schon eher. Er ging hin und nahm auf Konventionen kaum Rücksicht. So auch 2008 bei der Verabschiedung von Theodor Clemens, Bischof der Herrnhuter Brüdergemeine. Sterzinsky kam zum Gottesdienst in den Rixdorfer Kirchensaal an einem Sonntagmorgen(!), vorzeitig zurückgereist vom Katholikentag in Osnabrück, auf dessen Abschlussgottesdienst er verzichtete.

Er suchte nicht die große Bühne, sondern den nachhaltigen Effekt. Dass die Katholiken - global eher ein schwieriger Partner in der Ökumene - bei den Kirchen in Berlin und Brandenburg als verlässlicher Bündnispartner gelten, ist entscheidend sein Verdienst. Im Ökumenischen Rat Berlin-Brandenburg, dessen Vorsitzender er von 1997 bis 2003 war, genoss er höchstes Ansehen. Für die Finanzkrise, die 2003 über das Erzbistum hereinbrach, hat er Verantwortung übernommen und sich entschuldigt. Diese Demut ehrt ihn.

Er kannte keine Berührungsängste mit Andersdenkenden, auch nicht mit ideologischen Weltanschauungsgegnern, wenn es um die gerechte Sache ging. Im Frühjahr 2010 trat er zusammen mit Frank Bsirske sowie Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen in öffentlicher Veranstaltung der Gewerkschaft ver.di "Für eine Zukunft ohne Atomwaffen" ein. Im August 2009 traf er sich mit Lothar Bisky, damals Parteivorsitzender DIE LINKE, zum Sommergespräch am Teupitzer See.

Georg Kardinal Sterzinsky, hochbelesen und gebildet, war vermutlich für die zentrale Herausforderung einer Kirche in säkularer Gesellschaft, nämlich angstfrei und wertschätzend den Dialog mit den Anderen zu führen, spirituell und intellektuell besser aufgestellt, als viele in unserer Kirche, die ängstlich den "Heiligen Rest" schützen wollen. Deshalb wird er uns fehlen und deshalb werden wir ihn vermissen.
"

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Ja, genau das ist mir auch aufgefallen. Kirchenpolitik gleich am Totenbett!

Tiberius hat gesagt…

Ja, ja, ... der Kampf muß weiter gehen. Alles für die eigene Sache ...

Arminius hat gesagt…

"...vertrat er eindeutig liberale Positionen."

Das klingt nach übler Nachrede.

Tiberius hat gesagt…

@Arminius: Da sieht man es mal wieder, die einen sagen so, die anderen so. ... In einem Nachruf hätte ich davon nichts geschrieben.