Montag, 29. Juni 2009

Das Herz schreit nicht, wenn es singt und betet

Einmal im Monat singe ich am Sonn­tag­mittag in einer latei­nischen Messe der neueren Form. Der Priester spricht die Ora­tionen, die Präfa­tion und den Canon in Latein am Hoch­altar, die Lesungen und das Evan­ge­lium werden deutsch am Ambo gelesen. Da ich sonn­tags bereits in St. Afra singe und durchaus weiß, wie ich die ver­blei­ben­den Stunden des Tages noch herum­brin­gen könnte, hatte der Gedanke, in einer zweiten Messe zu singen, nicht wirklich etwas Zwin­gen­des für mich. Dennoch habe ich der Bitte gern ent­sproch­en, in der Hoffnung, einem größeren Kreis von Gläubigen den Choral zugäng­lich zu machen und den kon­tem­pla­tiven Vollzug der Messe zu er­leich­tern.

Da der litur­gi­sche Ka­len­der 1970 um­ge­stellt wur­de, pro­fi­tier­te ich ge­wöhn­lich nicht von dem, was wir am Morgen in St. Afra schon ge­sun­gen hatten. Die eigenen Teile des Sonn­tags: In­troi­tus, Gra­du­ale, Alle­lu­ia, Of­fer­to­ri­um und Co­mmu­nio, übte ich also doppelt ein. Unsere Schola bestand aus drei, eher unerfahrenen Laien. Halbe Samstage und große Mühen kosteten die Proben. Mit einem Blick auf das Ideal der lateinischen Choralmesse nahmen wir Abstriche in Kauf, die unseren eigenen Fähigkeiten geschuldet schienen. Schnell stellte sich jedoch heraus, daß auch andere, vornehmlich "pastorale Gesichtspunkte" gegen das Ideal sprachen.

Anders als im Graduale Romanum vorgesehen, sollte schon die erste Messe nicht mit dem Introitus beginnen. Man möge doch, erklärte der Priester, gemeinsam ein schönes, deutsches Lied singen, damit die Gläubigen auch schön mitfeiern können und sich nicht von der Messe ausgeschlossen fühlen, vielleicht auch mal ein schönes, deutsches Lied zur Opferung. Er selber singe die deutschen Lieder auch so gern. - Der Choral hatte kaum Fuß gefaßt, da war er auch schon auf dem Rückzug. Zur dritten oder vierten Messe war das Proprium dann fällig. Ich bekam einen kurzen Hinweis, daß es nicht gewünscht sei. Ein Vertreter des Bistums, so munkelte man, hatte sich befremdet gezeigt: Messe auf Latein, ja, das sei ungewöhnlich, am Hochaltar, schwierig, mit Proprium, klar bedenklich.

Ein neuer, alter, pensionierter Organist des Bistums kam dazu, der - im Gegensatz zu seiner Vorgängerin - auch Orgel spielen kann. Zu meinem Leidwesen paart sich seine hörbare Vorliebe für laute Orgeln mit einem ebensolchen Unverständnis für das gesungene Ordinarium der Messe. Was kein Widerspruch ist. Denn ist die Lautstärke der Orgel schon nicht alles, wie wenig ist sie dem Choral. Aus vollem Herzen singen heißt in unseren Breiten - leider nur zu oft -, unbändige Luftströme durch die Kehle pressen, während unzählige Orgelregister darüber wachen, daß auch kein falscher Ton zu hören ist, obwohl doch das Herz, gerade wenn es vor Liebe überlaufen will, weder schreit noch brüllt.

Kommentare:

Johannes hat gesagt…

Eigentlich sind wenigstens während der geprägten Zeiten die Meßgesänge noch identisch. Durch die Änderung des gesamten Kirchenjahres hat man nun allerdings zu fast der Hälfte keine Überschneidungen mehr. Einiges ist weggefallen, wir singen demnächst auf einer Hochzeit und müssen uns die Noten aus dem internet zusammensuchen oder ein uraltes liber usualis nutzen (wo ich doch keine Büchermilben allergisch bin, hust!). Du hast recht, es wird fast geschrien, nicht gesungen, es gibt einfach zu viel Lärm, unsere Scholaleitering (wir haben eine gemischte Schola) hat ich zu meinem Erstauen ermahnt, doch bitte etwas leiser zu singen. Natürlich klingt es besser, wenn du nicht den Trompetensound auflegst. Das ist es, glaub ich, was fehlt, die Stille und die leiseren töne.

Stanislaus hat gesagt…

Das Witzige daran ist doch, daß nach der alten Ordnung alles im Internet zu finden ist. Sucht man aber die Gesänge der neuen Ordnung, wird man nicht fündig. so veraltet ist der ordo novus schon wieder.

Was die (scheinbar) puristische musikalische Gestaltung der Liturgie anbelangt, da kann ich Euch gut verstehen. Ich kann diese laute Liedersingerei außerhalb von volkstümlichen Sakramentsandachten und Prozessionen auch nicht mehr hören.

Tiberius hat gesagt…

Auf der einen Seite bietet der Choral zu jedem Tag und jedem Fest des liturgischen Jahres seine besonderen auf die Messen abgestimmten Gesänge und auf der anderen Seite werden Lieder nach den Vorlieben und Fähigkeiten der Gemeinde ausgesucht, die mit ihrem Platz in der Messe zum Teil nicht viel zu tun haben und schon gar nicht mit der Stellung des jeweiligen Sonntags im Kirchenjahr.

Mich hat es verwundert, daß ein Priester, der die neue Messe nicht nur auf Latein sondern auch am Hochaltar feiert, damit also doch eine gewissen Hang zur "Hermeneutik der Kontinuität" durchscheinen läßt, dort, wo es in der Messe nicht mehr nur um sein eigenes Reden und Handeln geht, alles preiszugeben bereit ist.

Man stellt sich zwar zur Predigt auf und lehrt die Leute, was ein teleologischer Gottesbeweis ist oder auch nur, warum man sich in der Woche über schönes Wetter gefreut oder über eine Schwulenparade geärgert hat, wenn es aber darum geht, den Gläubigen als Lehrer und Erzieher, abseits der Messe Fähigkeiten zu vermitteln, die zum praktischen Vollzug des Glaubens, hier zum Vollzug der Messe, notwendig sind, verdrückt man sich in sein Pfarrhäuschen.

Beten? Kann man lernen, sollte man sogar lernen, ohne Anleitung und Hilfe ist es jedoch schwer. Hat nicht auch der Herr die Menschen erst mal beten gelehrt? Mit dem Singen steht es genauso? Auch das kann man bis zu einem bestimmten Grad lernen. Schön, wenn es der Priester kann. Er sollte es. Es gab mal eine Zeit, da wurde die Messe nur gesungen oder geschwiegen. Kann man es selbst nicht, dann gibt es vielleicht noch einen Kirchenmusiker, der es dann hoffentlich kann.