Dienstag, 24. Mai 2011

Nicht höher, schneller, weiter - tiefer soll es gehen

Seit etwa drei Jahren bemühe ich mich, das Kirchenjahr nach dem alten Kalender zu leben. Es gelingt nicht immer, aber immer besser. Ich genieße es, die Texte der heiligen Messe im jährlichen Rythmus immer weiter vertiefen zu können. Manchmal bleibt nur ein Satz von einer Messe übrig, oft aus dem Proprium, mit dem ich mich fast zwangsläufig am intensivsten beschäftige, aber auch aus den Lesungen, Evangelien und Orationen.

Im folgenden Jahr kann ich dann daran anknüpfen, in der Hoffnung, mich von Gottes Geheimnis am wiederkehrenden Sonntag noch tiefer durchdringen zu lassen. In der Regel bin ich aber schon froh, wenn es mir gelingt, mich in der Messe ganz in die Gegenwart des Kreuzes zu stellen, um wahrhaft Zeuge von Christi Tod und Auferstehung zu werden. Das geht, was ich früher nicht gedacht hätte, ist jedoch schwer genug. Wenn ich dann aber noch zwei Lesungen, ein Evangelium und alle Gebete Wort für Wort verarbeiten soll, bin ich - soviel kann ich für mich sagen - einfach überfordert.

Ich bemühe mich, nicht mehr abzubeißen als ich kauen kann. Dabei hilft mir das gesungene Wort, die lateinischer Sprache und die Akustik der Kirche, die vieles von dem, was verstanden werden will, wieder wegnehmen. Den Schott lese ich vor der Messe oder ich lasse ihn ganz weg. Heute gilt es natürlich als notwendig, jedes Wort aus des Priesters Mund noch in der letzten Bankreihe glasklar verstehen zu können. Ich jedoch bin froh, wenn ich nicht alles verstehen muß, was ich hören darf, denn daß, was ich wirklich suche, läßt sich, so oder so, weder herbeireden noch verstehen.

Schön ist es für mich, zu wissen, daß die gleiche Messe noch vieles mehr für mich bereit hält, ohne alles gleich entdecken zu müssen. Ich könnte, wäre es mir vergönnt, die gleiche Messe hundertmal mitfeiern ohne sie jemals ganz auszuschöpfen. Immer wieder käme ein neuer Aspekt hinzu oder ich würde mich an einem alten wieder freuen. Allein die Texte des Ordinariums immer tiefer zu durchdringen, auch und besonders vor dem Hintergrund des Kirchenjahres, scheint mir eigentlich schon Aufgabe genug. Nicht höher, schneller, weiter, sondern tiefer soll es schließlich gehen.

Warum aber schreibe ich das alles? Eigentlich nur, um auf eine der vielen Veränderungen des Kirchenjahres aufmerksam machen, die mich an der traditionsverbundenen und organischen Entwicklung des neuen Kalenders zweifeln lässt. Die vorangehenden Ausführungen habe ich vorangestellt, um meine grundsätzliche Skepsis und auch meinen fehlenden Bedarf nach einer aufgebohrten Leseordnung besser verstehen zu können. Vielleicht komme ich darauf an anderer Stelle noch einmal ausführlicher zurück.

Aber nun erstmal zur Sache: Die Sonntage zwischen Ostersonntag und Pfingsten heißen nach den Anfängen des jeweiligen Introitus "Quasimodo", "Misericordia Domini", "Jubilate Deo", "Cantate Domino", "Vocem iucunditatis" und "Exaudi Domine". Nur die wenigsten von denen, die diese Zeilen lesen, werden diese Teile des Chorals schon einmal gehört haben, obwohl ja gerade der Choral ein so hohes Anliegen des letzten Konzils war. Zumindest Protestanten könnte die Bezeichnungen noch geläufig sein, da sie in vielen Landeskirchen noch Gebrauch finden.

Quasimodo ist nun der erste Sonntag nach Ostern. Er wird auch weißer Sonntag genannt und liegt in der Oktav des Osterfestes. Auch was eine Oktav ist dürften eigentlich nur die wenigsten wissen. Den meisten wird es reichen, zu wissen, das sie irgendwie etwas vorkonziliäres ist. Egal. Der alte Kalender nun zählt die Sonntage nach Ostern bis Pfingsten als, man höre und staune, Sonntage nach Ostern. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Zu den vielen Neuerungen des neuen Kalenders zählt es nun aber, diese Zählung zugunsten einer anderen aufgegeben zu haben.

Der neue Kalender zählt die Sonntage der Osterzeit von Ostersonntag als ersten Sonntag bis Exaudi Domine als siebenten und letzten Sonntag der Osterzeit. Warum macht er das? Was soll die neue Zählung bringen, außer das sie neu ist? Ich habe keine Ahnung! - Es handelt sich um eine Kleinigkeit. Das gebe ich gerne zu. Von der Zählung hängt nicht viel ab. Auf mich macht es aber den Eindruck, als habe man das, was über Jahrhunderte galt, einfach deshalb einer Veränderung unterworfen, weil man es konnte und nicht weil man es mußte. Ich zumindest kann darin keinen Gewinn und auch keine Notwendigkeit erkenne.

In meinen Augen zeigt schon diese Änderung, die im Vergleich zu anderen nicht substantiell genannt werden kann, das Grundproblem des neuen Kalenders: es gibt keine organische Entwicklung und damit auch kein umfassendes Traditionsverständnis. Alle, die den alten Kalender und die Tradition der Kirche nicht kennen, und das sind wohl die meisten, können den Verlust als solchen gar nicht fassen. Von mir soll ihnen auch kein Phantomschmerz eingeredet werden. Man darf aber ruhig wissen, daß ein Gebäude, daß über Jahrhunderte bestand, an dem auch immer wieder abgerissen und angebaut wurde, durch den neuen Kalender vollständig in Trümmer gelegt wurde.

Wie ist es anders zu erklären, daß die Sonntage des Osterfestkreises nicht nur neu benannt, sondern gleich auch neu geordnet wurden. Welchen Grund hat es, den Sonntag vom Guten Hirten, auch "Misericordia Domini" genannt, in der Abfolge des neuen Kalenders um eine Woche nach hinten zu verschieben? Gab es dafür einen Bedarf des Gottesvolkes? Hat es ein Geheimnis des Glaubens vertieft oder sogar erstmals in einem neuen Licht aufscheinen lassen? Ich denke, nein. Warum also, müssten sich die Architekten dieser neuen Ordnung fragen lassen, habt ihr es geändert, wenn ihr nicht der Beliebigkeit Tür und Tor öffnen wolltet?

Kommentare:

Gaspares hat gesagt…

Was soll die neue Zählung bringen, außer das sie neu ist?Gar nichts. Neu war zu jener Zeit ein Schlüßelwort, kein Wunder, daß es in jedem Fall gebeugt werden mußte.

ultramontanus hat gesagt…

Besonders der erste Teil deines Artikels gefällt mir hervorragend!